Zeitung Heute : Das Überleben der anderen

Sie wollen nicht Opfer der Vergangenheit sein, die Irakgeiseln vom letzten Jahr – nun ist da der neue Fall

Axel Vornbäumen[Bennewitz]

Der Aktenordner, der da auf dem schwarzen Schrank im kleinen Besprechungszimmer der Firma Cryotec im sächsischen Bennewitz liegt, sieht auch nicht anders aus als jene, die dutzendfach in den Büros der Welt herumstehen. Korrespondenzen werden in solchen Ordnern gebündelt, Rechnungen, Mahnungen, trockener Kram. Doch diese Akte hat mit Büro nichts zu tun – sie enthält die Dokumentation eines seelischen Ausnahmezustandes, Zeitungsausschnitt für Zeitungsausschnitt. Sie beginnt am 25. Januar 2006, dem zweiten Tag der Entführung der beiden Ingenieure Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke im Irak, und sie endet mit einigen eng beklebten Seiten, auf denen Fotos zu sehen sind, aufgenommen auf jenem Sommerfest, das die Firma nach dem Ende der Geiselnahme am 2. Mai 2006 gegeben hat.

99 Tage und ein Sommerfest, gepresst zwischen zwei graue Aktendeckel. 99 Tage Ängste und Hoffnungen und Spekulationen, Halbwissen und Fehlinformationen, Mutlosigkeit, gelegentlich, leider, Wichtigtuerei – und am Ende ein Aufschrei der Erleichterung, der Dankbarkeit. Man kann die Schockwellen noch spüren, die über das Land hinweggingen, nach jedem weiteren Video, das die Entführer präsentierten. Standbild für Standbild finden sich die Gesichter von Bräunlich und Nitzschke in der Dokumentation. Man sieht die Veränderungen in diesen Gesichtern, die tiefer werdenden Augenhöhlen, die wachsenden Bärte, die Strapazen, die Erschöpfung, die Verzweiflung, die Todesangst. „Wir sind am Ende unserer Nerven“, sagt Nitzschke einmal in einem Video, da liegt noch ein Drittel der Leidenszeit vor ihm und dem Kollegen. „Meine Angst wird zur Hoffnung“, sagt der Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche. Doch da ist es erst Februar.

Thomas Nitzschke hat sich den Ordner bislang noch nicht ein einziges Mal angeschaut. Rene Bräunlich hat ihn nur kurz durchgeblättert.

Die beiden sitzen an diesem Montag in dem Besprechungszimmer, und wie sie da so sitzen und Auskunft geben über die Zeit, in der sie über sich hinauswachsen mussten, über ihre Strapazen, ihre Erschöpfung, ihre Verzweiflung, ihre Todesangst, da machen sie nicht den Eindruck, als ob sie es noch nötig hätten, in den Ordner hineinzuschauen. Den Jahrestag ihrer Entführung, den 24. Januar, „hätten wir glatt verpasst“, sagt Rene Bräunlich, „wenn wir nicht zufällig auf den Kalender geschaut hätten“ – und wenn sich in den Tagen zuvor nicht die Anfragen der Medien gehäuft hätten.

Und nun gibt es neue Anfragen, weil es eine neue Entführung von Deutschen im Irak gibt. Und weil sich das Halbwissen häuft und die Spekulationen auch.

Die Aktualität könnte die Vergangenheit zurückholen. Doch Bräunlich und Nitzschke wollen das nicht. Es ist, als ob sie diese Zeit mit Hochgeschwindigkeit hinter sich gelassen haben, nicht vergessen, aber eingekapselt und vor allem: eingeordnet , nach ihren ganz eigenen Kriterien. 99 Tage Geiselhaft im Irak, eine Zeit lang davon zusammengekauert in einer engen Sandgrube in der Steppe – das war keine verlorene Zeit, so wollen sie das nicht sehen. „Definitiv nicht“, sagt Nitzschke, „wir haben schließlich unendlich viel Erfahrung gesammelt“. Die eigene Zähigkeit, das Durchhaltevermögen, das plötzlich gekommene Bewusstsein von der Endlichkeit des Lebens. Und weil das hier an dieser Stelle vielleicht eine Spur zu sehr nach coolem Abenteurertum klingt, muss schnell angefügt werden: So ist es nicht. „Wir hatten ja abgeschlossen“, sagt Nitzschke. „Wir hatten mehr als Glück“, sagt Bräunlich.

Beide, Bräunlich wie Nitzschke, hätten liebend gern auf diese Erfahrung verzichtet, die Hilf- und Hoffnungslosigkeit, der immer wieder hervorgeholten und immer wieder verworfenen Fluchtgedanken, die Aggressionen gegenüber den Entführern, die bisweilen taktische Annäherung an ihre Kidnapper, denen sie so erträglichere Überlebensbedingungen abhandelten, eine Öllampe beispielsweise gegen die nächtliche Dunkelheit. Kein „Stockholm-Syndrom“, das nicht, wie Nitzschke sagt, aber doch der Versuch, sich in die Gedankenwelt derer einzufinden, die ihnen nach dem Leben trachteten. Eine Art von Verständnis ist da gewachsen für die andere Seite, ein anderer, irgendwie politischerer Blick auf den geschundenen Irak, ein neuer, jenseits der Schaltkreise für die Sauerstoffanlagen, mit denen sie sich sonst beschäftigen.

Und ein anderer Blick auf sich selbst und, natürlich, auf den Kollegen.

Wieder in Freiheit haben sie alle Angebote auf psychologische Betreuung abgelehnt. „Nicht nötig“, sagt Nitzschke, und auch Bräunlich schüttelt den Kopf. Sie hatten ja sich. Sie waren zu zweit. Das hat vieles erleichtert. Mit aller Macht haben sie sich danach dem Alltag zugewandt, so wie er zuvor war, ihren Familien, der Firma, dem Freundeskreis, dem Fußballverein. Eine Spur intensiver das alles, selbstredend, aber eben möglichst unaufgeregt. Thomas Nitzschke, der von Berufs wegen viel mit Strom zu tun hat, fällt die doppelte Sorgfalt ein, mit der er nun die Spannung überprüft, bevor er sich an die Arbeit macht. Das ist es aber auch.

Sie haben nach ihrer Freilassung durch die Bank positive Erfahrungen gemacht und zu den positivsten gehört wohl auch, dass das Umfeld ihre Bemühungen honoriert hat, so zu bleiben, wie sie waren. Freundschaften blieben stabil – und das hängt auch damit zusammen, dass der Umgang mit den Medien, für den sich die beiden nach ihrer wiedergewonnenen Freiheit entschieden haben, weit weniger, nun, exaltiert war, als jener, den beispielsweise die ebenfalls im Irak entführte Archäologin Susanne Osthoff gewählt hatte. Osthoff hatte ein paar TV-Auftritte von eigenwilliger Rätselhaftigkeit. Bräunlich und Nitzschke verzichteten bewusst auf eine Talkshow-Karriere, sie sind von Beruf Ingenieure, nicht Ex-Geiseln. Sie haben Anfang Mai der „Leipziger Volkszeitung“ ein großes Interview gegeben, weil sie zu der Überzeugung gelangt waren, dass sie einmal die eigene Sicht der Dinge darstellen sollten – das war alles.

Und nun ist man bei der Firma Cryotec in Bennewitz doch wieder in eine Situation geraten, wo der komplette Rückzug auf das technische Tagesgeschäft nicht so ohne weiteres möglich scheint, wo doch wieder eine Art von emotionalem Expertenstatus gefragt ist. Im Irak sind wieder zwei Deutsche entführt. Der Fall liegt anders als damals bei Osthoff und dann bei Bräunlich und Nitzschke, eine mit einem Iraker verheiratete 60-jährige Frau und ihr 20-jähriger Sohn wurden aus ihrer Wohnung in Bagdad verschleppt, gewissermaßen Einheimische als Opfer einer im Zweistromland längst grassierenden Entführungsindustrie mit Zigtausenden von Gekidnappten. Es gibt keine Bilder, nur spärliche Informationen, das Außenministerium in Berlin wehrt Anfragen ab, die Öffentlichkeit ist mäßig interessiert, ein gewisses Dämmmaterial scheint über dem Fall zu liegen, vorgeblich zum Wohl der Geiseln – doch Peter Bienert, Chef von Cryotec, fragt sich, ob das, nun da der Fall an die Öffentlichkeit gelangt ist, alles so seine Richtigkeit hat.

Bienert weiß, um die Wirkung, die öffentlicher Protest, öffentliche Anteilnahme im günstigsten Fall entfalten kann. In den Wochen der Entführung seiner Mitarbeiter, war der massige Mann stets umtriebig bemüht, die Entrüstung hochzuhalten, sie bloß nicht auf einen kleinen Kreis unmittelbarer Angehöriger zu begrenzen. Eine nationale Angelegenheit hätte er gerne daraus gemacht, so wie es die Italiener geschafft hatten für Giuliana Sgrena, mit der Kampagne „Eine von uns“. Doch nicht immer war Bienert erfolgreich – und noch heute ist er fassungslos, dass beispielsweise der DFB sich den Bitten aus Bennewitz verweigerte, wonach die Fußballnationalspieler an die Entführer von Bräunlich und Nitzschke appellieren sollten. Bienert wird laut. Er hat immer mal wieder Tränen in den Augen, wenn er die 99 Tage Revue passieren lässt – und dass er im jüngsten Fall mit Pfarrer Führer von der Leipziger Nikolaikirche erwogen hat, ob man nicht doch wieder mit Mahnwachen beginnen sollte, zeigt, dass da in Bennewitz eben doch nicht alles so bruchlos weiterläuft.

Bienert, ja die ganze Firma, spürt so etwas wie moralische Verpflichtungen gegenüber anderen Entführungsopfern – doch nirgendwo sind sie so konkret, wie im Fall des irakischen Geschäftsmannes Abd al-Halim Hidschadsch, der im Fall Bräunlich/Nitzschke erfolgreich vermittelte und im Sommer 2006 selbst Opfer einer Entführung war.

Hidschadsch ist der Mann, der den beiden Ingenieuren die Freiheit verkündete auf der langen Fahrt zurück nach Bagdad. Ohne ihn, ist Bienert überzeugt, wären die Geiseln nicht freigekommen. Später sei er als Mittelsmann „verbrannt“ worden: Man hat seinen Namen öffentlich gemacht. Unverantwortlicherweise. Er hätte noch vielen helfen können. Und nun brauche er selbst Hilfe, weil seine Familie nach der Zahlung von 150 000 Dollar Lösegeld finanziell ruiniert sei. Bienert würde gerne helfen, er, die Firma, die Mitarbeiter. Doch so liquide sind sie alle nicht.

Es gibt eine bescheidene politische Diskussion, ob man in einem derartigen Fall nicht mit einem Sonderfonds im Auswärtigen Amt unbürokratisch Hilfe leisten sollte. Der FDP-Abgeordnete Werner Hoyer hat sich dafür stark gemacht, die Resonanz ist gering. Und auch die Signale aus dem Außenministerium und dem Kanzleramt sind wenig verheißungsvoll. Es geht um fehlende Haushaltstitel und mangelnde Abrechnungsmöglichkeiten. Und wohl auch um die Abwehr von Präzedenzfällen.

Peter Bienert ist entschlossen, noch einmal zu kämpfen. Es gehe nicht, „dass der Staat sich auf so primitive Art und Weise aus der Verantwortung stiehlt“. Bienert hat ans Kanzleramt geschrieben. Doch das Kanzleramt antwortet nicht.

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