Zeitung Heute : Das steht doch zur Debatte

Robert Birnbaum

Am 26. Januar wollen Verteidigungsminister Struck und SPD-Chef Müntefering über die Zukunft der Bundeswehr beraten. Was wäre, wenn sie künftig eine Mischform aus Freiwilligen- und Wehrpflichtarmee würde?

Peter Struck fand es offenkundig an der Zeit, aus der Debatte ein bisschen Schwung zu nehmen. Seit Tagen geistert das „Modell Dänemark“ durch die bundesdeutsche Wehrpflichtdiskussion. Wer nicht genau hinsah, konnte schon für beschlossene Sache halten, dass der kleine Nachbar im Norden der SPD das Vorbild für ein neues Wehrpflichtmodell liefern wird. Am Montag aber winkte Strucks Sprecher vorläufig ab: Von der Idee halte der Verteidigungsminister „nicht sehr viel“.

Tatsächlich ist das dänische Modell eins von mehreren, über die in der SPD nachgedacht wird. Dass überhaupt über die Wehrpflicht nachgedacht wird, ist eine Spätfolge des Koalitionsvertrags von 2002, in dem die SPD den Grünen eine Überprüfung der Wehrform zugestanden hat. Damals war das kaum mehr als eine politische Geste. Doch seit Strucks Bundeswehrreform, die die Armee bis 2010 noch einmal verkleinern und völlig umstrukturieren wird, sind sachliche Zweifel daran gewachsen, ob die herkömmliche Wehrpflicht aufrechterhalten werden kann. Wenn die Armee künftig nur noch etwa 55 000 Dienststellen für Wehrpflichtige – inklusive der freiwillig Längerdienenden – bereithält, stellt sich die Frage nach der Wehrgerechtigkeit verschärft.

Nur folgerichtig, dass die SPD auf der Suche nach Alternativen ist – und zwar vor allem nach kostengünstigen. Die Finanznot verbaut den Weg zur umstandslosen Umstellung auf eine reine Freiwilligen- und Berufsarmee. Zwar ist unter Fachleuten Strucks Credo umstritten, dass ein Profi-Heer teurer käme. Aber allein der Verdacht, es könnte finanziell ausarten, dämpft die Experimentierfreude in der Regierungspartei.

So kam die SPD-Kommission, die bis zum Parteitag im nächsten Herbst die Entscheidung vorbereiten soll, schon vor einiger Zeit auf das dänische Modell. Im kleinen Nachbarland herrscht prinzipiell Wehrpflicht. Faktisch aber wird so lange kein junger Mann zwangsweise eingezogen, wie der Bedarf durch Freiwillige gedeckt werden kann. Erst wenn die 8300 Posten nicht besetzt werden, befiehlt ein Losverfahren Rekruten zum Dienst. Wer dient, bekommt dann einen Bonus bei Studium und Ausbildung.

Das klingt auf den ersten Blick sympathisch nachahmenswert. Erst der zweite Blick erklärt, warum sich Strucks Begeisterung in Grenzen hält. So gibt das dänische Modell genau den Vorteil preis, den deutsche Militärs am heutigen Wehrpflichtmodell theoretisch so schätzen: Dass nämlich durch den Grundwehrdienst auch solche jungen Leute auf den Geschmack kommen, die sich freiwillig nie melden würden.

Aber auch hinter die so einleuchtende Idee, dass Dienst am Vaterland durch Vorzugsbehandlung beim künftigen Berufsweg belohnt wird, machen Experten Fragezeichen. Der Bund könnte nichts verfügen, sondern müsste eine Vielzahl von Vereinbarungen mit den Ländern und den Berufsorganisationen schließen. Und ob dann der „gediente“ Lehrling wirklich den Vorzug vor anderen bekäme – schwierig zu überprüfen.

Überdies beinhaltet das dänische Modell die Gefahr, dass sich vor allem solche jungen Männer freiwillig zum Dienst melden, die anderswo kaum Chancen haben. Das ist in Deutschland nicht anders. Als Struck vorige Woche mit Rekruten im ostdeutschen Weißenfels sprach, gaben viele offen an, sie seien zum Bund gegangen, um nicht daheim auf der Straße zu stehen. Tatsächlich prophezeien viele Experten der Bundeswehr, dass sie in wenigen Jahren, wenn die Geburtsjahrgänge deutlich schwächer werden, nur noch schwierig qualifizierten Nachwuchs finden wird – unabhängig von der Wehrform. Abhelfen könnte dem wohl nur das, was dem Firmenchef Struck am meisten fehlt: Geld zur attraktiven Bezahlung seiner Leute.

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