Zeitung Heute : Das Schtetl in Kalifornien

FRANK NOACK

"Hollywoodism" - ein amerikanischer Dokumentarfilm über die Gründer der TraumfabrikVON FRANK NOACKUnter allen möglichen Gesichtspunkten sind Filme schon analysiert worden; es gibt politische und formalästhetische Ansätze, männliche und weibliche Sichtweisen.Doch der Umstand, daß fast alle großen Filmmogule aus Hollywoods Glanzzeit Juden waren, wird bei vielen Interpretationen kaum berücksichtigt.Dafür gibt es einen guten Grund: die Produzenten sind jahrzehntelang zum Feindbild aufgebaut worden: geldgierig seien sie und besäßen darüber hinaus keinerlei Kunstverstand, hieß es. Eine solcherart verhaßte Berufsgruppe mit Juden zu identifizieren, würde zu Antisemitismus-Vorwürfen berechtigen.Simcha Jacobovicis Dokumentarfilm "Hollywoodism" zeigt nun, daß ein Hinweis auf die starke Präsenz von Juden in Hollywood keineswegs zu deren Diffamierung beiträgt, ganz im Gegenteil. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt führte sie in die Vereinigten Staaten: Samuel Goldwyn, eigentlich Goldfisch, aus Warschau, Louis B.Mayer aus Minsk und Lewis J.Selznick aus Kiew waren den Pogromen mit knapper Not entgangen.In New York angekommen, mußten sie freilich weitere Demütigungen ertragen; ganze Berufszweige blieben ihnen verwehrt.Also zogen sie an die Westküste und bauten sich in Kalifornien ihre eigenen Schtetl auf, die zu einem glanzvollen Königreich anwuchsen.Die einst so hilflosen Flüchtlinge fanden sich auf dem Gelände von MGM, Paramount, Universal oder Fox in der Rolle des absoluten Herrschers wieder.Produziert wurde ausschließlich, was ihnen wichtig war.So entstand eine eigene Ideologie und der Name dazu: Hollywoodismus, geprägt von den Themen Verfolgung, Rettung und Integration. So kam für die Immigranten als Ehefrau grundsätzlich nur eine Nichtjüdin in Frage; den Kindern und Enkeln ist ihre Herkunft zudem über lange Zeit verschwiegen worden.Der Hollywoodismus propagierte die Assimilation um jeden Preis: Esther, die Protagonistin von "A Star Is Born", wird in Vicki umbenannt, in einem Atemzug mit Schönheitstips.Loewe/Lerners Musical "My Fair Lady" schildert eine jüdische Erfahrung, und entsprechende Motive weist Jacobovici bei der Comic-Figur Superman ebenso nach wie bei King Kong. Nachdem Hitler an die Macht gekommen und ein Berliner Mitarbeiter von Warner Brothers auf offener Straße ermordet worden war, gab es genügend Stoff für antifaschistische Filme.Allerdings riet die US-Regierung den Produzenten, Nazi-Deutschland nicht zu provozieren, denn das könnte auf sie zurückfallen.Selbst als nach Kriegsausbruch endlich Anti-Nazi-Filme gedreht werden durften, enthielten diese kaum Hinweise auf das Schicksal der europäischen Juden.Merkwürdig auch, daß offen antisemitisch eingestellte Künstler in Hollywood keine Schwierigkeiten bekamen, während Sex-Skandale oder witzig-respektlose Bemerkungen ("Ein leeres Taxi fuhr vor, und Louis B.Mayer stieg aus") schnell zur Kündigung führten. Der 1947 eingeleitete Kampf rechter Politiker gegen "unamerikanische Umtriebe" in Hollywood versetzte den großen Produzenten den Todesstoß.Keiner von ihnen stand politisch links, aber das spielte keine Rolle.Entscheidend war, daß diese ebenso bedeutenden wie mächtigen Männer sich vor einem Ausschuß rechtfertigen mußten, den ein fanatischer Antisemit leitete, der Kongreßabgeordnete John Rankin aus Mississippi.Plötzlich hatten die Gründer des größten Medienimperiums der USA wieder die Rolle der furchtsamen Immigranten, die um Gnade flehen.Ihr Selbstbewußtsein war zerstört und damit auch ihre Kreativität."Hollywoodism" ist somit nicht nur ein informativer Dokumentarfilm mit seltenem Bildmaterial, totgeglaubten Interviewpartnern und scharfsinnigen Analysen, sondern auch ein erschütterndes Porträt über den Aufstieg und Fall einer Produzentengeneration. Manchmal allerdings regt sich Widerspruch, etwa wenn "Independence Day" als Ausdruck jüdischer Erfahrung gelten soll, nur weil es um eine Bedrohung von außen geht.Und da schon die Gegenwart berücksichtigt wird, hätte wohl auch die Pionierleistung von Barbra Streisand erwähnt werden müssen, die als erste Jüdin in Hollywood zum Superstar wurde, indem sie die Assimilation verweigerte.Zu reichhaltig ist das Thema, um alle Fragen zu beantworten.Daß der Film Stoff für endlose Diskussionen liefern dürfte, ist schon lobenswert genug. Heute 18.15 Uhr (Atelier am Zoo), morgen 13.30 Uhr sowie am Sonnabend 11 Uhr (Filmpalast).

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar