Zeitung Heute : Das tägliche Brot

Die amerikanischen Truppen stehen kurz vor Bagdad, eine irakische Elite-Einheit ist angeblich geschlagen. Der Sieg könnte nah sein – wenn der Nachschub kommt. Zwölf Liter Trinkwasser für einen Soldaten, 200 Liter Treibstoff für einen Panzer. 500 Kilometer weit fahren die Lastwagen bis zur Front. Und die Wege sind nicht sicher.

Peter Siebenmorgen

DIE VERSORGUNG DER US-ARMEE

Bald schon könnte Bagdad in Sichtweite der amerikanischen Streitkräfte liegen. Doch statt der Vorfreude auf den Sieg, tobt in Amerika eine heiße Debatte darüber, ob man nicht möglicherweise auf die falsche Strategie gegen Saddam gesetzt hat. Kritiker des Verteidigungsministers Rumsfeld werfen diesem vor, einen „billigen“ Krieg geplant zu haben, in dem die entscheidenden Schlachten mit Hightech-Waffen aus sicherer Entfernung geführt werden könnten. Für ein endgültiges Urteil ist es zu früh, doch so viel scheint sicher: Angriffsführung und -richtung sind in den vergangenen Tagen stillschweigend umgesteuert worden, zusätzliche Truppen werden benötigt, die USA stellen sich auf eine längere Kriegsdauer ein. Zur Achillesferse könnten damit Probleme der Logistik und der Versorgung werden.

Vorher läuft alles glatt

Kriegführung ist auch eine komplexe Organisationsaufgabe. Dies gilt erst recht, wenn eine Armee, wie jetzt im Irak, fern der Heimat Krieg führt. Vor Beginn der Kampfhandlungen lassen sich die Herausforderungen für Transport und Logistik nach strengem Plan benennen: Die politische Führung einer Streitkraft definiert die Kriegsziele, politische und militärische Führung beraten gemeinsam über die zu veranschlagenden Mittel, dann erfolgt die Verlegung von Truppen und Gerät in die Nähe des Kriegsschauplatzes. Sofern keine außerplanmäßigen Ereignisse dazu führen, vorzeitig in Kampfhandlungen einzutreten, kann der vollständige Aufmarsch der Kräfte abgewartet werden.

Einsatzfähige Verbände allein genügen nicht. Vorräte an Nahrung, Treibstoff, Versorgungsgütern aller Art und Munition müssen gleichfalls angelegt werden. Auch deren Menge richtet sich nach den strategischen Planungen und Erwartungen über den Kriegsverlauf. Aus der Anzahl der bereitgehaltenen Soldaten allein oder der gepanzerten Fahrzeuge lässt sich ein Faktor der Rechnung ableiten. 100000 US-Soldaten benötigen täglich 1,2 Millionen Liter Wasser; der Fahrzeugpark und die zum Einsatz kommenden Hubschrauber fressen zusammen rund 60 Millionen Liter Treibstoff. Wie groß die Vorräte tatsächlich sein müssen, ergibt sich aber erst aus dem zweiten Faktor: der zu erwartenden Dauer des Kriegs. Bestimmte Kriegsgüter sind zudem nicht unbegrenzt verfügbar: so etwa die pro Stück rund eine Million US-Dollar kostenden Cruisemissiles. Sie können auch nicht in kurzer Zeit nachproduziert werden. Im Kosovo-Krieg machte die US-Luftwaffe bereits die Erfahrung von Versorgungsengpässen: Vor Ende des Kriegs waren die Präzisionswaffen fast aufgebraucht.

Die Zeit drängt

Die eigentlichen Probleme und das Ende systematischen, planvollen Handelns stellen sich tatsächlich erst ein, wenn der Krieg beginnt. Kurzfristige Neubewertungen des Bedarfs lassen sich dann nicht mehr ohne weiteres nachsteuern. Die jüngsten Nachordern an die Front für solche Truppenteile, die zu Kriegsbeginn noch in den Vereinigten Staaten stationiert waren, zeigen dies. Eine der fähigsten Invasionseinheiten der US-Streitkräfte, die in Texas stationierte 1. Kavallerie-Division, wäre bereit zur Verlegung. Doch auf dem Seeweg würde dies bis zur Landung in Kuwait mindestens 23 Tage dauern. Die Soldaten selbst lassen sich zur Not noch rasch auf dem Luftweg an die Front bringen. Schwere Bewaffnung hingegen ist mit Lufttransporten kaum zu bewegen. Hieran scheiterte bislang auch der Plan, eine zweite Front im Norden aufzubauen, weil die Türkei keine freie Durchfahrt gewährte. Um nur ein leicht gepanzertes Fahrzeug oder ein schweres Geschütz zu einem nordirakischen Flugplatz zu transportieren, sind zwei Flüge erforderlich.

Mit Aufwand gesichert

Die notwendig gewordene Umsteuerung von Kampfverbänden, die in der Vorkriegsplanung für den Aufbau einer zweiten Front im Norden vorgesehen waren, zieht weitere Probleme nach sich. Erste Priorität hat die Verlegung der 4. Infanterie-Division aus dem Mittelmeerraum nach Kuwait. Deren Entladung blockiert allerdings die für weitere Nachschublieferungen dringend benötigten, begrenzten Hafenkapazitäten.

Je länger sich der Krieg hinzieht und je weiter die amerikanischen Truppen sich Bagdad nähern, desto prekärer werden die Probleme in Logistik und Nachschub. Denn zu den Unwägbarkeiten der Vorratshaltung kommt dann auch noch die Länge der Versorgungswege hinzu. Grundsätzlich gilt: Je weiter entfernt die Truppen von ihrem Basiscamp außerhalb des Schlachtfelds entfernt sind, desto wichtiger wird die Versorgung. Und: Je länger die Versorgungswege sind, desto verwundbarer sind sie auch. Dies liegt zum einen an dem zwangsläufig größer werdenden Aufwand zur Sicherung des Nachschubs. Zum anderen aber daran, dass sich Versorgungsfahrzeuge nicht im freien Fall bewegen. Tanklastzüge beispielsweise müssen auf befestigten Straßen nachgeführt werden. Auf diesen Wegen lauert die Gefahr: Schon militärisch vergleichsweise anspruchslose Operationen, die von kleinen, partisanenähnlichen Gruppen oder selbstmordbereiten Soldaten ausgeführt werden können, stellen ein hohes Risiko dar.

Und zum Zerstören einer für den Nachschub wichtigen Brücke oder zum Fluten von Straßen braucht es keine Elite-Soldaten vom Schlag der Republikanischen Garden.

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