Zeitung Heute : Das schmutzige Geschäft mit der Lust

Michael Burucker

Mädchenhandel - Das schmutzige Geschäft mit der Lust. RTL. 20 Uhr 15: Jemandem werden mit einer Art Teppichmesser die Augäpfel herausgeschnitten, bevor man ihn tötet. Ein aufgeräumter Gerichtsmediziner, der die Leiche mit sportlichem Interesse ("Gute Arbeit") in Augenschein nahm, zeigte später triumphierend die Augäpfel vor, die er, wie er dem Kommissar darlegte, in den Genitalien einer ermordeten Minderjährigen gefunden habe. Zweifellos muss Kunst in Grenzbereiche des Vorstellbaren vordringen dürfen. Gefragt aber werden darf wohl nach der Reflexionsebene, die die Darstellung solch mythologischer Grausamkeiten rechtfertigt. Die ist im "großen TV-Roman" von RTL nicht vorhanden. Hatte es der Teenie-Kommissar, der wie aus einer RTL-Seifenoper geklont wirkte, eben noch mit augenlosen Leichen zu tun, saß er im nächsten Augenblick plaudernd mit der schwangeren Freundin beim Eis.

Die Unfähigkeit, dem Zuschauer auch nur annähernd die Dimension von Sadismus und Obszönität bewusst zu machen, auf der hier, um der Quote willen, gehandelt wird, lässt solche Filme gefährlicher erscheinen als den Horror-Müll in den Hinterzimmern der Videotheken. Was ist Medienaufsicht da noch wert?

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