Zeitung Heute : Das Spiel des Lebens

DEUTSCHES THEATER Stephan Kimmig fasst drei Stücke von Judith Herzberg zum Triptychon zusammen

PATRICK WILDERMANN



„In Holland“, sagt Regisseur Stephan Kimmig, „ist Judith Herzberg ja eine lebende Legende.“ Er kann das beurteilen, er hat acht Jahre lang in den Niederlanden gelebt, und die Frau, mit der er damals verheiratet war, arbeitete als Kartenabreißerin in dem Theater, wo Herzbergs Stück „Leas Hochzeit“ uraufgeführt wurde. „Sie hat das Stück 48 Mal gesehen und konnte es auswendig.“ Judith Herzberg, die niederländische Dramatikerin, Dichterin und Übersetzerin, schaut überrascht. Sie kennt diese Frau, die heute Schauspielerin ist, oft sprach sie über ihren deutschen Freund. „Aber ich wusste nicht, dass du das warst, Stephan.“ Was für ein Gesprächsbeginn! Wie eine Szene aus Herzbergs Theater. In den Stücken der heute 76-jährigen Schriftstellerin, die Wachheit und einen hintergründigen Humor ausstrahlt, kreuzen sich ja auch die Wege immer wieder neu und unerwartet, hängen die Schicksale der Figuren in einem üppig gesponnenen Beziehungsgeflecht miteinander zusammen.

„Über Leben“ heißt der Abend, den Stephan Kimmig jetzt inszeniert, er fasst, zum ersten Mal überhaupt, die drei Herzberg-Stücke „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“ zusammen. Das Triptychon erzählt eine jüdische Familiensaga durch mehrere Jahrzehnte und drei Generationen hindurch, es hebt an mit der dritten Trauung der Geigerin Lea, Tochter der Holocaust-Überlebenden Ada und Simon. Vater Simon hat noch ein Kind mit Dory bekommen, der ersten Frau von Nico, den Lea jetzt heiratet. Und damit ist dieses Panorama noch nicht mal anskizziert, in dem die Figuren bisweilen selbst den Überblick verlieren, das weitverzweigt ist – aber unübersichtlich? „Wenn man in einem kleinen Hotel im Frühstücksraum zwei Familien am Tisch sitzen sieht, und man trifft diese Leute dann auf der Straße, weiß man doch auch sofort, wer zu wem gehört“, sagt Herzberg achselzuckend. Sie schaut es ja bloß dem Leben ab.

Es hieß oft, sie habe sich vor allem in die Figur der Lea, die den Holocaust – ähnlich wie Herzberg – bei einer sogenannten Kriegsmutter auf dem Land überlebt hat, selbst hineingeschrieben. „Ich bin keine Lea“, entgegnet sie darauf nur, „aber natürlich ist etwas von mir in allen Figuren, auch in den Männern, selbst den schrecklichen.“

Stephan Kimmig, der vor zehn Jahren in Stuttgart schon einmal „Leas Hochzeit“ von 1982 und „Heftgarn“ von 1996 gemeinsam inszeniert hat – „Simon“ kam 2002 in Düsseldorf heraus – schwärmt von Herzbergs Fähigkeit, „mit wenigen Strichen unglaublich viel zu erzählen. Wo andere zwei Seiten brauchen, genügen ihr zwei Sätze“. Es stecke so viel Lust am Leben in diesen Texten, aber auch Schmerz, Verborgenes, Widersprüchliches, „und das alles in einer leichten Art und Weise erzählt, die ich total berührend finde.“ Ist es ihr selbst denn gelungen, sich von der Vergangenheit nicht lebenslang bedrücken zu lassen? „Ach, ich bin sehr beschwert“, antwortet sie, wiederum ganz leichthin, „das lässt einen nie los.“ Gerade heute sei sie an der Friedrichstraße unter der Brücke hindurchspaziert und auf eine Gedenktafel für zwei Menschen gestoßen, die dort von den Nazis gehenkt wurden. „Ich finde es gut,“ sagt sie, „dass man in Deutschland überall mit der Geschichte konfrontiert wird. Davon wegzugehen wäre zu billig.“

Judith Herzberg hat indes keine Trilogie über den Holocaust geschrieben. Sie erzählt, das ist ihr wichtig, von Lebenden, nicht Überlebenden. Mit Verstand und Humor. Und stößt dabei die tiefsten Fragen an. Ob einer, der wie der alte Simon fast ermordet worden wäre, sich einen natürlichen Tod verdient hat, zum Beispiel. Oder ob eine nachgeborene Generation das Recht auf Antworten von den ins Schweigen geflüchteten Eltern hat. Herzberg überlegt lange, wenn man sie nach ihrer Haltung dazu fragt. „Wenn man den Jungen von der Vergangenheit erzählen könnte, ohne dass man sie damit belastet“, antwortet sie schließlich und lacht, „das wäre natürlich toll“. PATRICK WILDERMANN

Premiere 8.4., 19 Uhr

Vorstellungen 9.4., 19 Uhr, 17. und 25.4., 18 Uhr

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