Zeitung Heute : Das Vataland loben

Dorothee Nolte

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Die Fußballweltmeisterschaft hat bei uns Spuren hinterlassen: Die Jungs halten die deutsche Nationalhymne für ein Kinderlied, vergleichbar dem Bi-Ba-Butzelmann. Immer wieder erschallen aus dem Kinderzimmer patriotische Klänge. „Einlichkeit und Recht und Keiheit für dis deutsche Vataland“, tönt es aus dem jüngsten Mund der Familie. Das Lasst-uns-streben und die brüderlichen Hände überspringt der Kleine elegant und schmettert weiter, mit tiefster Inbrunst und höchstem Stimmchen: „Glüüüüh im Glanze dieses Glückes, glühe, deutsches Vataland!“

Warum lässt er nur immer die Brüderlichkeit weg? Vermutlich weil er sich darunter noch weniger vorstellen kann als unter Einlichkeit und Keiheit. Zwar hat er einen Bruder, und es kommt vor, dass die beiden ganz allerliebst zusammen Höhlen bauen, mit dem Piratenschiff spielen oder Legofiguren zusammensetzen. Das sind die Momente, in denen ich selig lächelnd meine Sprösslinge betrachte, Momente, in denen das Mutterherz glüht im Glanze seines Glückes. Genau eine Minute später geht es los: Lucas nimmt sich einen Piraten, den Timmy haben will, allgemeines Gebrüll, der Kleine steckt dem Großen die Zunge raus, der Große rächt sich mit Schlägen auf den Bruderkopf, der Kleine heult los, das Mutterherz schimpft, alles glüht, aber vor Wut.

So ist es bei uns um die Brüderlichkeit bestellt. Sie ist geprägt von Missgunst („Der hat mehr Nudeln!“), Denunziation („Lucas hat nicht aufgeräumt!“), Kopfnüssen und schlechten Manieren (Spucken, Hauen, die ganze Palette). Auf so ein wackliges Gefühl gründen Nationen ihr Selbstverständnis? Egalité und liberté, schön – fraternité, nein danke. Aber nun hat ja ein neues Jahr begonnen. Mit dem deutschen Vataland soll es aufwärts gehen, so hört man. Da wünsche ich allen jungen Patrioten viel Glück, Einlichkeit und Keiheit.

Über das Vaterland und seine Hymne informiert man sich am besten im Deutschen Historischen Museum (Unter den Linden 2, Info-Telefon 20304-444, geöffnet täglich von 10-18 Uhr, Eintritt 4 Euro, Kinder und Jugendliche frei).

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