Zeitung Heute : Das Universum des Anfangs

Der ungarische Autor László Krasznahorkai wird neuer Samuel-Fischer-Gastprofessor

Jutta Kimmerle

Plötzlich war es wieder da. Als László Krasznahorkai vor einigen Wochen wieder nach Berlin kam, da kehrte auch dieses Gefühl zurück, das den ungarischen Autor seit über zwanzig Jahren mit dieser Stadt verbindet: „Berlin ist die einzige Stadt der Welt, wo ich mich jemals so zu Hause fühlte.“ Ungewöhnlich für einen Autor, der die vergangenen Jahre abwechselnd in Städten wie Peking, Shanghai, Paris, Barcelona, Kyoto oder Budapest verbracht hat. Und gerade weil László Krasznahorkai sich hier heimisch fühlt, ist dieser Berlin-Aufenthalt nach mehr als zehn Jahren auch ein wenig ein Neuanfang für ihn. „Ich muss Berlin wieder ganz neu kennenlernen – das Wesen der Stadt hat sich in den letzten Jahren doch stark verändert.“ Vielleicht hat der Autor, der im kommenden Semester die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität antritt, ja auch deshalb für sein Seminar den Titel „Das Universum des Anfangs“ gewählt.

Krasznahorkai, den die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag als „Meister der Apokalypse“ bezeichnet hat, will in diesem Seminar mit seinen Studenten nicht über den Verfall, den Niedergang und den Verlust in der Literatur diskutieren. Mit jungen Menschen möchte er nicht über die Apokalypse diskutieren: „Seit der Romantik sprechen wir immer nur vom Ende der Dinge und davon, dass wir alles verlieren. Ich will mit den Studenten lieber darüber sprechen wie, wo und wann Dinge beginnen – ob nun eine Liebe oder ein Kunstwerk.“ Das werde aber nur funktionieren, wenn die Studenten mit ihm in einen Dialog treten, und sich ein Vergleich zwischen verschiedenen Kulturen und Epochen im Gespräch entwickelt. „Ich stelle mir diese Begegnung als offenen Gedankenaustausch vor – dann könnte wirklich etwas Neues entstehen."

Über seine eigenen Anfänge als Schriftsteller spricht Krasznahorkai, 1954 im südostungarischen Gyula geboren, dagegen mit Zurückhaltung. Denn eigentlich hatte er nie vor, Schriftsteller zu werden. Die ersten literarischen Versuche unternahm er während seines Militärdienstes. Danach schrieb er lange Zeit nichts mehr; Literatur zum Beruf zu machen, war für ihn damals keine Option. Nach dem Militär begann er Hungarologie an der ELTE-Universität in Budapest zu studieren. Da er Ungarn damals nicht verlassen konnte, jedoch unbedingt neue Orte kennen lernen wollte, unterbrach er sein Studium mehrfach, um sich irgendwo auf dem Land mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen: Einmal arbeitete er in einem Kohlebergwerk, ein anderes Mal kümmerte er sich als Schichtarbeiter in einem Rinderzuchtbetrieb nachts um Kühe und Kälber. Dann organisierte er Kultur-Veranstaltungen auf dem Land und half als Grundschullehrer aus. Nie blieb er so lange an einem Ort, dass ihn die Behörden ausfindig machen konnten, sonst hätte ihm als Studien-Unterbrecher ein zweites Jahr Militärdienst gedroht. „Ich dachte damals nicht, dass mir diese Zeit einmal Material für meine Bücher liefern könnte“, sagt Krasznahorkai.

Und doch flossen viele der Erfahrungen seiner „Wanderjahre“ in sein erstes Buch ein. Der Schauplatz seines 1985 erschienenen Erstlingswerkes „Satanstango“ ist eine heruntergekommene und halb verlassene Siedlung in Südostungarn. Von der Kritik wurde das Buch als Schlüsselroman über den Anfang vom Ende des Ostblocks gefeiert – es machte Krasznahorkai auch über die Grenzen Ungarns hinaus bekannt. 1987 kam der Nachwuchsschriftsteller durch ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Westberlin. Es war sein erster Auslandsaufenthalt und Berlin, wie er heute sagt, eine beispiellose Stadt. In den folgenden Jahren kam er immer wieder zurück – als Gast des Literarischen Colloquiums und 1996 auf Einladung des Wissenschaftskollegs in Berlin. Als Autodidakt brachte er sich Deutsch bei, er trainierte es in vielen langen Gesprächen und Diskussionen. Deutsch sei eine wunderbare Sprache, sagt er. Wenn man es so spricht wie Krasznahorkai, dann möchte man dem von ganzem Herzen zustimmen. Vor allem, wenn er von Berlin spricht, seiner „Liebe“. Dann sagt er Sätze, mit denen eigentlich auch ein Buch beginnen könnte: „West-Berlin war eigentlich eine traurige Idiotie der Politik. Aber auch eines der letzten Ressorts für Loser. Und ich stand immer auf der Seite der Loser.“

Jutta Kimmerle

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