Zeitung Heute : „Das Trauma ist noch heute zu spüren“ Die Herero erwarten von Berlin eine Wiedergutmachung

Die Herero erwarten von Berlin eine Wiedergutmachung

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MBURUMBA KERINA ist Sonderberater des Oberführers der Herero, Kuaima Riruako, und Mitglied des Komitees „Völkermord und Wiedergutmachung“.

Welche Bedeutung hat der Krieg der Herero gegen die deutsche Kolonialherrschaft für Ihr Volk?

Es war das erste Mal in der Kolonialgeschichte weltweit, dass eine Regierung eine offizielle Erklärung abgegeben hat, eine Nation auszurotten. Nicht einmal die Briten oder die Portugiesen, die als rücksichtslos galten, oder die Belgier im Kongo, die Franzosen oder Spanier haben jemals eine offizielle Erklärung dieser Art abgegeben. Nach den letzten Gefechten wurde unser Volk in die Wüste getrieben. Noch heute kann man innerhalb des HereroVolkes dieses psychologische und emotionale Trauma spüren.

Die meisten Herero, die heute leben, sind lange nach dem Krieg geboren…

Eine weitere Folge ist unsere Armut. Die Herero haben sie nie überwinden können, denn sie wurden von ihrer grundlegenden Lebensader abgeschnitten – von ihrem Land und ihrem Vieh. Und Sie wissen: Afrikaner sind auf mündliche Überlieferung der Geschichte angewiesen. Unsere Geschichte ist von Generation zu Generation weitergegeben worden und hat sich tief in die Herzen und das Denken der Herero eingegraben.

Was erwarten Sie von Deutschland?

Eine Entschuldigung. Und Wiedergutmachung. Die Erinnerung an das Unrecht wird erst dann getilgt werden können, wenn wir uns mit Deutschland in Bezug auf Reparationen geeinigt haben.

Die Bundesregierung lehnt beides ab.

Das Schockierende daran ist, dass die SPD neben der katholischen Zentrumspartei damals im Reichstag die einzige war, die gegen den Krieg stimmte. Und nun ist dieselbe Partei an der Regierung und macht eine Drehung um 180 Grad. Dennoch möchten wir, dass die Beziehungen zwischen unserer Regierung und Deutschland fortbestehen – obwohl sie in unserem Fall nicht weiterhelfen. Die Zukunft dieses Landes – Versöhnung, Entwicklung und Sicherheit – hängt ab vom Ergebnis des Verfahrens gegen Deutschland. Und vergessen Sie nicht: Unsere junge Generation hat nicht die Engelsgeduld der Älteren. Wenn es keine Einigung gibt, werden sie das Gesetz wahrscheinlich in die eigene Hand nehmen. Was in Simbabwe passiert ist, kann sich hier leicht wiederholen.

Aber von Deutschland können Sie doch kein Land erhalten, sondern höchstens Geld.

Das ist in Ordnung.

Herero sind Namibier und profitieren damit von der deutschen Entwicklungshilfe.

Herero profitieren kein Stück von dem, was Deutschland gegeben hat. Es kommt nicht bei allen an. Es geht in den Norden und kommt dem Volk der Owambo zu Gute.

Wie sehen Sie das Verhältnis ihres Volkes zu den deutschstämmigen Namibiern?

Ich sehe keine Probleme. Sie sind für die damaligen Ereignisse nicht verantwortlich. Sie sind Rückgrat der Wirtschaft. Sie sind seit drei oder vier Generationen hier. Wir sind dankbar, dass einige sich hinter unsere Reparationsklage gestellt haben. Wir hoffen, dass im Laufe der Zeit mehr dazukommen. Denn wofür wir kämpfen, liegt auch in ihrem Interesse – wie es im Interesse aller Völker liegt, die in Herero-Gebieten leben.

Das Gespräch führte Sven-Eric Kanzler.

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