Zeitung Heute : Das Schwarzbuch der Ökologen

Immer wieder sollen „Wohngifte“ Schuld an Krankheiten sein. Doch Wissenschaftler warnen vor vorschnellen Urteilen

Edgar Gärtner

Wer hat nicht schon einmal über hartnäckige Kopfschmerzen, eine ständig laufende Nase, Halsweh, Schlappheit oder allgemeines Unwohlsein geklagt? Für solche Beschwerden war rasch ein neudeutscher Name parat: „Sick Building Syndrome (SBS)“. Die Mehrheit der Leidtragenden vermutete, bestärkt durch Warnungen vor „Wohngiften“ in Massenmedien, dass sie an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Wohnung ständig krankmachende Stoffe einatmen, die aus Wänden, Fußbodenbelägen oder Möbeln „ausgasen“.

Rasch fiel der Verdacht auf Chemikalien wie Phosphorsäureester. Diese sind nicht nur in Polstermöbeln, sondern auch in den Gehäusen von Fernsehern, Computern und anderen elektronischen Geräten als Flammschutzmittel zugesetzt. Auch Phthalate gerieten in die Kritik. Dabei handelt es sich um „Weichmacher“. Diese sind vor allem in PVC-Strukturtapeten und Fußbodenbelägen beigemischt, damit sie geschmeidig sind und nicht auseinander bröseln.

Und tatsächlich: Solche Stoffe können durch Abrieb in die Wohnumwelt gelangen. Denn sie sind in den Materialien, die sie schützen sollen, nicht chemisch, sondern nur mechanisch gebunden.

So kam es, dass Phthalsäureester inzwischen in Beißringen für Babys verboten wurden. Denn diese stehen im Verdacht, die Geschlechtsentwicklung von Neugeborenen zu stören. Das bestärkte viele von Ängsten und Kopfschmerzen Geplagte in ihrer Annahme, auch in ihrer Atemluft und im Hausstaub lauerten heimtückische Gifte. Zusätzliche Nahrung erhielten diese Befürchtungen in den letzten Jahren durch das Phänomen der „schwarzen Wohnungen“. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich hässliche ölig-schmierige Beläge an Wänden und Decken mancher frisch renovierter Räume während der Heizperiode auf.

Angesichts dieser Meldungen und Phänomene lag es nahe, mit den heute verfügbaren extrem empfindlichen Messmethoden Ängsten auf den Grund zu gehen. Zumal Kritiker meinen, dass manche den „Wohngiften“ zugeschriebene Beschwerden ganz andere Ursachen haben könnten: beruflicher oder familiärer Stress zum Beispiel. Doch auch die Messungen, werden sie unprofessionell angestellt, können den schleichenden Ängsten sogar noch zusätzlich Nahrung geben. Am Ende ist nicht mehr klar, ob Schadstoffe oder nicht die Angst selbst die Hauptschuld an den geschilderten Gesundheitsbeschwerden tragen.

So boten Verbraucherschutzorganisationen wie die Stiftung Warentest beziehungsweise die von ihr herausgegebene Zeitschrift „test“ beunruhigten Lesern vor einigen Jahren an, gegen die Einsendung von Verrechnungsschecks den Inhalt von Staubsaugerbeuteln zu analysieren. Darin fanden sich dann nicht selten hohe Konzentrationen der verdächtigen Kunststoffweichmacher.

Doch erfahrene Chemiker wie Werner Butte, Professor an der Universität Oldenburg, sowie Tunga Salthammer Professor am Fraunhofer Wilhelm-Klauditz-Institut (WKI) in Braunschweig, halten diese Methode für irreführend. „Staubsauger enthalten in ihren Plastikteilen selbstverständlich auch Weichmacher“, sagt Salthammer. Diese finde man dann auch in den Staubbeuteln. Wie weit sie aus der Raumluft stammten, lasse sich nicht nachweisen“. Und Butte fügt hinzu: „Allein das Vorhandensein verdächtiger Stoffe im Hausstaub sagt noch nichts über Gesundheitsbelastungen der Bewohner aus.“ Es müsse vielmehr gezeigt werden, dass die Bewohner die fraglichen Stoffe tatsächlich in toxikologisch bedenklichem Umfang aufnehmen. Kurz, es bedarf vieler aufwändigerer Verfahren, um herauszufinden, ob die Raumluft bedenkliche Konzentrationen von Stoffen enthält, die krankmachen, und warum sich in manchen Wohnungen hässliche schwarze Flecken bilden.

Mit beiden Fragen beschäftigt sich Tunga Salthammer in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt (UBA) und dem Tüv Nord nun schon seit Jahren. Im Auftrag der Gütegemeinschaft Tapete e.V. ermittelte das WKI im Jahr 2000 in Prüfkammern, dass PVC-Tapeten mit dem Prüfzeichen RAL-GZ 479 unter Wohnbedingungen in nur sehr geringem Maße Weichmacher freisetzen. Bei dem gebräuchlichsten Weichmacher DEHP erreichte die Maximalkonzentration in der Raumluft nur ein Mikrogramm je Kubikmeter. Schwerflüchtige Weichmacher wie DINP konnten in der Raumluft überhaupt nicht nachgewiesen werden.

Daraus lässt sich errechnen, dass eine Person mit einem Atemvolumen von täglich maximal 20 Kubikmetern höchstens 20 Mikrogramm DEHP aufnehmen kann. Das ist weniger als die Hälfte des in Deutschland als „tolerierbar“ erachteten Richtwertes: Dieser beträgt 50 Mikrogramm DEHP täglich. Übrigens: Für Erwachsene gilt DEHP unter Toxikologen als ungiftig. Und auch die Folgen für Kinder sind umstritten: Bisher wurde nur in Tierversuchen bei sehr hohen Dosen eine „verweiblichende Wirkung“ festgestellt. Jedenfalls erscheint es Experten nach heutigem Wissensstand als wenig wahrscheinlich, dass SBS-Beschwerden mit dem Einatmen von Weichmachern oder anderen Ausdünstungen von Baustoffen und Möbeln zusammenhängen.

Dagegen konnten Salthammer und seine Kollegen eine Beteiligung von Phthalaten an der Bildung schwarzer Flecken („Black Magic Dust“) in Wohnungen nicht ausschließen. Es scheint, dass DEHP einen Art Klebefilm bilden kann, an dem Staubpartikel und Tabakrauch besonders leicht haften bleiben.

Als Hauptursache der schwarzen Ablagerungen machten die Chemiker jedoch eine ganz einfache Ursache aus: die schlechte Lüftung der untersuchten Wohnungen. Diese machen Mediziner inzwischen auch in der Mehrzahl der Fälle für SBS verantwortlich. Wo Energiesparen groß geschrieben wird, denken die Menschen leider oft mehr an das Nächstliegende. Deshalb sollte jeder, der sich in seinen vier Wänden unwohl fühlt, erst einmal gründlich lüften, rät Salthammer.

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