Zeitung Heute : „Das sind keine Draufgänger“ Wer sind die Enführten? Eine Suche in Leipzig

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Ein Lärm ist das gewesen und ein Licht, nein, kein Auge habe man zumachen können in der vergangenen Nacht, sagt Wofgang Funke. Er wohnt in einem Eckhaus an der August-Bebel-Straße im Leipziger Stadtteil Böhlitz-Ehrenberg. Stundenlang wurde es vom Kamerateams und Journalisten belagert, nachdem bekannt worden war, dass hier unterm Dach die Wohnung von René Bräunlich ist, einem der beiden im Irak entführten Ingenieure. Noch am gestrigen Morgen konnte Bräunlichs Lebensgefährtin mit dem gemeinsamen dreijährigen Sohn das Haus nur unter Polizeischutz verlassen. Denn alle wollten wissen: Wer ist der Entführte? Was brachte ihn dazu, das Risiko Irak einzugehen?

Einer, der den 31-Jährigen gut kennt, heißt Axel Bierfreund, er spielt mit ihm zusammen im Leipziger Fußballverein SV Grün-Weiß Miltiz. Nein, sagt er, der René ist ein ruhiger, besonnener Typ, kein Draufgänger, eher zurückhaltend. „Natürlich wussten wir, dass er öfter im Ausland ist“, sagt der 26-Jährige. In Saudi-Arabien und im Sudan habe der Klimatechniker schon gearbeitet. Er könne verstehen, dass René Bräunlich in diese Länder gehe, schließlich sei es sein Job. Und dann fügt er hinzu: „Mir wäre es aber zu gefährlich.“

Ein Dutzend Kilometer weiter östlich in der Leipziger Vorortgemeinde Rackwitz steht ein Polizeiwagen vor einem Einfamilienhaus in der neuen Siedlung am Ortsrand. Alle Gardinen sind zugezogen, einige Jalousien heruntergelassen. „Familie Nitzschke wünscht keinen Kontakt zur Presse“, sagt ein Wachtmeister freundlich, aber keinesfalls kompromissbereit. Angeblich wird die Familie der zweiten Geisel vom Bundeskriminalamt und von Psychologen betreut. So ist über René Bräunlichs Begleiter, den 28-jährigen Thomas Nitzschke, weit weniger bekannt. Erst im Sommer 2005 soll er an der Leipziger Uni sein Diplom gemacht haben. Seit wann er für die Firma Cryotec arbeitet, ist nicht bekannt. Gerüchte wollen wissen, dass die beiden Entführten im Dezember, während der Entführung von Susanne Osthoff, schon einmal im Irak waren. Aber der Apparat, den sie aufbauen sollten, war angeblich noch nicht eingetroffen.

Auch das Dorf Bennewitz ist an diesem Dienstag voller Journalisten. Hier in der Leulitzer Straße ist der Sitz der 1995 gegründeten Ingenieursfirma Cryotec. Alle warten auf Peter Bienert, den Chef des Unternehmens. Am Nachmittag endlich kommt er für einen Augenblick vor die Tür seiner Firma. Geschützt von Polizisten verteilt er ein paar Blätter Papier. „Verstehen Sie bitte, dass ich im Interesse der Betroffenen nicht mehr dazu sagen kann und will“, sagt er – und verschwindet wieder. Die Geschäftsführung sei mit den Familien im Gespräch heißt es in der schriftlichen Erklärung, man bitte um Verständnis dafür, dass er über die Firma keine Äußerungen an die Öffentlichkeit geben wolle, die die Artbeit des Auswärtigen Amtes gefährden könne.

Zurück bleiben die wartenden Journalisten und drei Polizisten, die seit Stunden vor dem Betriebstor wachen. Es ist eine lange Wacht an diesem Dienstag. Und eine eisige.

Mitarbeit: Heike Baldauf, Manfred Schulze

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