Zeitung Heute : Das virtuelle Museum öffnet seine Tore

KURT SAGATZ

Die musealen Darstellungsmöglichkeiten geschichtlicher Epochen sind seit gestern um eine neue, virtuelle Dimension erweitert worden.Nach zweijähriger Arbeit wurde am Donnerstag in Berlin das Projekt "Lebendiges Museum Online" - kurz Lemo - der Öffentlichkeit vorgestellt.Lemo umfaßt die deutsche Geschichte seit Beginn des Jahrhunderts bis zur Gegenwart und ist im Internet über die Adresse www.dhm.de/lemo zu erreichen.Mitgewirkt an dem aufwendigen Projekt haben das Deutsche Historische Museum in Berlin, das Haus der Geschichte in Bonn sowie das Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik in Berlin.Finanziert wurde Lemo vor allem durch die Telekom-Tochter Berkom, die in den zwei Jahren rund 800 000 DM locker machte, und durch den DFN-Verein, der den Internet-Part in dieser Kooperation übernahm.Weitere 200 000 DM wurden von den Museen aufgebracht.

Die Kooperation der beiden Museen ist nur eine der Besonderheiten dieses Projektes, aus dem heraus ein ganz neues, in dieser Form eben nur im Internet existierendes virtuelles Museum entstand und das den Rahmen der bisherigen Möglichkeiten nicht nur deshalb sprengt, weil ein Museumsbesuch nun von Raum und Zeit losgelöst erfolgen kann."Lemo bietet ganz neuen Erlebniswelten mit einer neuen, einfachen und vor allem preiswerten Technologie", freut sich beispeislweise Herbert Weber vom Fraunhofer Institut und verweist darauf, daß die Museumsangebote mit jedem moderneren Multimedia-PC mit Internet-Anschluß wahrgenommen werden können.

Die neuen Erlebniswelten bestehen aus dreidimensionalen Räumen, die im Internet mit der Beschreibungssprache VRML entworfen wurden.In der wilhelminischen Epoche beginnt diese 3-D-Welt noch so, wie es jeder normale Museumsbesucher kennt: Man betritt einen Raum, betrachtet die Exponate, liest die dazugehörigen Erklärungen und läßt sich im Idealfall weitere Hintergrundinformationen per Kassettenrekorder erläutern.In der Internet-Version des Museum navigiert sich der Besucher mit der Maus ebenfalls durch die Räume, um sich beispielsweise die Bilder an den Wänden anzuschauen.Ein kurzes Verweilen auf den Bildern reicht aus, um die dazugehörigen Texte zu lesen, ein weiteres Klicken darauf führt zu Hintergrundinformationen im typischen Design des World Wide Webs.Doch nur wenige Meter entfernet verläßt die Ausstellung den gewohnten Raum.Durch einen Ausschnitt in der Wand gelangt der Besucher in den Museumsbereich "Erster Weltkrieg".Aus dem Raum wird ein Käfig - eine Metapher nach dem Remarque-Zitat "Die Front ist ein Käfig".In den Gitterzwischenräumen befinden sich Fotografien, die wiederum Links zu weiteren Informationen darstellen.Oder es handelt sich um Übergänge zu weiteren Welten, zum Beispiel zu einem Kriegerfriedhof mit unendlich vielen Kreuzen.

Neue Wege ging nicht nur das DHM.Das Haus der Geschichte in Bonn spricht im Netz ebenfalls in Metaphern.So zum Beispiel in der Epoche der Nachkriegszeit, wo der zerbrochene Quader des Deutschen Reiches von einem Amphitheater mit Flaggen der Alliierten überragt wird.Symbole und grafische Elemente wie zum Beispiel Karten ermöglichen dabei einen direkten Zugang zur geschichtlichen Materie.Diese kann übrigens auch sehr menschlich sein, wie das Beispiel des "Lichtspielhauses" im Bereich "Kultur der 50er Jahre" zeigt.Dort läuft unter anderem ein Ausschnitt aus dem Skandalfilm "Die Sünderin" mit Hildegard Knef.

Schnell bekommt der Besucher des virtuellen Museums einen Eindruck von den unbegrenzten Möglichkeiten dieser noch jungen Technologie, die mit Lemo erstmals in diesem Umfang zum Leben erweckt wurde.Wie umfassend die Darstellung ist, macht bereits die Datenmenge deutlich.Die 3-D-Welten haben einen Umfang von 41 Megabyte, 300 Megabyte belegen die Multimedia-Elemente und 1,2 Gigabyte groß ist das Audio- und Videoarchiv.Übersetzt in den normalen Maßstab ergeben sich daraus 1000 Textseiten, 2000 Bilder, 700 Biographien, rund 100 Chroniken, 160 Videosequenzen und 100 Tondokumente.

Die gewaltige Datenmenge bedingt allerdings, daß der Besuch der 3-D-Räume erst mit einem breitbandigen Internetanschluß zum richtigen Vergnügen wird.Bei den reinen Internet-Seiten sowie den Bild- und Tondokumenten reicht zwar auch ein normaler Modemanschluß aus, die Wartezeiten für den Aufbau der virtuellen Welten erforderen jedoch viel Geduld und aus Sicht der Schulen auch ein größeres Budget für die Telefonkosten.Peter Kaufmann vom DFN-Verein setzt deshalb auch Hoffnungen auf neue Technologien wie ADSL, die den Flaschenhals auf der letzten Meile zum Endnutzer beseitigen könnten.Überdies plant der DFN die Netzverbindungen im Internet selbst erheblich zu beschleunigen.Im Frühjahr will der Verein den Auftrag für den Aufbau eines flächendeckenden Netzes mit Übertragungsraten von 2,5 Gigabyte je Sekunden ausschreiben und bis zum nächsten Frühjahr auch umsetzen.

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