Zeitung Heute : "Das war ein Fehler" - Geißler (CDU) macht Lafontaine (SPD) Vorhaltungen bei "Christiansen" (ARD)

Joachim Huber

Heiner Geißler war exquisiter Laune. Vor den 60 Minuten bei "Sabine Christiansen" und nachher umso mehr. Der ehemalige CDU-Generalsekretär fuhr eine muntere Attacke nach der anderen auf den "SPD-Totalverweigerer" Oskar Lafontaine, was Peter Glotz, eine andere Ein-Mann-Randgruppe in der SPD, zu dem Ausruf "Mäßigen Sie sich!" nötigte. Es muss in diesen Tagen ein Wohlbehagen auslösen, Mitglied und/oder Wähler der Union zu sein. Geißler gab noch Interviews, da war Lafontaine längst in den Fuchsbau der "Christiansen"-Redaktion an der Budapester Straße verschwunden. Gekommen war er in das "Blaue-Kugel-Studio" mit einem knurrigen "Ich sag nix", schier geflüchtet ist er nach Sendeschluss aus dem Ring der Journalisten, indem er Sabine Christiansen mit energischem Schub zum Verlassen des Studios nötigte.

Ein Herankommen an den im Saarbrücker Exil Lebenden war bis auf wenige Floskeln nicht möglich, die auf Bitten der Lafontaine-Ehefrau Christa Müller deutlich vermehrten Personenschützer blockten die Gespräche ab. Das Ehepaar Lafontaine scheint von der Vehemenz der Reaktionen auf das Buch "Das Herz schlägt links" überrascht, schockiert, bedroht. Tatsächlich hatte sich der Saarländer, berichtete "Christiansen"-Sprecher Stephan Clausen, zusichern lassen, dass die Journaille auf Distanz gehalten werde. Dies sei die einzige Absprache gewesen. Lafontaine war um 19 Uhr 45 in Tempelhof gelandet, betrat um 22 Uhr das Studio, übernachtete im "Esplanade", um am Montag um acht Uhr wieder nach Saarbrücken zu fliegen. Er kam in der Dunkelheit nach Berlin, er verließ Berlin im Morgengrauen.

Vielleicht hallt beim Saarländer noch Geißlers Ausruf "Das war ein Fehler" nach. Der Fehler, dass er nicht nur seinen Platz im Kabinett Schröder räumte, sondern auch den SPD-Parteivorsitz; "das Instrument" aus der Hand gegeben zu haben, mit dem Lafontaine seine sozial gerechte Politik in der rot-grünen Regierung hätte umsetzen können. Diese zentrale Frage ist nicht erledigt. Lafontaine bekommt während der Live-Stunde den stärksten Applaus, als er Modernisierung nicht mit sozialer Ungerechtigkeit, "nicht mit den niedrigsten Löhnen" eingelöst wissen will. Mit "persönlichen Verletzungen" kann Lafontaine nicht punkten: Geißler heißt ihn ein "Sensibelchen".

Lafontaine ist mit der SPD ebensowenig fertig wie mit Schröders Politik; auch die SPD hat mit ihrem ehemaligen Vorsitzenden nicht samt und sonders abgeschlossen. Nur die Würden- und Amtsträger zeigen Unverständnis, Abscheu, sie schütteln den Kopf und heucheln sich aus der Diskussion heraus. Bei der "Christiansen"-Redaktion hagelte es Absagen: Wolfgang Thierse, Wolfgang Clement, sonst gern und häufig zu Gast, waren nicht zu haben für ein Treffen mit Oskar Lafontaine, der mit seinem Buch schlicht einen "Diskussionsbeitrag" leisten wollte. Aus der SPD war die "Ex"-Fraktion da: neben Glotz - "Oskar, Du glaubst auch nicht an das Gute im Menschen als Prinizp" - Egon Bahr, auch er ein früherer Bundesgeschäftsführer.

Das tut Lafontaine gut, nicht mit erklärten Feinden in der Runde zu sitzen. Die Knöchel weiß gedrückt, löst sich Lafontaine erst aus der Erstarrung, als die ersten "Buch-Rezensenten" gesprochen haben. Die Hände erklären mit, die Stimme bekommt Volumen, es geht vom "Ich" zum "Wir"; zwischendurch meldet sich mehr ein amtierender als der resignierte Parteivorsitzende zu Wort. Sabine Christiansen hat es dank Co-Moderator Geißler leicht: eine sich selbst tragende Diskussion, die nur zum Schluss einen sauren Unterton bekommt. Die Moderatorin möchte von Lafontaine erneut wissen, ob er in die PDS eintreten wolle. "Eine alberne Frage", weist der Gast die Gastgeberin zurecht - um kurz darauf bestes Einvernehmen herzustellen. Lafontaine sagt so Danke, dass über ihn nicht zu Gericht gesessen wurde.

Der Auftritt des Saarländers versammelte 6,22 Millionen Menschen vor dem ARD-Bildschirm, der Niedersachse vor Wochenfrist 4,75 Millionen. Schlägt das Herz der TV-Zuschauer links?

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