Zeitung Heute : Das virtuelle Berlin steht in den Startlöchern

KURT SAGATZ

Die Stimmung ist seltsam gelöst.Nachdem der offizielle Start des virtuellen Berlins im Internet unter der Adresse www.berlin.de von Mitte Oktober auf Anfang Dezember verschoben werden mußte, strahlen Horst Ulrich von der Berliner Senatskanzlei und Sascha Korp von der debis-Tochter Primus Online nun eine Gelassenheit aus, die sogar Platz für selbstkritische Töne zuläßt: "Wir haben die Komplexität des Vorhabens vielleicht etwas unterschätzt", räumt Korp mit Blick auf die Größe der Aufgabe, die gesamte Stadt in den neuen Medien abzubilden, ein.Daher sollte auch der offizielle Startschuß am 8.Dezember im Roten Rathaus mit dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen, debis-Vorstandschef Klaus Mangold und dem Vorstand der Berliner Volksbank, Rudolf Prast, nicht überbewertet werden.Das virtuelle Berlin habe derzeit den Charakter eines Rohbaus, bei dem das Gerüst fertiggestellt sei und auch schon einige Räume eingerichtet seien."Die Lebendigkeit muß nun durch die Bewohner hinzukommen", versucht Korp allzu große Erwartungen zu dämpfen.

Ein gewisses Understatement schwingt bei diesen Worten allerdings mit.Bereits seit einiger Zeit haben die Berliner die Möglichkeit, im Internet-Angebot der Stadt ihre persönliche und kostenlose E-Mail-Adresse einzutragen.Von diesem Angebot haben immerhin schon 1900 Menschen Gebrauch gemacht und jeden Tag kommen rund 100 hinzu, wohlgemerkt vor dem offiziellen Startschuß und den damit verbundenen Werbekampagnen im Straßenbild und in den Kinos der Stadt.Genauso kostenlos wie die E-Mail-Adresse ist übrigens auch der Platz für die privaten Homepages, so daß es kaum verwundert, daß sich bereits jetzt rund 300 Bewohner mit ihren persönlichen Internet-Seiten dort verewigt haben.

Überhaupt ist es der Umstand, daß Berlin als erste deutsche Großstadt allen Einwohnern dieses breite Angebot an Einstiegsmöglichkeiten ins Netz bietet.Wer nur die Angebote im Bereich von www.berlin.de - einschließlich Online-Shopping mit dem Shopping-Konto der Volksbank als virtueller Kreditkarte - nutzen möchte, zahlt nur die üblichen Telefonkosten, aber keine Providergebühren.Wer allerdings den weiterführenden Links ins Netz nachgehen will, muß entweder bei Primus Online oder einem Provider oder Online-Dienst Kunde werden.

Auch wenn die großen innovativen Würfe zum Start von Berlin.de in der nächsten Woche nicht anstehen, und auch der Shopping-Bereich erst etwas später hinzukommt, erwarten die Berliner auf der Internet-Site viele interessante Angebote mit hohem Nutzwert.Vom Start weg dabei sein wird ein virtueller Behördenführer, der bei der Suche nach dem richtigen Amt mitsamt Anschrift und Telefonnummer hilft.Die Einträge sind zudem mit einem computergestützten Stadtplan verbunden, der gleich den entsprechenden Standort aufführt.Wer alle italienischen Restaurants in Charlottenburg sucht, wird dort ebenfalls fündig und bekommt die Standorte grafisch angezeigt.

Regen Zuspruchs erfreut sich das virtuelle Berlin schon jetzt auch auf Seiten der Anbieter.Zur Konzeption des Dienstes gehört es, auch die Wirtschaft möglichst komplett abzubilden.Unterschieden wird dabei in Partner, die - wie der Tagesspiegel oder InfoRadio - News bereitstellen, und in Anbieter, die berlin.de als Plattform zur Selbstdarstellung, aber auch zum Electronic Commerce gegen Entgelt nutzen können.Mit 60 Anbietern hat Primus Online entsprechende Vereinbarungen getroffen, weitere 200 Firmen haben ihr Interesse signalisiert.

Die Akzeptanz der virtuellen Stadt wird größtenteils davon abhängen, wie stark sowohl die Anbieter als auch die Bürger das Angebot annehmen.Ein Zugpferd könnte das Bürgerforum werden, denn neben den privaten Homepages werden dort Diskussionsforen und Chaträume eingerichtet.Dort darf es ruhig auch politisch werden, erklärt Horst Ulrich.Derzeit verhandeln das Büro des Regierenden Bürgermeisters und das Amt Wirtschaftssenator Branoner darüber, wer sich dort als erster den Fragen der Berliner stellen darf.Im Forenbereich dürfte sich zudem zuerst zeigen, daß auch das virtuelle Berlin mit der Vielfältigkeit seiner Angebote wächst.Prostitution und Pornographie sind dort nicht zugelassen, doch gegen Erotik und Nachtleben sei nichts einzuwenden, so Ulrich und Korp unisono.

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