Zeitung Heute : Das verlorene Nischenglück
02.10.2010 02:00 UhrWesentlich ist künftig nicht mehr, woher ein Mensch gekommen ist, sondern wohin er geht - sagt der Westdeutsche.
Eher hätte sich ein Bremer vorstellen können, mit Bremerhaven vereint zu werden als eine Vereinigung mit den Brüdern und Schwestern aus dem nahen Osten, die jetzt, im 20. Jahr der Einheit, im hanseatischen Stadtstaat gefeiert wird. Dass Ost und West sich wieder nahe kommen würden, hatte niemand mehr erwartet, auch diesseits von Bremen. Die deutsche Teilung schien zementiert, zwei deutsche Staaten längst als normal akzeptiert. Doch mit dem Umbruch, den die SED vergebens eine Wende nannte, wurden ausgerechnet die Westdeutschen überrumpelt.
Es passierte etwas, was nicht sie bestimmt hatten, sondern die anderen Deutschen.
Das waren für die Ostler die schönsten Stunden der deutschen Einheit. Als sie ihren Brüdern und Schwestern im Westen die Flasche reichen konnten. Als die begeistert mit ihnen tranken, obwohl es nur halbtrockener Rotkäppchensekt war. Eng umschlungen schliefen sie den gemeinsamen Rausch aus. Aber schon beim Aufwachen danach: Katerstimmung. Kopfschmerzen. Entsetzen. Wer lag denn da neben uns Westlern im Bett? Mussten wir auch noch das Frühstück teilen? Wer zu spät aufwacht, den bestraft das Leben, und so endete eine aufregende Nacht schnell am Altar der deutschen Einheit. Was aber normal ist, wie jeder aus dem wahren Leben weiß. Flitterwochen lassen sich nicht auf Jahrzehnte verlängern. Die Vorstellung vom dauernden Verliebtsein ist eine romantische Schnulze.
Danach wuchsen Vorurteile auf beiden Seiten: Der Ossi an sich ist unersättlich, hat keinen Geschmack, schlurft verdrießlich durch seinen Alltag, ist andauernd beleidigt und sehnt sich in Wahrheit nach den alten Zeiten zurück, in denen ihm die DDR zwar stank, doch es ihm wenigstens warm war im Mief. Der Wessi an sich ist arrogant, hält die Brüder und Schwestern für nörgelige Verwandte, die seit zwanzig Jahren auf seine Kosten leben, beklagt die dadurch entstandenen Löcher im eigenen Haushalt, wünscht sich seine gute alte Bundesrepublik zurück. Das bessere System habe sich als siegreich erwiesen, lautete die angeberische Botschaft der Westler, und sie als Vertreter des Besseren seien die wahren Sieger. Es sei diese bis in den Alltag hinein spürbare Arroganz der Westdeutschen, die sie so verbittere, sagen die arbeitslosen Verlierer der Einheit, bei denen eine Verbitterung noch verständlich wäre. So argumentieren aber auch die Gewinner. Sie messen das Erreichte an dem, was im Westen in über vierzig Jahren wirtschaftlicher Blüte mit harter Arbeit erreicht worden war, statt ihr neues Leben mit den Verhältnissen in den ehemaligen sozialistischen Bruderländern zu vergleichen.
Da es jedoch inzwischen sogar in Oberammergau keine Sensation mehr ist, wenn ein Kellner sächselt, kann man behaupten, dass die Einheit beim Volk angekommen ist. Wenn inzwischen westdeutsche Studenten in Greifswald oder Jena oder Leipzig oder Dresden studieren und nicht heimwehkrank durch die Bahnhofshallen schleichen, wenn die künftigen Eliten der Nation nur noch danach gehen, wo sie am besten ausgebildet werden, ist das ein Beleg dafür, dass es in den Köpfen der gebildeten Jugend keine Mauer mehr gibt. Da die Skandale im Osten – Korruption, Betrug, organisierte Kriminalität – denen im Westen sehr ähneln, ist die Vermutung erlaubt, dass dort zusammen gewachsen ist, was zusammen gehört.
So gesehen wäre es ein beruhigendes Zeichen von Normalität, wenn die im Westen über die im Osten und umgekehrt klagen. Badener zum Beispiel haben sich stets über Württemberger mokiert, die umgekehrt sind über Badener hergezogen. Doch schon lange leben sie friedlich zusammen im Bundesland Baden-Württemberg und gehen sogar unter dem im Osten geborenen Motto „Wir sind das Volk“ in Stuttgart gemeinsam gegen die Arroganz der Macht auf die Straße.
Real existierende Unterschiede zwischen Ost und West, sind trotz aller sichtbaren Fortschritte, fast zwanzig Jahre nach dem D-day unübersehbar, wirtschaftlich und politisch. Weil sich viele Ostdeutsche angesichts aktueller Probleme nicht mehr erinnern wollen, welchen viel finsteren Zeiten sie entronnen sind, werden sie von Westdeutschen daran erinnert, sobald sie wieder in ihren Jammerchören beklagen, sie seien an der Einheit innerlich zerbrochen.
Zwar hätte der außenpolitische Teil nach dem Umbruch 1989 kaum besser gemanagt werden können, und ohne diese Leistung der Regierung Kohl/Genscher wäre die Einheit gar nicht erst möglich gewesen, aber die innere Einheit ist noch immer nicht erreicht, weil es nicht gelungen ist, die Menschen im Osten mit ihrem Stolz darauf, die erste unblutige deutsche Revolution geschafft zu haben, ins gesamte Deutschland einzubringen und dafür zu würdigen. Dass allüberall in Deutschland ein Denkmal steht für die Gefallenen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, aber keines für die Helden des Umbruchs, dürfte also kein Zufall sein. Ein Denkmal, das alle Namenlosen ehrt, die unter dem Ruf „Wir sind das Volk“ mutig die Bankrotteure zum Teufel jagten, müsste nicht nur in Berlin stehen. Sondern an allen Orten, wo das Volk den Schritt von der „Ohnmacht in die Macht“ wagte. Also zuerst in Plauen, dann in Dresden, dann in Leipzig und so weiter.
Fast siebzig Prozent der Ostdeutschen fürchten gesellschaftliche Veränderungen, fast sechzig Prozent empfinden ihr Leben als ständigen Kampf und deshalb als Dauerstress, fast fünfzig Prozent fühlen sich von Vater Staat verlassen. Ein belastbares Nationalgefühl Ost existierte nicht mal in jener Zeit, als der Osten noch für die Ewigkeit gemauert schien, obwohl die SED versuchte, es diesseits vom kurzfristigen Stolz auf sportliche Erfolge langfristig zu etablieren. Das Nationalgefühl Ost, das sich in trotzigen, aber nicht immer komischen Äußerlichkeiten zeigt wie dem spielerisch provokanten Outfit junger Paare in Ostdiscos – er in Uniform der Volksarmee, sie im blauen FDJ-Hemd – gedeiht erst jetzt im geeinten Deutschland, ist eigentlich reaktionär, aber verständlich.
Im Rückblick auf die tatsächlich real dahin vegetierende DDR, die totenbleich im Koma lag – verrottete Infrastruktur, subventionierte verdeckte Arbeitslosigkeit bis zu fünfzehn Prozent, vergiftete Umwelt, veraltete Industrie –, ist das seither Erreichte in der Einheit beispielhaft. Aber was beim Aufbau Ost, der dem Westen teuer war und ist, angeblich auf der Strecke blieb, ist der von Ostalgikern verklärte besondere Volkscharakter Ost. Der basiert vorgeblich auf so edlen Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Genügsamkeit, Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft. Was die Wessis abschätzig als spießigen Zonenmief bezeichnen, dünkt vielen Ossis rückblickend als Nischenglück.
Der aus Sachsen stammende Theologe und Philosoph Richard Schröder, einst SPD-Fraktionschef in der letzten Volkskammer, kann mit einer Anekdote aus der eigenen Familie verdeutlichen, warum Heimweh nach Mief, der dumpfig riecht, aber wohlig wärmt, größer sein kann als die Sehnsucht nach einem fernen Horizont voll ungewisser Freiheit: „Mein Großvater hat sich einst in seiner Heimatstadt im Wohnungsbau für kinderreiche Familien engagiert und dafür gesorgt, dass die vier, fünf Zimmer bekamen. Als er seine Schützlinge nach einiger Zeit besuchte, saßen die alle wieder gemeinsam eng beieinander in der Wohnküche. Verblüfft fragte er, warum sie denn in diesem einen Raum säßen und nicht die anderen benutzten. Da gaben sie ihm zur Antwort: So ist es gemütlicher. Wir haben ein Zimmer vermietet.“
Zwanzig Jahre danach darf noch einmal kreuzweise deutsch gelästert werden. Danach aber sollte Schluss sein. Wesentlich ist in der Zukunft nicht, woher ein Mensch kommt. Sondern wohin er gehen will. Dumpfbacken gibt es hier wie dort, nur gemeinsam lassen die sich bekämpfen. Spätestens dann, wenn die wahren Kinder der Einheit, vor 20 Jahren geboren oder damals drei, vier, fünf Jahre alt, auch die Gemütslage der Nation bestimmen, werden die Unterschiede zwischen Ost und West so real existieren wie die zwischen Nord und Süd. Es gibt sie.
Na und.
Michael Jürgs, Jahrgang 1945, ist Journalist und Buchautor. Er war Chefredakteur von „Stern“ und „Tempo“ und lebt in Hamburg.








