Zeitung Heute : Das Vertrauensrezept des Präsidenten

Elisabeth Binder

In seiner letzten Berliner Rede will Johannes Rau darüber sprechen, woran es im Land fehlt – und den Deutschen wieder Mut machen

Zum ersten Mal hält der Bundespräsident heute die Berliner Rede im Schloss Bellevue. Das ist ein Signal, denn zum Schluss seiner Amtszeit plant er offenbar noch einmal einen richtigen Paukenschlag. Mit der ganzen Autorität des Amtes will er sehr konkret Missstände anprangern und Ärgernisse aufdecken. Das Thema klingt trotzdem positiv, zukunftsgerichtet: „Vertrauen in Deutschland – eine Ermutigung“. Dabei wird es allerdings nicht nur um Vertrauen gehen, sondern vor allem auch um den offenkundigen Mangel daran in unserem Land und um das, was aufgrund dieses Mangels falsch läuft. Etwa 220 Gäste dürfen bei einem der letzten offiziellen Ereignisse vor der Generalüberholung live dabei sein im Schloss, darunter die Botschafter Englands, Polens und Israels, Sir Peter Torry, Andrzej Byrt und Shimon Stein, außerdem Klaus Wowereit, Walter Momper, Franz Müntefering und Guido Westerwelle. „Und natürlich sind die Zuschauer der Live-Übertragung im Fernsehen unmittelbar mit dabei“, hieß es im Bundespräsidialamt.

Angefangen hat alles im April 1997 im Hotel Adlon. Mit seiner berühmt gewordenen „Ruck-Rede“ setzte Roman Herzog den Anfang dieser Tradition. Die Idee kam ursprünglich von „Partner für Berlin“ vor dem Hintergrund, dass von der Hauptstadt geistige Impulse ausgehen müssen. Durch die mediale Inszenierung blieb die Ruck-Rede im Gedächtnis haften. Das Ereignis selber haben diejenigen, die live dabei waren, gar nicht in so überragender Erinnerung. „Es roch nach Baustelle, das Hotel war noch nicht richtig fertig, die Rede klang auf Anhieb eher langweilig, und am Ende stürzten sich alle ganz rasch aufs Büfett“, resümiert einer der damaligen Premierengäste. Trotzdem: Als Johannes Rau unlängst eine Feier zu Ehren von Herzogs 70sten ausrichtete, erinnerten sich einige Manager voller Nostalgie an die mit dem Leitmotiv verknüpften Hoffnungen und fragten, wo er denn nun bleibe, der Ruck.

In der zweiten Berliner Rede befasste sich der finnische Präsident Martti Ahtisaari mit der internationalen Rolle Europas. Und im April 1999 mahnte UN-Generalsekretär Kofi Annan die Westeuropäer, „offen zu sein für eine Erweiterung ihrer Union Richtung Osteuropa“, und forderte „größeres Selbstbewusstsein gegenüber den USA“.

Als Johannes Rau Bundespräsident wurde, verlagerte er den Schauplatz der Berliner Rede vom exklusiven Hotel Adlon hin zu Orten in der Stadt, die auch inhaltliche Bezüge aufwiesen. Seine erste Berliner Rede hielt er im Haus der Kulturen der Welt. Dort ging es um klare Regelungen für die Zuwanderung, um ein Gesetz zur Integration von Ausländern und um eine flexiblere Auslegung des Asylrechts. In seiner zweiten, in der Staatsbibliothek gehaltenen Rede befasste sich Rau grundsätzlich mit der Biopolitik: „Wenn wir begründete Zweifel haben, ob wir etwas technisch Mögliches tun dürfen oder nicht, dann muss es so lange verboten sein, bis alle begründeten Zweifel ausgeräumt sind.“

Diese zweite Rede war für Johannes Rau mit Abstand die schwerste, aus einem ganz persönlichen Grund. Er verriet ihn Evelyn Roll in dem Buch „Weil der Mensch ein Mensch ist…“. Sein jüngerer Bruder, der für ihn nächste Mensch nach Frau und Kindern, war kurz zuvor an Krebs gestorben. Unmittelbar nach der Rede musste er zur Beerdigung aufbrechen. Die tödliche Krankheit des Bruders „berührte also überall mein Thema“. Vielen Zuhörern mag das entgangen sein, aber Rau selbst gestand später: „…ich musste beim Reden mit den Tränen kämpfen.“ Innerhalb kürzester Zeit wurde die Rede dann 20 000 Mal im Internet abgerufen und in großen Auflagen veröffentlicht.

Über die Chance der Globalisierung, die von den Menschen verändert, gestaltet und in gute Bahnen gelenkt werden kann, sprach Rau 2002 im Post- und Kommunikationsmuseum. Im vergangenen Jahr schließlich ging es im Gorki-Theater um die Außenpolitik und Deutschlands Verantwortung in der Welt. Scheint so, als kämen heute, gewissermaßen als Krönung eines Reigens, aus dem Schloss Bellevue ein paar deutliche Worte über die Verantwortung jedes einzelnen Deutschen für sein Land.

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