Zeitung Heute : Das schnelle Geld

Ex-BayernLB-Vorstand Gribkowsky wurde verhaftet – welche Dimension hat die Affäre?

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Die Ermittler kamen in sein Haus im noblen Münchner Vorort Grünwald. Nun ist Gerhard Gribkowsky, Ex-Manager der skandalgeschüttelten BayernLB, in Haft. Der 52-Jährige soll aus dem Formel- 1-Umfeld Schmiergeld erhalten haben. Auf einem privaten Stiftungskonto in Österreich jedenfalls wurden 50 Millionen US-Dollar gefunden.

Welche Bedeutung hat der Fall Gribkowsky über Bayern hinaus?

Eine ganz enorme – immer vorausgesetzt, die Anschuldigungen treffen zu. Das Geschehen könnte sich zum bisher größten Korruptionsfall der Republik ausweiten. Seit einem Dreivierteljahr quält sich die bayerische Landespolitik damit, in einem Untersuchungsausschuss den desaströsen Kauf der österreichischen Schrottbank Hypo Groupe Alpe Adria (HGAA) durch die BayernLB aufzuklären. 3,7 Milliarden Euro sind dabei an Verlusten entstanden. Deshalb war das Image des landeseigenen Instituts schon ruiniert. Inkompetenz, fatale Fehleinschätzungen und Größenwahn wurden den Verantwortlichen sowie den einstigen CSU-Politikern im Verwaltungsrat vorgeworfen. Nach der Verhaftung Gribkowskys wettern nun etwa die oppositionellen Freien Wähler (FW): „Die BayernLB war offensichtlich ein Selbstbedienungsladen für Betrüger.“ Die Grünen fragen, „warum offenbar wieder einmal sämtliche Sicherungs- und Kontrollmechanismen versagt haben“.

Was genau wird Gerhard Gribkowsky vorgeworfen?

Veruntreuung, Bestechlichkeit, Steuerhinterziehung – wegen dieser drei vermuteten Straftaten hat die Münchner Staatsanwaltschaft Gerhard Gribkowsky am Mittwoch in Haft genommen. Denn es besteht Fluchtgefahr. Gribkowsky soll in der österreichischen Privatstiftung „Sonnenschein“ 50 Millionen US-Dollar (knapp 38 Millionen Euro) gebunkert haben, die er womöglich als Schmiergeld im Zusammenhang mit dem Verkauf der Formel-1-Rechte durch die BayernLB erhalten hat.

Wie soll der Deal abgelaufen sein?

Das Geschehen reicht zurück bis ins Jahr 2006: Als der Filmhändler Leo Kirch pleiteging, fielen seine Anteile an der Formel 1 an die BayernLB, denn Kirch war bei dieser verschuldet. Gribkowsky verantwortete bei der staatlichen Bank das „Risikomanagement“ – er musste prüfen, dass das Institut keine zu riskanten Geschäfte einging. Seine Aufgabe war es auch, die Kirch-Anteile so gut wie möglich wieder zu verkaufen. Die Papiere gingen an den britischen Finanzinvestor CVC und von dort wiederum an den Formel-1-Chef Bernie Ecclestone. Die Anschuldigung steht nun im Raum, dass Gribkowsky dafür die 50 Millionen Dollar kassiert hat, die als Beraterhonorar verbucht worden waren. Von wem genau, ist bisher offen. CVC hat am Donnerstag bestritten, Schmiergeld an den Banker gezahlt zu haben. Im Gegensatz zu Deutschland kann man in Österreich Privatstiftungen gründen, deren Zweck einzig und allein die Versorgung des Stifters und seiner Angehörigen ist. Steuerlich ist das attraktiv. Allerdings: Macht ein Deutscher so etwas, muss er die Gewinne in Deutschland normal versteuern. Auch darf das Stiftungsgeld natürlich nicht auf kriminelle Art in die Hände des Stifters gelangt sein.

Wer ist Gerhard Gribkowsky?

In der Öffentlichkeit ist recht wenig über ihn bekannt. Er ist 52 Jahre alt, promovierter Jurist aus Norddeutschland und arbeitete bei der Deutschen Bank. 2003 ging er als Vorstandsmitglied zur BayernLB, die sich 2008 von ihm trennte. Er lebt in Grünwald, einem Münchner Nobelvorort südlich der Landeshauptstadt. Seit 2008 gilt Gribkowsky als Privatier. Er gehört dem Aufsichtsrat des Baukonzerns Züblin mit Hauptsitz in Stuttgart an.

Welche Rolle hatte er bei den anderen Skandalen der Bank?

Die BayernLB hat Gribkowksy 2008 gefeuert, weil er mitverantwortlich war für riesige Verluste bei Investitionen in Papiere des zusammenkrachenden US-Häusermarktes. Insgesamt, so wird berichtet, sollen dabei vier Milliarden Euro Schaden entstanden sein. Dennoch hat Gribkowsky sein Gehalt in sechsstelliger Höhe offenbar noch bis 2010 weiterbezogen. Auch für den HGAA-Skandal stand er in der Verantwortung, deswegen wird schon gegen ihn ermittelt. Im Untersuchungsausschuss war er im Juni 2010 geladen, verweigerte aber die Aussage. Neben ihm geht die Justiz derzeit auch gegen weitere Vorstände und den damaligen Vorstandsvorsitzenden Walter Schmidt vor.

Zeigt der Fall Gribkowsky wieder einmal, dass Banker besonders geldgierig sind?

Eher nicht. Banker legen im Allgemeinen Wert darauf, dass sie ihre Millionenbezüge formal rechtmäßig erwerben. Nur so können sie einen Zusammenhang mit ihrer Arbeitsleistung herstellen – und sich selbst und anderen suggerieren, dass sie dieses Geld für ihre Leistung erhalten. Denn der Reiz der vielen Millionen liegt ja nicht in ihrem realen Wert – sondern darin, dass man diese Unsummen angeblich auch „wert“ ist. Gribkowsky hingegen hat sich, wenn sich die Anschuldigungen bewahrheiten, einfach „nur“ grob kriminell verhalten.

Wie geht es nun weiter?

Die Staatsanwälte ermitteln und werden gegebenenfalls Anklage erheben. In der Landespolitik wird das Thema die kommenden Wochen hochkochen, die BayernLB-Manager werden scharf angegriffen werden. Auch wird sich der Untersuchungsausschuss mit dem Fall beschäftigen. Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP), Koalitionspartner von Horst Seehofers CSU, möchte das Österreich-Geld einfrieren lassen, um es für möglichen Schadenersatz wegen der HGAA-Pleite heranziehen zu können. Und Seehofer spricht von einem „Rückschlag“ und verlangt schnellstmögliche Aufklärung.

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