Zeitung Heute : Das rollende Matratzenlager

ROBERT VON RIMSCHA

Im Alternativbus von New York zur Westküste der USAVON ROBERT VON RIMSCHA

"Green Tortoise" heißt, im Bus zu campen.Die rollenden Matratzenlager halten in Nationalparks, an versteckten, heißen Quellen und in Künstlerkolonien.Deshalb brauchen sie auch etwas länger als andere Busse. Es war wieder einmal der Rückwärtsgang.Seit Chicago wollte der nicht so richtig.Jetzt, mitten in Nebraska auf einer Schotterpiste, rührte sich "Sammy" überhaupt nicht mehr."Sammy" ist ein grünweißer Bus, gut 30 Jahre alt, knapp vier Millionen Meilen gefahren, und arbeitet für ein Unternehmen namens "Green Tortoise". Vorwärts ging es nicht, rückwärts ohnedies nicht.Es war kurz nach neun Uhr abends, die meisten Fahrgäste schliefen bereits nach einem anstrengenden Wandertag, in ihre Träume gewiegt vom Landstraßen-Gewackel "Sammys".Als der dann plötzlich stillstand, wachten ein paar Reiseteilnehmer auf.Mit viel Schieben und Schimpfen gelang es bald, den Bus flott zu kriegen.Fünfzig Meter weiter war "dinner stop".Und fünf Minuten später, als zur chinesischen Suppe ein endloser Güterzug sich neben dem Rastplatz durch die Nacht schlängelte, war auch klar, warum "Sammy" hängengeblieben war: Es lag an den Schienen und an steilen Wällen, die rund um sie aus Schotter aufgeschüttet worden waren."Sammys" 24 vorübergehende Bewohner hatten eine Viertelstunde lang friedlich dort geschlummert, wo sonst Züge Amerikas Westen durchqueren, mitten auf den Gleisen.Wieder einmal war also nichts passiert, und dennoch war die "Green Tortoise" ihrem Ruf gerecht geworden, für Abenteuer und Ungewöhnliches zu sorgen.24 junge Menschen hatten sich in New York dem Unternehmen verschrieben.Ob Seelenverkäufer oder nicht - die meisten waren, als sie in Harlem erstmals "Sammy" bestiegen hatten, angetan ob der Wohnlichkeit ihrer mobilen Heimat. Das ist das Prinzip der "Green Tortoise".Die Busse sind nicht nur altersschwach, sondern vor allem umgebaut.Eine Holzplattform in den hinteren zwei Dritteln des Busses ist mit Matratzen ausgelegt.Darunter wird das Gepäck verstaut.Zwei Tische mit vier Quer-Bänken in der vorderen Mitte des Busses und zwei Längs-Bänke vorn lassen sich mit wenigen Handgriffen umklappen.Dann ist überall Matratze."Arrive inspired, not dog-tired" lautet das Firmenmotto: "Kommt inspiriert, statt hundemüde an." Wobei das Ankommen bei der "Green Tortoise" nicht das vordringliche Ziel ist.Die Busse des Unternehmens aus Kalifornien brauchen gut doppelt so lang wie ihre Konkurrenz von den amerikanischen Linien-Unternehmen "Greyhound" oder "Peter Pan".Die Zeit wird nicht vergeudet."Tortoise"-Busse halten in Nationalparks, an versteckten heißen Quellen, bei Künstlerkolonien irgendwo in der Pampa.Indianerreservate werden angelaufen, oder der "White River" in South Dakota, der nur knappes Wasser führt, dafür aber 50 Zentimeter tiefen Schlamm bietet - "mud yoga", Schlamm-Yoga, heißt die dazugehörende Freizeitmöglichkeit.Hier ist eben wahrlich der Weg das Ziel.Zwischen 20 und 40 Reisegäste lassen sich jeweils auf das Abenteuer ein, zehn Tage lang auf jede Privatsphäre zu verzichten und Stunden damit zu verbringen, in schlammigen Kartons vorn am Rande des Schlaf-Podestes zum wiederholten Male nach den eigenen Schuhen zu suchen, die beim Erklettern der Podiums-Matratze natürlich ausgezogen werden mußten.Sind es nur 20, die angeheuert haben, ist genug Platz zum Schlafsack-Schlaf da - auf der zentralen Matratzen-Liegewiese oder oben in den einstigen Gepäckfächern. Sind es 40, die quer durch Amerika fahren, wird es eng."Tortoise"-Reisen sind auch ein Experiment in Sachen Toleranz.Wieviele Schnarcher verträgt ein Bus? Wieviele Bierfreunde dürfen wie lange wie viel trinken und dazu wie laut singen, ohne ihre Mitreisenden auf die Palme zu treiben? Dürfen Füße riechen? Wenn ja, wie nahe dürfen sie lagern? Zwei Fahrer sind stets dabei, und sie pflegen sich zurückzuhalten.Der eine fährt nachts und schläft tagsüber in einer separaten Fahrer-Koje ganz hinten in "Sammy", der andere fährt tagsüber, wenn denn gefahren wird, oder kauft ein.Denn die "Grüne Schildkröte" versorgt ihre Gäste auch mit Nahrung.Zweimal am Tag, zu einem späten Frühstück und zum frühen Abendessen, müssen ein paar Gäste "Sammys" Dach erklettern.Drei dort festgezurrte Holztische werden dann heruntergewuchtet, vier Gaskocher aufgebaut, aus einem knappen Dutzend Kühlbehälter werden Milch, Eier, Gemüse und Obst hervorgeholt.In zwei alten Werkzeugkästen sind die Utensilien: von Messern und Gabeln über Pressen und Haêkebeilchen bis hin zu jenen gewaltigen Schabern für den Käse, der für die Omelettes gebraucht wird."Na, wo wohnt der Honig?", pflegt Fahrer Jimmy die Novizen zu verhören, die auch am dritten Morgen noch nicht mitgekriegt haben, wie die Verpflegung organisiert ist. Morgens ist meist Obstsalat angesagt, und fünf Mitreisende zerkleinern Dutzende Äpfel, Melonen, Bananen, Mangos oder Pfirsiche.Andere werden hinterher den Abwasch erledigen.Das pendelt sich ein und gleicht sich aus - wenn nicht, streitet sich die Gruppe eben.Danach ist Wandern geplant."Tortoise"-Fahrer meiden Städte.Sie fahren ihre Schützlinge lieber die Nacht durch. Die "Tortoise" ist eine Kommune auf Zeit.Neben amerikanischen Panoramen, neben Nationalparks und einem landstraßen-errollten Sinn für Amerikas Weite geht es vor allem um 24 Unbekannte, die sich in zehn Tagen recht nahe kommen.Der Anteil der Amerikaner in den Bussen ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken; mehr als ein Viertel stellen sie selten.Meist bieten die Deutschen das größte Kontingent auf.20 Jahre Mundpropaganda zeigen ihre Wirkung. Die meisten Passagiere sind Studenten und daher Anfang oder Mitte zwanzig.Oft sind auch ein paar Wagemutige im Rentenalter an Bord der "Green Tortoise" - bei diesem Trip jedoch sind vier Reisende um die 30 die Senioren.Die Fahrer berichten, Ärger gebe es zuweilen, wenn Leute in der Midlife-Crisis dächten, noch einmal etwas Verrücktes tun zu müssen.Wenn massives Übergepäck oder drei Schminkkoffer darauf hindeuten, daß ein Reisegast den Anflug von "survival training", der jeder "Tortoise"-Fahrt anhaftet, nicht verstanden hat, versuchen die Fahrer zu vermitteln. Viel Erlebtes ist Zwischenmenschliches.Petra aus München hört von Inbal aus Tel Aviv zum ersten Mal in ihrem Leben, daß in Israel Frauen zur Armee müssen, und wie das genau abläuft.Der Schweizer Lehrer Ueli erfährt von seinem US-Kollegen Kimon, wie es sich im Ghetto South Central in Los Angeles unterrichtet.Die Studenten, vor allem die jüngeren, bewundern die 30jährigen, die alle tolle Jobs und eigentlich genügend Geld haben, um sich Komfortableres als die "Green Tortoise" zu leisten. Komfortabel ist das Reisen per Matratzen-Bus nicht.Als Dusche dient am ersten Abend, drei Stunden hinter New York, der Fluß namens Delaware, dann der Mississippi kurz hinter Chicago, dann der Moon Lake in Minnesota, gefolgt vom Lake Walgren in Nebraska, in dem Carlos aus Prag seine Brille verliert, die Georg aus München beim ersten Tauchgang in vier Metern Wassertiefe und schlammigem Grund sofort finden wird.Da es an Bord keine Toilette gibt, muß mit einer Skala zwischen eins und zehn angegeben und dem Fahrer übermittelt werden, wie dringend das Bedürfnis nach einem kurzen Stopp am Straßenrand ist.Herren können notfalls auch eine trichterförmige Vorrichtung mit nach außen führendem Schlauch benutzen. Die Amerikaner leiden für gewöhnlich am meisten unter den hygienischen Beschränkungen.Europäer sehen derlei offenbar gelassener.Eher alters- denn nationalitätsabhängig scheint indes die Bereitschaft zu sein, in der "Tortoise"-Nähe, wahre Nähe zu suchen.Die zwei oder drei Nächte pro Kontinentaldurchquerung, bei denen draußen in Halbwüsten oder Gebirgswäldern statt im Bus gecampt wird, bieten sich zur Anbahnung an.Die gezielte paarweise Abspaltung von der "Tortoise"-Gruppe ist meist das erste Indiz.Wer sich schließlich als Pärchen outet, kann das Vorrecht in Anspruch nehmen, die "honeymoon suite" zu beschlafen."Flitterwochen-Suite" ist die euphemistische Charakterisierung der zwei Quadratmeter Boden unterhalb jedes Bordtisches. Was die "Tortoise" wirklich ist, erschließt sich jedenfalls von außen nur schwer.Im flachen Mais-Mittelwesten der USA hatten sich zwei zweifelnd aussehende Normal-Amerikaner auf einem Parkplatz zögerlich unserem Bus genähert und zweifelnde Bliêke ins Innere geworfen.Die Neugier trieb sie dann doch, nachzufragen, was das denn nun schon wieder sei."Ach", meinte unser mitreisender Lehrer aus Los Angeles, "wir sind nur ein paar New Yorker Künstler und radikale europäische Studenten auf Gruppensex-Therapie-Reise".Gegenüber fielen die beiden Kinnladen der Neugierigen so erschrocken hinunter, daß unser Lehrer sich freundlich entschuldigte."Nein, nein, wir fahren einfach nur durch Amerika." TIPS FÜR DIE BUSTORTURIn den späten 70er Jahren gab es Dutzende Unternehmen wie die "Tortoise" in den USA.Die meisten rasten indes der etablierten Linienkonkurrenz hinterher, wollten zugleich billiger und schneller sein.Seit Amerika den Flugmarkt dereguliert hat und Fliegen billiger wurde, sind die alternativen Busbetriebe einer nach dem anderen eingegangen.Übrig blieb der Bus, der auf Erleben statt Stundenschinden setzt: die "Tortoise". Deren Fahrer sind umweltbewußt.Vor allem in der Wildnis des amerikanischen Westens beschreiben sie geduldig, wie mit Hilfe der beiden bus-eigenen Schaufeln jedes Bedürfnis so erledigt werden kann, daß nichts Sichtbares zurückbleibt.Die Fahrer dieser Gruppe waren ein echter Alt-Hippie und der 34jährige Jimmy, der mit Rauschebart und Sonnenuntergangs-Begeisterung aufzuholen schien, was ihm an Freak-Jahren fehlte. Reisezeit und -ziele: Seit Anfang der 70er Jahre rollen die Busse der "Green Tortoise".Als Standardroute geht es die Westküste hinauf und hinunter.Von April bis Oktober kann man von Küste zu Küste fahren.Im Hochsommer ist Alaska im Programm.Kurzreisen führen von San Francisco aus zum Grand Canyon oder nach Yosemite - oder man bucht die Rundreise durch zehn Nationalparks im Westen der USA.Im Winter stehen ausgedehnte Mexiko-, Guatemala- und Costa-Rica-Fahrten auf dem Programm. Reine Strandreisen sind die Baja California-Trips den Winter über, wahlweise sieben oder zehn Tage lang.Im Frühling geht es zum Karneval Mardi Gras nach New Orleans. Kosten: Mit rund 30 Dollar am Tag - für Transport und Unterkunft - sowie rund 5 Dollar für die Verpflegung ist man dabei."Tortoise"-Reisen ist nicht nur billiges, es ist auch effektives Reisen.Die Trans-Amerika-Fahrten bieten neben der Beförderung an Natursehenswürdigkeiten mehr, als ein Privatfahrer in der doppelten Zeit organisieren könnte. Auskunft: In den USA per Telefon:1 / 800 / Tortoise.Schriftlich: Green Tortoise, 494 Broadway, San Francisco, CA 94133, USA. Das Unternehmen unterhält in San Francisco auch ein jugendherbergsähnliches Traveler-Hotel.Die Urlaubsreisen vor allem nach Alaska und Mittelamerika sind meistens monatelang vorher ausgebucht.Für andere Fahrten genügt eine kurzfristigere Anmeldung.

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