Zeitung Heute : Das verlorene Paradies

FRANK NOACK

Pressehefte sind an und für sich eine sehr nützliche Erfindung, schließlich kann man dort einiges über den Inhalt und den tieferen Sinn eines Films erfahren.So mancher Film bezieht jedoch seinen Reiz gerade daraus, daß er unverständlich bleibt.Das Rätsel soll gar nicht gelöst werden.Mike Figgis springt in "The Loss of Sexual Innocence" von einem Schauplatz zum anderen, seine Protagonisten sind ein Mann (Julian Sands), ein Jüngling (Jonathan Rhys-Meyers) und ein kleiner Junge, die alle Nic heißen, und dazwischen bewegt sich noch ein schwarzer Adam mit einer weißen, blonden Eva durchs Paradies.Figgis variiert das Thema der verlorenen Unschuld, wozu er die bei ihm üblichen gelbstichigen Bilder liefert und, um das Artifizielle seines Films zu betonen, Musikstücke von Beethoven und Chopin in voller Länge ausspielt.Die unzähligen Erinnerungsfetzen werden im Presseheft geordnet, so daß eine einfache, schrecklich banale Geschichte zustandekommt.Also Finger weg vom Presseheft und berauschende Bilder genießen, sich ganz dem Gefühl von Trauer hingeben, das Figgis 104 Minuten lang erzeugt.Nur einmal kommt unfreiwillige Komik auf, wenn der erwachsene Nic seine Frau in der Küche von hinten nimmt und sie dabei Mohrrüben zerhackt.Und der Film ist zuweilen einschläfernd, jedoch auf eine angenehme Weise.Da Figgis keine geradlinige Geschichte erzählt, können seine Zuschauer ruhig zwischendurch mal einnicken.Das klingt nicht gerade nach einer Empfehlung, soll aber eine sein: Figgis, dessen letzte Arbeiten "Leaving Las Vegas" und "One Night Stand" durchaus mainstream-tauglich waren, hat einen Experimentalfilm von hypnotisierender Wirkung gedreht.

Heute 18.45 Uhr (Royal-Palast), morgen 13 Uhr (Atelier am Zoo)

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