Zeitung Heute : Das TV-Programm der Deutschen Welle informiert weltweit über die Bundesrepublik - aber wie?

Harald Martenstein

In Berlin, Voltastraße, sitzt das Fernsehen der Deutschen Welle, abgekürzt DW-tv. Kennen Sie nicht? Kennt keiner. Die große Unbekannte unter den Fernsehsendern. Neulich aber war ich im Ausland, in Ägypten. Im Ausland macht der Mensch ja gerne mal den Fernseher an, wenn er abends ins Hotelzimmer kommt. Also habe ich etwa zwei Wochen lang mit einer gewissen Regelmäßigkeit das Programm der Deutschen Welle verfolgt. Jetzt weiß ich endlich, wer der amerikanische Journalist ist - dieser ältere, lautstarke, ein wenig zu rechthaberische Herr, der seit Jahren in den Talkshows als "der amerikanische Deutschlandexperte" auftritt. Er liest die Nachrichten bei DW-tv vor. Das fand ich ein wenig enttäuschend. Außerdem weiß ich jetzt, woran man unterfinanzierte Fernsehsender erkennt: Sie bringen dauernd Jingles. Das kostet nichts. Vermutlich ist die Deutsche Welle deswegen der am emsigsten jingelnde Sender der westlichen Hemisphäre. Was ist ein Jingle? "Da, da, dada, tata - dada, Ta, Ta!"

Für wen machen sie ihr Programm? Für Ausländer, die etwas über Deutschland erfahren möchten - falls es solche Ausländer in nennenswerter Zahl geben sollte - oder für Deutsche im Ausland? Das Programm ist jedenfalls so angelegt, dass es keine der beiden Gruppen zufriedenstellt. Es ist zur Hälfte deutsch, zur Hälfte englisch, hin und wieder wird auch Spanisch gesprochen. Das sind alles prima Sprachen. Wenn allerdings ein Deutscher den Sender anstellt, der Heimweh nach seiner native tongue hat, reden sie wahrscheinlich gerade Englisch.

Warum, bitte sehr, muss der deutsche Auslandssender ein zur Hälfte englischsprachiges Programm anbieten? Nee, mit Chauvinismus hat dieser Einwand nichts zu tun, auch nicht mit mangelnden Englischkenntnissen. Es gibt englische Nachrichten, und zwar sehr gute, bei BBC und CNN. Wer sich so sehr für Deutschland interessiert, dass ihm das recht ordentliche Deutschland-Nachrichtenangebot von BBC und CNN nicht ausreicht, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der deutschen Sprache mächtig. Und wenn ich als Deutscher im Ausland Urlaub mache oder arbeite, möchte ich aus Berlin keine unterfinanzierte und deswegen schlechtere Version von BBC oder von CNN kriegen. Ich hätte stattdessen gerne die Tagesschau, oder "heute", und ein paar Highlights aus dem Schatzkästlein von ARD und ZDF.

Die Italiener, Spanier, Franzosen und Polen in unserem Hotel bekamen aus ihrer Heimat Programme in ihren Landessprachen, nur die armen Deutschen ein zu 50 Prozent englisches. Wie sollen die Goethe-Institute die Leute für die deutsche Sprache und die deutsche Kultur interessieren, wenn nicht einmal im deutschen Auslandsfernsehen Deutsch gesprochen wird?

Die Deutsche Welle sendet also hauptsächlich Nachrichten, die Unterhaltung haben sie zurückgefahren. Deutschland ist im DW-Fernsehen ein Land, in dem fast ununterbrochen Pressekonferenzen stattfinden. In der knappen Zeit, die den Deutschen zwischen ihren Pressekonferenzen bleibt, sitzen sie in Büros und geben DW-tv-Reportern Interviews, abwechselnd lange und kurze. Das wird von emsigen Helfern englisch synchronisiert. Währenddessen wird im Fernsehen der anderen Völker geliebt und gekämpft, Dynastien werden gestürzt, Elfmeter werden verwandelt und Hunde gehen Gassi. Wir Deutschen sind halt doch anders.

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