Zeitung Heute : Das Tote Meer am Leben erhalten

Urban Media GmbH

Von Roland Knauer

Wer am Toten Meer ein Strandhotel baut, sollte seine Maurer antreiben. Wenn das Gebäude nämlich nach drei oder vier Jahren seine Tore öffnet, könnte es sein, dass die Touristen das Meer vergeblich in Hotelnähe suchen. Jedes Jahr sinkt der Wasserspiegel des Toten Meeres um einen knappen Meter, weil Israelis, Jordanier und Palästinenser den Zuflüssen fast das gesamte Wasser abzapfen. Heute fließen gerade noch zehn Prozent der einstigen Wassermengen in das Tote Meer.

Am Nordufer des Salzsees fährt der Besitzer eines recht neuen Strandhotels direkt am Meer seine Gäste inzwischen mit einer Schmalspurbahn zum Strand, weil das Ufer heute mehr als hundert Meter von den Zimmern entfernt ist. Vor allem die Landwirtschaft trägt Schuld an der Misere, meint Stefan Hörmann, der beim Global Nature Fund (GNF, http://www.globalnature.org) in Radolfzell am Bodensee das Projekt Living Lakes (http://www. livinglakes.org) betreut.

Naturschützer aus den Regionen um 19 Seen auf dem gesamten Globus tauschen in diesem Projekt Erfahrungen aus, um sich gegenseitig bei der Lösung ihrer Probleme zu helfen. Um das Tote Meer kümmern sich die * Friends of the Earth Middle East" (FoEME, http://www.foeme.org) mit Hauptsitz in der jordanischen Hauptstadt Amman. Während das Tote Meer langsam austrocknet, haben die Volkswirtschaften wenig von diesem Aderlass: In Israel trägt die Landwirtschaft weniger als zehn Prozent zum Bruttosozialprodukt bei.

„Israel sollte sich besser auf seine Stärken wie den High-Tech-Bereich konzentrieren, statt das wertvolle Wasser in Form von Tomaten oder Grapefruit in die Europä ische Union zu exportieren," kritisiert Stefan Hörmann die wirtschaftlich führende Nation im Nahen Osten. Wasser ist das wertvollste Gut in der gesamten Region. Allenfalls fünfzig Liter Regen fallen im Jahr auf einem Quadratmeter Wü stenboden am Toten Meer. Selbst in den trockensten Regionen Deutschlands gibt es zehn Mal mehr Niederschläge. Kein Wunder, wenn in der Umgebung des Toten Meeres mehrere Biotope von dem sonst so seltenen Wasser zehren. Steinböcke und Gazellen teilen sich den Lebensraum mit mehr als hundert Vogelarten wie den weltweit bedrohten Rötelfalken und Gänsegeiern.

Auf Landkarten des Toten Meeres haben die Mitarbeiter der internationalen Vogelschutz-Organisation BirdLife International inzwischen so häufig das Naturschutz-Prädikat „Important Bird Area“ eingetragen, dass praktisch kein Fleck mehr für weitere Einträge bleibt. Selbst Leoparden streifen an den Ufern entlang, wenngleich sie inzwischen nahezu ausgerottet wurden. Dreizehn Pflanzenarten wachsen einzig am Toten Meer.

Steile Felswände, tief eingeschnittene Schluchten und grüne Oasen inmitten der rotbraunen Wüste machen die Gegend zu einer spektakulären Attraktion für Naturtouristen. Noch mehr Reisende aber kommen, um die unzähligen historischen und prähistorischen Stätten in der Umgebung des Toten Meeres zu bewundern. Von der Taufstätte Jesu über die jüdische Festung Masada bis zum Berg Nebo, an dessen Flanken Moses begraben liegen soll, reicht die Liste. Moslems, Juden und Christen finden in dieser Wiege der menschlichen Kultur gleichermaßen wichtige Gedenkstätten.

Eigentlich sollte man denken, dass ein derart spektakuläres Gebiet besonders gut geschützt wird. Genau das Gegenteil ist hier aber der Fall. Hemmungslos graben die Anrainer dem tiefsten Punkt auf dem Globus das Wasser ab. Allein in den letzten dreißig Jahren ist der Wasserspiegel des Toten Meeres um 25 Meter gesunken. Während die Uferlinie vor hundert Jahren etwa 390 Meter unter dem Meeresniveau lag, registrieren die Geographen jetzt minus 417 Meter.

Zwar reicht das Tote Meer noch weitere 316 Meter in die Tiefe, aber schon heute sind die Auswirkungen des sinkenden Wasserspiegels dramatisch: Das einst 75 Kilometer lange Tote Meer misst nur noch 55 Kilometer, die gesamte Südbucht ist abgetrennt. Eigentlich würde sich dort ein Salzsee bilden, wenn die Industrie nicht laufend Wasser aus dem Hauptteil des Toten Meeres dorthin pumpen würde. Die Unternehmen füllen kleinere Becken mit dem Wasser, an deren Grund Mineralien auskristallisieren.

Das geschieht dort besonders schnell, da im Toten Meer unter der heißen Wüstensonne viel Flüssigkeit verdunstet und sich so das Salz bis zu einer Konzentration von 340 Gramm im Liter Wasser anreichert. Im nahe gelegenen Mittelmeer ist der Salzgehalt zehn mal niedriger. Mit der Zeit wachsen die künstlichen Becken in der ehemaligen Südbucht mit Kristallen zu, die schließlich von Industriefirmen mit Hilfe einer Art gigantischem Staubsauger abgesaugt werden. VW bezieht von dort zum Beispiel Magnesium und macht damit seine Autos leichter.

Weil auch im Untergrund das Wasser fehlt, brechen am Ufer riesige Hohlräume ein und hinterlassen gigantische Krater, die von den Einheimischen als „Rache des Sees" bezeichnet werden. Die Kurpatienten, die vor allem aus Deutschland anreisen, um ihre Neurodermitis oder Schuppenflechte auszuheilen, fürchten inzwischen, mit dem Toten Meer könnte auch ihr wirksamstes Mittel gegen ihr Leiden verschwinden.

Um das Ende des Toten Meeres zu verhindern, muss die Entnahme von Wasser aus den Zuflüssen kontrolliert werden, fordern FoEME und Global Nature Fund. Sobald der Wasserspiegel unter ein bestimmtes Niveau fällt, sollte vor allem aus dem Hauptzufluss Jordan weniger Wasser entnommen werden. Am See Genezareth funktioniert eine solche „Red Line" schon recht gut. Trotz anfänglichen Misstrauens zwischen den seit Jahrzehnten verfeindeten Völkern verständigten sich Israelis, Jordanier und Palästinenser schnell. Die Umweltgruppen forden nun, eine internationale Behörde solle sich um die Regelung und eine nachhaltige Entwicklung kümmern.

Ein Antrag auf Aufnahme der Region als Biosphärenreservat und als Welterbe der Menschheit in die Programme der Weltkulturorganisation UNESCO wurde vorbereitet. Der israelische Politiker Shimon Perez und das jordanische Königshaus machten sich für diesen Plan stark. In ihm war auch die langsame Entwicklung des Gebietes für nachhaltigen Tourismus vorgesehen, um den Menschen ein Einkommen zu garantieren. Derzeit ruht diese Zusammenarbeit jedoch.

Dennoch besteht Hoffnung. So haben Gespräche nicht nur Auswege aus der ökologischen Sackgasse des rapiden Schrumpfens des Gewässers gezeigt. Sie machten den Beteiligten auch klar, dass eine Verständigung mit den „verfeindeten" Nachbarn oft leichter als geglaubt ist.

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