Zeitung Heute : Das Versagen des Bürgertums

PAUL STOOP

Auftakt der Mosse-Lectures mit dem Historiker George L.Mosse Ein Mann langer Vorreden ist er nicht.Freundlicher Dank an die Veranstalter - und schon ist George L.Mosse beim Thema.Im Atrium des Berliner Mosse-Zentrums sprach der 78jährige über "Das liberale Erbe und die national-sozialistische Öffentlichkeit".Der amerikanische Historiker aus Berlin eröffnete die "Mosse Lectures" unter dem Titel "Die Öffentlichkeit von Kultur", mit denen das im Mosse-Bau untergebrachte Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Uni ihn, den Analytiker politischer Massenbewegungen und Enkel des Verlegers Rudolf Mosse, ehrt.Mosse beherrscht es, persönliche Erinnerungen, wissenschaftliche Betrachtung und den kritischen Blick auf die Gegenwart zu verbinden.Zwei Demokratiebegriffe hätten sich in diesem Jahrhundert gegenübergestanden: der des Liberalismus, verbunden mit den Ideen Humboldts, mit Toleranz und Parlamentarismus.Dies war die Tradition der Mosses."Aber die Ideen Humboldts stießen ins Leere, das liberale Bildungsbürgertum war isoliert", erinnerte Mosse, "und betrachtete die NS-Bewegung sehr herablassend." Nüchtern charakterisierte Mosse die Künder "des zweiten Demokratiebegriffs", die auf "unmittelbare Demokratie" gesetzt habe, deren Stärke "nicht auf Vernunft, sondern auf Glauben beruhte".Mythen und Riten waren der Kitt der Massenbewegung.Die "noble Tradition" des liberalen Bürgertums sei dagegen "am Ende hilflos" gewesen. Und heute? Der Nationalsozialismus habe das "visuelle Zeitalter" verkörpert, sichtbar nicht nur in Inszenierungen - "fast alle Rassebücher waren auch Bilderbücher".Die Bedeutung der Form sei nicht mit dem globalen Sieg des Liberalismus untergegangen.Rituale in der heutigen Politik, die Mechanismen von PR und TV lägen in der Tradition der "direkten" Demokratievorstellungen; sie zeigten Spuren einer Anwendung der Massenpsychologie Gustave Le Bons, bei der sich Nationalisten und Nazis bedienten.
Doch das Unbehagen vor allem über amerikanische Politik-Inszenierungen verleitet Mosse nicht, zum Kulturpessimisten zu werden.Vielleicht biete ja die Liaison von PR und Liberalität eine Chance: "Sie könnte die Isolation des Liberalismus verhindern helfen." Und wenn doch die Form den Inhalt bestimmt, die Politik der Rituale den Blick der politischen Vernunft trübt? Wäre eine Konvergenz beider Demokratiebegriffe denkbar? Mosse entscheidet sich am Ende nicht: "Ich bin Historiker, kein Prophet." Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Form und Inhalt könnten die nächsten Redner der Mosse-Lectures geben: der Politiker Peter Glotz, dem Selbstinszenierung nicht fremd ist (28.Mai), und der Architekt Daniel Libeskind, der versucht, in seinem Museumsbau das Verhältnis von Berliner und berlinisch-jüdischer Geschichte darzustellen (11.Juni).

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