Zeitung Heute : Das UNESCO-Siegel und der Alltag

BERNHARD SCHULZ

Denkmale sind unbequem.Um dieses Eingeständnis kommt nicht herum, wer sich mit den Hinterlassenschaften vergangener Zeiten beschäftigt.Die volksfestartige Beliebtheit, derer sich der "Tag des offenen Denkmals" erfreut, steht dazu nicht im Widerspruch.Heute wird dieser Tag zum sechsten Mal begangen, und die Zahl der dem Publikum ausnahmsweise zugänglichen Denkmäler geht mittlerweile in die Tausende.Deutschland - Land der reinen Denkmalsfreude?

Nicht ganz.Wenige Tage erst ausgestanden ist die Auseinandersetzung um die Anmeldung der Berliner Museumsinsel zur Weltkulturerbe-Liste der UNESCO.Die Beteiligten haben sich zusammengerauft.Das begehrte Gütesiegel winkt unverändert als Lohn der Mühen.

Doch ist die Auszeichnung mit Folgen belastet.An Welterbe-Denkmalen sind spätere Veränderungen ohne Einwilligung der UNESCO-Kommission nicht mehr möglich.Das ist, wenn man so will, eine Verschärfung der nationalen Regelungen, die die Würdigung eines Objekts als Denkmal ebenfalls mit einem Veränderungsverbot begleitet.Das eben ist das Unbequeme am Denkmal: Es will als solches erhalten und gepflegt werden.Nicht der momentane Nutzen steht im Vordergrund, sondern die bleibende Qualität als Zeugnis der Vergangenheit.

Genau das will jede Einstufung eines Objekts als Denkmal erreichen, zumal die Aufnahme in die Weltkulturerbe-Liste: Sie zielt auf die Erhaltung eines Kunst- oder Naturdenkmals ohne Wenn und Aber.In letzter Konsequenz müßte ein Denkmal jeder Alltagsnutzung entzogen sein.Das darf für die Museumsinsel nicht eintreten.Ohnehin verwehren Kriegszerstörungen die Wiederherstellung des Originalzustandes.Und die Rückkehr zur musealen Darbietung des 19.Jahrhunderts kann niemand im Ernst wünschen.Die Denkmalpflege muß Kompromisse machen, will sie sich nicht ad absurdum führen.Die Museumschefs wiederum müssen berücksichtigen, daß sie es bei ihren Gebäuden mit Objekten zu tun haben, die nicht beliebig auf die Bewältigung millionenstarker Besucherströme zugerichtet werden können.Die goldene Formel, um die Interessen unter einen Hut zwingen zu können, erhoffen sich die Beteiligten von einem "Masterplan", der die künftigen Eingriffe präzisieren soll.

Auf der Museumsinsel als einem überschaubaren, vor allem aber den Zwängen der Marktwirtschaft weitgehend enthobenen Ensemble mag die Hoffnung aufgehen.Solche günstigen Rahmenbedingungen gelten indessen nicht für alle Denkmale.Der Streit um das Einkaufszentrum am Potsdamer Hauptbahnhof hat den Grundkonflikt in aller Deutlichkeit hervorbrechen lassen, der den Umgang mit einem Denkmal vom Umgang mit einem Alltagsobjekt scheidet.Daß Potsdam zwar nicht in seiner städtischen Gesamtheit, wohl aber mit seinen prägenden Teilen der Schlösser- und Gärtenlandschaft den Status eines Weltkulturerbes genießt, hat der Zerstörung des hergebrachten Stadtbildes durch einen überdimensionierten Konsumtempel ungeahnte Brisanz verliehen.Es tritt ins Bewußtsein, daß die Denkmalseigenschaft nicht auf ein abgezirkeltes Objekt oder Bauwerk beschränkt bleiben muß, sondern daß es eine Gesamtheit sein kann, ein Ensemble, ein Dorf, eine ganze Stadt.Das aber bedeutet, daß der Umgang mit dem Ganzen und allen seinen Teilen ein anderer werden muß als der des Augenblicks.Der Potsdamer Konflikt weist zurück auf den mächtigen Impuls des Denkmalschutzjahres 1975.Damals wurden neben den herkömmlichen Kirchen und Schlössern erstmals auch gewöhnliche, ja unansehnliche Denkmale hervorgehoben, in Berlin beispielsweise Mietshäuser der Gründerzeit.Aus solcher, auch in der breiten Öffentlichkeit veränderten Wahrnehmung von historischen Zeugnissen speist sich der enorme Zulauf, den der "Tag des offenen Denkmals" neuerlich finden wird.

Er wird ein Erfolg sein - nicht wenn wiederum Millionen Besucher strömen, sondern wenn sie das Bewußtsein mitnehmen, daß Denkmale unbequem sind und sein müssen.Die Bewahrung der Vergangenheit ist nicht umsonst zu haben - finanziell nicht und nicht im Umgang mit ihnen.Die Streitfälle der Unesco-Liste bilden nur die herausragenden Exempel.Im Alltag gilt es bei jedem Dankmal auszutarieren, wie das Gebot der Erhaltung und der Wunsch nach Nutzung zueinander finden können.Dieses mühevolle Abwägen kann auch das UNESCO-Gütesiegel nicht ersparen.

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