Zeitung Heute : Das Schauspiel seines Lebens

Bruno S. war der Autist Kaspar Hauser in Werner Herzogs Erfolgsfilm, er und die Rolle sind bis heute eins. Nun wird er 75 Jahre alt

Deike Diening

Mit geschlossenen Augen gibt es keine Zweifel. Es spricht Kaspar Hauser. Diese eindringliche. Kräftige. Langsame. Und unbeirrbare Stimme. Die nach jeder Sinneinheit abfällt. Und pausiert. Als habe sie jetzt viel mehr beschlossen als nur einen grammatischen Bogen. Es ist der Kaspar Hauser aus Werner Herzogs Film „Jeder für sich und Gott gegen alle“ von 1974.

Doch wer im Jahr 2007 die Augen öffnet, an einem Freitagabend, in der „Stadtklause“ am Anhalter Bahnhof in Berlin, sieht dort, wie die meisten Freitage im Jahr, Bruno Schleinstein sitzen, „nach dem man die Uhr hier stellen kann“, im karierten Sakko. Bruno S. tut nämlich noch immer das, was er tat, als Werner Herzog ihn fand: ein Berliner Original sein. Montags, mittwochs und samstags wuchtet er eine instrumentenbespannte Sackkarre aus seiner Wohnung und zieht „um die Häuser“, um Musik zu machen. Bruno S., Berliner, von sich sprechend in der dritten Person, „der Bruno“ sagt er.

„Dem Bruno“, hatte Werner Herzog gesagt, „verdanke ich eigentlich den ganzen Film.“ Ein merkwürdiger, rätselhafter, berührender Kultfilm, der in Cannes die Goldene Palme holte und vom ungeheuer starken Spiel seines Hauptdarstellers Bruno S. lebt. Es wirkte so stark, weil es keines war. Weil Kaspar Hauser auf schicksalhafte Weise mit Bruno S. verbunden ist.

Der Filmemacher Werner Herzog hatte das Drehbuch zu Kaspar Hauser gerade zwei Tage zuvor fertiggestellt, da sah er den Film eines Studenten über Berliner Straßenmusiker, darin „die Fundsache Bruno S.“ Bruno S., der tagsüber bei Borsig den Gabelstaplerfahrer gab und in seiner Freizeit mit dem Akkordeon durch die Straßen zog, um Moritaten mit bitterem Ende zu singen.

Da hatte Werner Herzog für die Rolle des Kaspar Hauser einen Menschen gefunden, der nur im ersten Moment völlig unlenkbar schien, dann aber sofort begriff. Vielleicht besser begriff, als es je ein professioneller Schauspieler hätte tun können: wie es ist, wenn ein erwachsener Mensch plötzlich aus völliger Isolation in die Welt geworfen wird. Wie es ist, wenn einer kaum Sprache beherrscht. Wie es ist, wenn einer, weil er nicht zu den anderen passt, jahrelang beguckt, bewertet und getestet wird.

Warum Brunos S. es so genau wusste? Weil es auch seine Geschichte war.

Jetzt dreht er von innen den Schlüssel um, so oft es geht in seiner Tür, und da ist man drin mit ihm, in seiner Welt, in seiner Wohnung, Kurfürstenstraße, erster Stock, auf der Straße der Strich, die Wohnung voller Instrumente, ein Flügel, ein Klavier, viele Akkordeons und Glocken. Überall Glocken. Zeitungen, Büsten von Beethoven, Liszt und Wagner, Holzpferdchen, Medikamente, Bilder, Kaffeemühlen elektrisch und manuell. Aber kein Sofa, kein Sessel, keine Sitzgelegenheit. Nur der Klavierhocker bietet sich an, und hinter dem Flügel quetscht eine Matratze. Mittendrin steht Bruno S., er steht meistens. „Ich spiele jetzt mal was.“ Er schließt sein Akkordeon in die Arme. Er singt „Die Gedanken sind frei.“ Er besteht auf allen Strophen.

„Der war ja gar nicht geistesgestört“, hatte Herzog gesagt; nur in einer Katastrophe gefangen. Und die begann, als Bruno Schleinstein am 2. Juni 1932 in Berlin Friedrichshain in die Welt und an eine mit drei unehelichen Kindern überforderte Mutter geriet, der die Hand locker saß. Als sie zum ersten Mal mit ihm an der Tür eines Kinderheims stand, da war Bruno sechs Wochen alt und hatte schon Mangelerscheinungen und Hirnschäden. Autismus hat ja auch physiologische Ursachen.

Als er zwei Jahre alt war, gab ihn seine Mutter ganz ab. Er, der in den folgenden Jahren in verschiedenen Heimen nie Besuch bekam, hatte begriffen, dass seine Mutter, die er nur als „Frau Bremse“ bezeichnet, ihn nicht haben wollte. Trotzdem floh er immer wieder aus den Heimen in und um Berlin, nur um dann auf den Dachböden der Häuser in der Gegend um den Alexanderplatz zu übernachten. Immer im Magnetfeld seiner Mutter, jedoch ohne sie zu sehen. Dann war Krieg. Wahrscheinlich wurden mit dem Kind Experimente gemacht. Es ist schwer herauszufinden, welche, es existieren nur noch wenige Akten. Einigen Bekannten hat Bruno im Nachhinein von Versuchen am Rücken erzählt, doch ob er wirklich ein „Reichsausschusskind“ war, haben auch seine Freunde nicht herausbekommen können. Die Mutter starb. Bruno steckte man in die Nervenheilanstalt.

Doch mit 23 Jahren, im Februar 1956, wurde er plötzlich in die Welt der anderen entlassen. Urteil: arbeitsfähig. Er war 23, und jetzt sollte er sich in der Welt zurechtfinden und tun, was alle taten: arbeiten.

Bruno bewegt sich vorsichtig durch die engen Gänge zwischen den Gegenständen. Er ist jetzt Rentner, auch wenn dieses Wort zu gewöhnlich scheint. Er malt Bilder, die mit den Texten seiner Lieder zu tun haben, die mit seinem Leben zu tun haben. In Farben, deren Mischung er mit eigenen Methoden erforscht. Dazu hat er früher auf die Propeller von Ventilatoren verschiedene Farben gemalt. Er hat dann den Propeller angestellt, und im schnellen Drehen durch die Überblendungen die Farben zusammen als Gemisch wahrgenommen. Später hat er sich Farbscheiben gemalt, die er auf eine Schleifmaschine setzte. Er stöpselt den Stecker ein. Wenn sie sich drehen, sieht man das Mischungsergebnis. „Hier“, sagt er und projiziert ein Dia auf ein Arbeitsbrett. „Da hinten könnte demnächst der Leichenwagen stehen, und da könnte jemand herausgetragen werden.“

Werner Herzog war extrem beeindruckt, Bruno S. hatte eine Disziplin, von der der Filmemacher vermutete, dass sie von seiner Arbeit als Gabelstaplerfahrer bei Borsig rührte. Vorher hatte er in einer Verzinkerei am Kessel gestanden. Jedenfalls war Bruno morgens der Erste, der wach war beim Dreh. Und als er dann bei der Pressekonferenz der Filmfestspiele in Cannes vor der internationalen Presse aufstand und sagte: „Ich habe heute zum ersten Mal das Meer gesehen“, da ging ein Raunen durch den Saal. Es war die glaubhafte Verlängerung des Films mit Mitteln des realen Lebens. Da stand Bruno S. Da stand Kaspar Hauser. Für alle sichtbar verschmolz der Film mit seiner Hauptperson.

Dass sich für Bruno S. dieses Amalgam bis heute nicht wieder getrennt hat, halten ihm manche vor. Doch der unselige, nicht enden wollende Beginn von Brunos Leben mit seinen vielen losen Enden fügte sich nun zu etwas Großem. Bruno war plötzlich aufgehoben in einer Geschichte, die, so rätselhaft sie ist, doch so etwas wie eine Erklärung lieferte. Und weil die Ähnlichkeiten so frappierend sind, kann ja auch niemand anders heute mehr sagen, wo Kaspar Hauser aufhört und wo Bruno Schleinstein anfängt.

Als Werner Herzog kam, bekam die „Katastrophe“ einen Überbau.

„Welche Farbe hat das Gewissen? Wissen Sie das? – Sehen Sie, das kann mir niemand beantworten!“ Bruno kann man nicht unbegrenzt Fragen stellen. Dafür hat er selbst zu viele. Diese Fragen sind drängender als die Chronologie seines Lebens. Auf einer seiner musikalischen Runden, er spielte gerade in der Bregenzer Straße, fiel ihm ein: Das Gewissen ruht in der Seele. Er schrieb es sich auf ein Stück Karopapier und bewahrte es auf: „Hier. Das Gewissen ruht in der Seele.“

Niemals würde er in der U-Bahn spielen. Dafür ist er zu sehr altes Berlin. „Ich gehe auf die Höfe. Was durchgeben.“ Obwohl die meisten Höfe ja seit Jahrzehnten abgesperrt und mit Klingelanlagen ausgestattet sind. Während er unten seine Instrumente von der Sackkarre schnallt, schieben sich in den oberen Stockwerken die Köpfe über die Fensterbretter. Dann gibt er durch: „Mamatschi, schenk mir ein Pferdchen.“ Nach drei Strophen holen zwei Pferde die tote Mutter ab.

„Ich mache das systematisch“, ein Stadtviertel nach dem anderen, „das kann ein oder zwei Jahre dauern.“ Er nimmt die Viertel in Blöcken. Weshalb sein Rentnerdasein nun alle Merkmale von Arbeit trägt: die Überwindung, die Regelmäßigkeit, die Schwere, die Entlohnung, der soziale Kontakt. Per Sackkarre, Ziehharmonika, Glockenspiel und einzelnen Glocken. Letztere hat er sich für die Zwischenspiele besorgt. Er spielt immer alle Strophen. Jede hat von ihm einen Titel bekommen. „Manchmal erkennen mich die Leute noch – das ist erstaunlich.“

Viele kannten ihn schon vorher als Berliner Original, doch nachdem Kaspar Hauser im Film erstochen worden war, geschah mit seinem Darsteller etwas Merkwürdiges. Es war, als hätten alle durch den Film eine Anleitung erhalten, wie man mit jemandem, der zwar autistische Züge hat, sonst aber originell und auch witzig ist, umgehen kann. Die Berliner waren plötzlich neugierig auf ihn geworden wie die Nürnberger auf den historischen Kaspar Hauser.

Seitdem fördert Bruno S. auf seine Art das Gute in Menschen zutage. Er rührt sie mit seinen ernsthaften Fragen. Er erstaunt sie mit seinen Assoziationsketten zu abstrakten Begriffen. Sein Lachen ist ohne Vorbehalte.

„Jeder hat nur ein Leben“, sagt Franz Josef Göbel. Bruno S. habe aus dem seinen 100 Prozent herausgeholt. Dass es so tragisch begann, war die Schuld anderer. Dass Bruno später Herr dieses Lebens geworden ist, ist sein eigenes Verdienst. Göbel ist ein Freund, vor Jahren ist er Bruno immer mal auf der Straße begegnet, sie waren so lange „gesichtsfreundlich“ zueinander, bis sie sich angesprochen haben. Göbel bewundert den jahrelangen Kampf, aus dem „Ghetto des Autismus“ mittels Musik und Malerei auszubrechen, seitdem Bruno im Krankenhaus zum ersten Mal eine Ziehharmonika in die Hände bekam. Er kennt aber auch die traurigen Schleifen, in die sich Bruno hineinsteigert. „Viele Universitätsprofessoren sind einsamer als du“, sagt er ihm dann. „Viele Alte sind verbitterter.“ – „Welche Farbe hat die Volksverdummung?“, ruft Bruno dann laut. – „Die Volksverdummung ist ein Vogel mit bunten Federn!“

Die Befreiung des Menschen durch die Kunst – wo kann man das so deutlich sehen, fragt der Künstler Klaus Theuerkauf. Er hat Bruno 1979 im U-Bahnhof Hansaplatz angesprochen und war dann da, all die Jahre. Er bewahrt dessen Bilder auf, Kuli auf Millimeterpapier. Er beobachtete, wie Bruno S. aufgehört hat, die starken Lux-Zigaretten zu rauchen; wie er – mutmaßlich nach einem letzten Besäufnis, das über zehn Jahre zurückliegt – auch das Trinken drangegeben hat.

Bruno S., „in der Fremde liegt der Tod“, liebt seine eigenen, geregelten Wege. Fast jeden Tag isst er beim Fleischermeister Staroske in der Potsdamer Straße, und weil er ja nicht immer Geld mitnimmt, wenn er das Haus verlässt, kann er dort anschreiben. Freitags ist er in der „Stadtklause“, donnerstags meist bei Klaus Theuerkauf im Atelier. Bruno schreibt sich akribisch die Medikamente auf, die er genommen hat, um 22 und 23 Uhr, gegen Wasser und für die Bronchien. Wegen der Werbeanrufe, die in letzter Zeit überhandgenommen haben, hat er seit Wochen sein Telefon ausgestöpselt. Aber dass er bei Vollmond schlecht schlafen kann, ist etwas, das er mit vielen Menschen teilt.

Bruno sitzt jetzt auf dem Klavierhocker und spielt die „Loreley“ an seinem zugekramten Flügel. Die Töne steigen langsam unter den Gegenständen hervor wie Bodennebel. Eine Bekannte bot ihm mal an, den Flügel zu stimmen. Aber dann hätte er all die Dinge, die auf dem Deckel liegen, abräumen müssen. Es hätte ja auch keinen Platz gegeben, sie in der Wohnung irgendwo anders abzustellen. „Man stellt mir zu viele Fragen.“ – „Und damit ihr’s wisst, manchmal habe ich mehr Angst davor, weiterzuleben als umzukippen.“

Morgen, am Samstag, wird Bruno Schleinstein 75 Jahre alt.

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