Zeitung Heute : Das Ufo im Südosten
Wenn man vom Alexanderplatz Richtung Schönefeld aus der Stadt fährt, taucht man tief in den grauen Osten ein: Neubaublocks in Lichtenberg, verwaiste Industrieareale in Friedrichshain und Treptow. Doch biegt man am S-Bahnhof Adlershof in die Rudower Chaussee ein, fährt man plötzlich mitten in eine hypermoderne Satellitenstadt, die einem Ufo gleich vom Himmel gefallen scheint: Moderne Bürogebäude und Labors wechseln sich ab. Blinkende Fassaden aus Stahl, Beton und Glas, wohin sich das Auge wendet.
In Adlershof brummt einer der größten Wissenschafts- und Medienparks Europas. Jeden Morgen machen sich rund zehntausend Menschen auf den Weg hierher, in ihre Firmen, Institute oder zu Veranstaltungen der Humboldt-Universität.
Ungefähr 400 vor allem technologieorientierte Unternehmen sind diesem Sog gefolgt und haben sich in Adlershof niedergelassen. Wo früher das Fernsehen der DDR residierte, ist heute ein bedeutendes Medienzentrum „auferstanden aus Ruinen“, mit über 100 Firmen. Die „Kanzlerduelle“ vor der Bundestagswahl 2002 und „Star Search“ wurden hier ebenso produziert wie der Kinohit „Good Bye Lenin“. Alle führenden Fernsehsender sind in Adlershof mit ihren Nachrichtenstudios und Technikparks vertreten.
Zwölf große Forschungsinstitute sind der Motor der Aufbruchstimmung. Sie suchen nach neuen Ideen in jungen Schlüsseltechnologien. So forscht das Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik (FBH) mit 150 Mitarbeitern in der Mikrowellentechnik und Optoelektronik, von den Grundlagen bis zur Fertigung. „Unsere Ergebnisse werden in der Regel zu Produkten: hoch leistungsfähige und präzise Laserdioden für spezialisierte Anwendungen in der Sensorik, Telekommunikation und Medizintechnik sowie Schaltungen für die Kommunikations- und Verkehrstechnik“, sagt Instituts-Chef Günther Tränkle.
Seit 1992 haben das Land, der Bund und die EU rund eine Milliarde Euro in die Adlershofer Institute und in die Infrastruktur gepumpt, um das rund 600 Fußballfelder große Areal des ehemaligen ostdeutschen Fernsehens, der Akademie der Wissenschaften der DDR und des Stasi-Wachregiments „Felix Dzierzynski“ auszubauen. Jetzt ist die kritische Masse erreicht, Adlershof beginnt aus eigener Kraft zu wachsen. Die Firma Lumics beispielsweise stellt dort Laserteile her. „Wir haben vor fünf Jahren mit Pumplasern für Verstärker in Netzen der Telekommunikation angefangen“, erzählt Nils Kirchstaedter, Geschäftsführer und Gründer von Lumics. „Mittlerweile konnten wir unsere Produktpalette deutlich erweitern, mit Komponenten für Laserschneiden und medizinische Anwendungen.“ Lumics produziert rund 10000 Laserteile im Jahr, meist nicht größer als ein Fingernagel. 90 Prozent der Umsätze werden im Ausland getätigt. 2004 setzte die Firma mit 14 Mitarbeitern rund 1,2 Millionen Euro um. Der 40-jährige Physiker schätzt an Adlershof vor allem die Nähe zu wichtigen Partnern, allen voran das Ferdinand-Braun-Institut. „Dort nutzen wir Lithografie- und Ätztechniken mit“, sagt er.
Lumics residiert im Adlerhofer Photonikzentrum. Unmittelbar nebenan befinden sich die Räume der Firma Spectra Couleur. „Wir haben vier Mitarbeiter“, berichtet Geschäftsführer Christian Ribbat. „Wir bieten unseren Kunden sehr kleine und leistungsfähige Speziallaser, so genannte Faserlaser.“ Bis vor wenigen Jahren wurden in der Biotechnologie und in der Medizin die so genannten Gaslaser verwendet, wuchtige Ungetüme, die sehr viel Strom verbrauchten. „Unser Laser basiert auf Glasfasern“, sagt Ribbat. „Brauchte man früher einen Gaslaser von der Größe eines Schuhkartons, reicht nun eine Streichholzschachtel. Benötigten die Labore früher einen Starkstromanschluss, kommt unser Laser mit kleinen Batterien aus.“ Er verweist auf den neuen Autobahnzubringer, der zum Jahresende eröffnet werden soll. Dann ist der Flughafen Schönefeld nur noch fünf Minuten entfernt: „In Adlershof können wir uns gut entfalten.“
Um die winzigen Bauteile beispielsweise für Laser herzustellen, haben das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen (IPK) und die Technische Universität in Adlershof ein Laborzentrum errichtet, in dem Fertigungsverfahren für mikroskopisch kleine Bauteile entwickelt werden. Die finden sich heute fast überall: im ABS des Autos, im Airbag, im Abtastkopf eines CD-Spielers oder in Mobiltelefonen. „Beim Hochpräzisionsfräsen beispielsweise setzen wir Werkzeuge ein, die nur noch ein Zehntel Millimeter dünn sind“, sagt Ulrich Doll, Leiter des Zentrums für Mikroproduktionstechnik.
Kirchstaedter, Ribbat und Doll gehören zu einer neuen Generation von kreativen Köpfen, die das moderne Adlershof maßgeblich prägen. Doch wichtige Impulse kommen auch von Forschern, die schon an der Akademie der Wissenschaften tätig waren und sich nach der Wende weigerten, ihre Abwicklung hinzunehmen. Ein Beispiel ist Christine Wedler, Geschäftsführerin der ASCA GmbH. Ihre Firma sucht im Auftrag der Pharmaindustrie nach neuen Wirkstoffen. 26 Mitarbeiter synthetisieren die verschiedensten chemischen Verbindungen, die vielleicht einmal in Arzneimitteln wirken können. „Wir haben 2001 mit 14 Leuten angefangen und uns innerhalb von vier Jahren verdoppelt“, sagt die 55-Jährige. Die Firma setzt rund 2,5 Millionen Euro im Jahr um und kommt ohne Venture Capital oder Fördermittel aus.
Langsam zieht Adlershof auch größere Produzenten an, auch wenn ein wirklich großer Player wie Siemens oder Sony noch fehlt. Der thüringische Technologiekonzern Jenoptik baut derzeit in Adlershof eine Fertigungsstätte für Laserdioden auf. Das Tochterunternehmen Jenoptik Diode Lab will 40 Arbeitsplätze in einem Neubau schaffen. In einem halben Jahr schon soll die Produktion von Chips aus Galliumarsenid starten, einer neuen Generation von schnellen Halbleitern. Sie kommen in Diodenlasern zum Einsatz, vornehmlich bei der Materialbearbeitung in der Automobilindustrie.
Doch nicht nur forschungsintensive Technologiefirmen machen hier Geschäfte. So hat der Druckdienstleister Internet Access GmbH (IAB) kürzlich eine Software auf den Markt gebracht, mit deren Hilfe sich elektronische Vorlagen für Briefe und andere Postsendungen per Internet direkt in das IAB-Druckzentrum nach Adlershof schicken lassen. Die neue Software verarbeitet alle Formate für Text, Grafiken und Bilder, die üblicherweise in den Computern und Netzwerken zum Einsatz kommen. Die Dienstleistung ist für Energieversorger, Versicherungen oder andere Unternehmen mit Filialen besonders interessant, denn bei ihnen schlagen die Kosten für Papier, Drucker und Toner oft erheblich zu Buche. Im Raumschiff Adlershof beschäftigt man sich also längst auch mit irdischen Problemen.





