Zeitung Heute : Das Transatlantische Klassenzimmer

MARTIN TRAUTMANN (dpa)

Aus unserer BÜCHERECKE Von MARTIN TRAUTMANN (dpa)E-Mail, Homepage und World Wide Web ­ die Fachbegriffe rund ums Internet sind bei uns nicht mehr wegzudenken.Wirtschaftsexperten sprechen vom Wachstumsmarkt der Zukunft, und wer technisch auf dem neuesten Stand sein will, sieht ohne Internet-Zugang "alt" aus.Auch in die Schule ist das Medium mittlerweile eingezogen.Über Erfahrungen und Probleme damit im Schulalltag berichtet das Buch "Das Transatlantische Klassenzimmer: Tips und Ideen für Online-Projekte in der Schule", das von der Edition Körber-Stiftung herausgegeben wurde.Die gemeinnützige Stiftung in Hamburg unterstützt den Dialog zwischen US-amerikanischen und deutschen Schulen seit Februar 1995 im Rahmen des gleichnamigen Projekts.Dabei wurden unter anderem Themen wie "Teenage Life", "School Rules" oder "8.Mai 1945" diskutiert.In der Veröffentlichung werden Erfahrungsberichte, Konzepte, didaktische Hinweise und E-Mail-Diskussionen als gelungene Textsammlung zusammengefaßt. Problemlos, so die Erfahrung, läßt sich die Arbeit mit dem Internet und eine E-Mail-Diskussion zwischen Schulen nicht in den Unterricht integrieren.Mal kommt zuviel, mal zuwenig Post ­ Lehrer müssen schnell und flexibel auf fehlende Texte reagieren."Sie müssen lernen, mit den Unwägbarkeiten, dem Unvorhersehbaren und der Komplexität umzugehen, die das mit Lerngruppen aus anderen Kulturen vernetzte Klassenzimmer mit sich bringt", schreibt Michael Legutke, Didaktik-Professor an der Uni Gießen.Denn Beiträge können auch ohne Gehalt sein, oder aber die Sprachkenntnisse reichen für eine qualifizierte Diskussion nicht aus.Gruppenarbeit sei gerade außerhalb des Klassenverbandes nicht immer möglich oder erwünscht. Aber auch viele Lehrer betrachten den Online-Unterricht mit argwöhnischen Augen: So habe eine überalterte Lehrerschaft Vorurteile gegenüber dem neuen Medium, oder aber sie empfanden die Auseinandersetzung mit Sprache und Technik als zu zeitaufwendig.Amerikanische Lehrer hingegen würden sich durch die Arbeit mit dem Computer ihren Kollegen an wissenschaftlichen Hochschulen ebenbürtig fühlen, beobachtet ein amerikanischer Dozent.Sicher scheint jedoch, daß sich mit der Integration des Internets in den Unterricht die Lehrerrolle verändert: Als "Coach" müsse er die Internet-Nutzung anregen und kontinuierlich begleiten, als Moderator zwischen den Diskussionsbeiträgen vermitteln. Trotz etlicher kritischer Anmerkungen scheinen die positiven Erfahrungen zu überwiegen.Das Internet fördere das Verständnis für das Fremde.Die reale Kommunikation per Elektropost mit einem Muttersprachler motiviere beim Sprachenlernen, wobei die Schüler durch die "Spontaneität und Umgangssprachlichkeit" der E-Mail-Texte mit einem Wortschatz vertraut würden, den das Schulbuch nicht biete.Auch Korrekturen in den Texten würden von Schülern ernster genommen, da sie nun tatsächlich für "echte" Leser schrieben. Mancher Pädagoge geht bereits einen Schritt weiter und sieht das Internet als Informations- und Selbstdarstellungsmedium.So könnten Texte für den Englischunterricht aus dem Web gezogen werden oder auch die Schule nach Außen präsentiert werden.Doch die klassischen Methoden und Unterrichtsmittel werden auch in Zukunft nicht verschwinden: Ein Buch hat potentiell eben doch ein längeres Leben als elektronische Post. Das Transatlantische Klassenzimmer, herausgegeben von Reinhard Donath und Ingrid Volkmer, ist über die Körber-Stiftung, 21027 Hamburg, Telefon 040 7250-3867 erhältlich und kostet 29 Mark.

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