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Zeitung Heute : Das war so nicht verabredet!

07.10.2007 00:00 UhrVon Sebastian Heinzel

Das erste Date ist vor Mitternacht zu beenden, das zweite findet am Wochenende statt, beim dritten gibt es Sex. Was für Amerikaner völlig klar ist, stürzt Zugereiste in peinlichste Situationen. Über transatlantische Paarungsprobleme.

Europäer, die nach NewYork ziehen, fühlen sich dort meist schnell zu Hause – müssen dann aber Folgendes feststellen: Amerikaner im Allgemeinen und New Yorker im Speziellen sehen zwar ungefähr so aus wie wir, sind aber völlig anders. Das zeigt sich nirgends deutlicher als beim Paarungsverhalten. Europäer verstricken sich hilflos im Geflecht sichtbarer und unsichtbarer Regeln.

Eine Übersicht:

DIE ERSTE KONTAKTAUFNAHME

Darum braucht man sich in New York nicht zu kümmern. Es genügt, in einer Bar herumzustehen oder in einem Café zu sitzen, und die Konversation beginnt von selbst: Die Tischnachbarin erzählt von ihrem Akupressurkurs, bevor man fragen kann, welches Buch sie liest.

Auch die Telefonnummernjagd ist keine Herausforderung: New Yorker geben ihre Handynummer ohne Umschweife. Der Wert der Nummern ist allerdings begrenzt. Amerikaner heben niemals das Telefon ab. Nur flinke SMS-Finger und eine großzügige Portion Geduld führen zum ersten Date.

DAS ERSTE DATE: PLANUNG

Grundsätzlich gilt: Beim ersten Date ist maximale Ungezwungenheit zu simulieren. Echte Ungezwungenheit ist kontraproduktiv, weil sie dazu verleitet, die Dating-Regeln zu brechen. Es geht vielmehr um simulierte Ungezwungenheit innerhalb des Regelkorsetts. Das erste Date hat in einer Bar stattzufinden, und zwar zwischen Montag und Donnerstag. Ein Wochenend-Date ist tabu, weil es bereits ein Zeichen gesteigerter Wertschätzung darstellt und erst verdient werden muss. Macht ein Europäer den Fehler, ein erstes Date an einem Wochenende vorzuschlagen, signalisiert er/sie damit unwissentlich einerseits einen gewissen Notstand und andererseits einen Mangel an sozialen Kontakten. Beides sind unmittelbare Ausschließungsgründe: New Yorker gehen nicht mit triebhaften Sonderlingen aus. Dates unter der Woche sind vor Mitternacht zu beenden, weil sonst der Anschein entsteht, man hätte am folgenden Morgen keinem ernsthaften Job nachzugehen – wieder ein falsches Signal im mammonfixierten Manhattan. Ein Date will außerdem vorbereitet sein. Amerikaner büffeln für die Konversation wie für eine Prüfung. Ein New Yorker, der mit einer Italienerin ausgeht, macht sich vorher im Internet über Italien schlau; eine New Yorkerin, die mit einem Künstler verabredet ist, kauft sich ein Buch über moderne Kunst – alles im Dienste der Ungezwungenheit.

DAS ERSTE DATE: ABWICKLUNG

Während Partnersuchende in Europa abtesten, ob sie mit ihrem Gegenüber auf der gleichen Wellenlänge liegen, ist das in den USA unnötige Nebensache: Der Sinn des Datings besteht darin, den Ausgehpartner auf Kompatibilität mit den eigenen Lebensplänen zu überprüfen – und zwar anhand harter Informationen und vor allem in finanzieller Hinsicht. Es geht um den richtigen Job, das richtige Gehalt und das nötige soziale Ansehen. Beim ersten Date wird möglichst ungezwungen ein ganzer Fragenkatalog durchgearbeitet: Neben dem beruflichen Hintergrund werden der Bildungsgrad (inklusive Reputation der jeweiligen Universität und Notendurchschnitt) genauso bewertet wie Hobbys, karitative Tätigkeiten, Sportlichkeit und Einstellung zu Kindern. Ein einziger Minuspunkt reicht, um weitere Dates zu verunmöglichen: New Yorker verschwenden ungern ihre Zeit, Effizienz ist gefragt. Der entscheidende Faktor beim Mann ist das Gehalt, bei der Frau das Aussehen. Mittelmäßig verdienende Amerikaner können mit dem Namen einer guten Universität oder mit der richtigen Sportart (American Football) noch Boden gutmachen. Vom Versuch, intellektuell zu punkten oder ein interessantes Gespräch zu führen, wird abgeraten: Oberflächlichkeit ist geboten. „Vermeide es, kontrovers oder übermäßig eigenwillig zu sein“, empfiehlt die Website Top-DatingTips.com. „Halte die Dinge leicht und unterhaltsam. Vermeide tiefgründige und ernste Diskussionen in diesem Stadium.“ Die Drinks beim ersten Date bezahlt der Mann (dazu später mehr). Küssen, Petting oder Sex sind noch nicht drin: Die Verabschiedung besteht in einer Distanzumarmung, bei der die Schuhspitzen der beiden Beteiligten in maximaler Entfernung voneinander stehen und nur die Oberkörper nach vorne geknickt werden. Ein Küsschen auf die Wange ist erlaubt, zwei sind nur unter Europäern üblich.

DIE FOLGE-DATES

Zum zweiten Date schafft es nur, wer beim ersten punkten konnte, und selbst dann gibt es eine erhebliche Hürde: Viele amerikanische Frauen folgen den Regeln des Buches „The Rules“ von Ellen Fein und Sherrie Schneider, das ihnen rät, sich so rar wie möglich zu machen („Don’t accept a Saturday night date after Wednesday“, „Don’t call him and rarely return his calls“). Das Buch stand lange Zeit auf den amerikanischen Bestseller-Listen, wurde aber bezeichnenderweise nie außerhalb der USA veröffentlicht. Das zweite Date findet meist in einem angesagten New Yorker Restaurant statt, vielleicht ist man vorher gemeinsam ins Museum gegangen. Ein Dinner für zwei plus Drinks in New York kostet jenseits der hundert Dollar. Amerikanische Frauen, die über europäische Gepflogenheiten unterrichtet sind, übernehmen unter Umständen von selbst die Hälfte der Rechnung – „Going Dutch“ heißt das in den USA. Versucht hingegen eine europäische Frau, einen Anteil zu bezahlen, wird der amerikanische Mann sauer. Mit der Bezahlung eines Dinners erwirbt der Mann eine Gegenleistung. War es teuer genug, fühlen sich amerikanische Frauen dazu verpflichtet, mit dem Mann ins Bett zu steigen, selbst wenn sie eigentlich nicht viel von ihm halten. Mit dem ersten Geschlechtsverkehr kann im Allgemeinen zwischen Date Nummer drei und Date Nummer fünf gerechnet werden.

MULTIPLES DATING

Dating ist niemals exklusiv, selbst wenn es sich über Monate zieht. Beide Seiten gehen davon aus, dass der/die jeweils andere gleichzeitig weitere Personen datet, Sex inklusive. Damit geht kein Reputationsverlust einher: Bei Männern wird multiples Dating ohnehin als Normalfall betrachtet, und auch Frauen werden dazu ermuntert, zur Risikostreuung mehrere Bälle zu jonglieren. „Ihr solltet mindestens drei Romeos in Rotation halten“, empfiehlt die Zeitschrift „Cosmopolitan“. Für Europäer, die mit anderen Europäern in New York anbandeln, kann das zu Verwirrung über das anzuwendende Regelwerk führen. Die Frage: „Spielst du nach amerikanischen oder nach europäischen Regeln?“, heißt in Wirklichkeit: „Gehst du auch noch mit anderen ins Bett?“

DAS ABSERVIEREN

Ein Dating-Verhältnis zu beenden, ist leicht: Es genügt, das Telefon nicht mehr abzuheben. Nach dreimal Nichtabheben gilt das Dating-Verhältnis als beendet. Die Methode ist effizient und sozial anerkannt, weitere Erklärungen werden nicht erwartet.

DER BOOTY CALL

Es ist üblich, sich abservierte Dating-Partner für sogenannte „Booty Calls“ aufzuheben. Ruft man eine Person nach ein oder zwei Uhr nachts an, ist allen Beteiligten klar, dass es ausschließlich um Geschlechtsverkehr geht; die üblichen Dating-Regeln sind außer Kraft gesetzt. Wird der Booty Call akzeptiert, kann umgehend zur Tat geschritten werden.

THE TALK – ODER: WIE WIRD AUS EINEM DATING-VERHÄLTNIS EINE BEZIEHUNG?

In Europa passiert es von selbst. In den USA gibt es hierfür hingegen eine eindeutige und transparente Regel: Eine Beziehung wird nicht durch regelmäßigen Geschlechtsverkehr konstituiert, sondern durch „The Talk“, das Gespräch. Dabei stimmen beide Seite explizit und verbal der wechselseitigen Exklusivität zu, was sie zu Boy- und Girlfriend macht. Kein Talk – kein Deal, Herumpudern erlaubt.

DIE BEZIEHUNG

Ist die Talk-Hürde genommen, muss die Beziehung innerhalb kürzester Zeit in Richtung Ehe voranschreiten, unabhängig davon, wie gut die beiden Seiten überhaupt zueinanderpassen. Amerikaner bekommen große Angst, wenn man nicht nach den Regeln spielt, was unter Umständen zu sexuellen Problemen führt: Impotenz und so weiter. Europäer sind selbstsicherer. Deswegen reißen gebildete New Yorkerinnen sich für ihre One-Night- Stands gern Europäer auf, die sind unkompliziert.

DER RING

Ihren Landsmännern hingegen geben Amerikanerinnen den Marsch in Richtung arrangierter Ehe streng vor. Nach genau einem Jahr Beziehung steht der finale Test an: Zum Jubiläum erwartet sich die Amerikanerin einen Verlobungsring, und zwar nicht irgendeinen: Der Wert des Klunkers muss in New York mindestens drei (in Texas: vier) volle Monatsgehälter des Mannes betragen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann die New Yorkerin den Preis des Ringes mit dem ersten Blick ermessen, schließlich hat sie sich lange genug die Nase an den Auslagen in Manhattans Diamond District platt gedrückt. Bleibt der Ring aus oder lässt er auf ein allzu niedriges Monatsgehalt rückschließen, wird der Mann eiskalt abserviert und das nächste Date programmiert. Besteht der Mann den Ringtest hingegen, steht einer gemeinsamen Zukunft nichts im Weg – außer vielleicht die Gesetze der Wahrscheinlichkeit: Mit knapp 55 Prozent haben die USA die höchste Scheidungsrate der Welt.

ATLANTISCHE FOLGEN

Die meisten Europäer in New York haben den transatlantischen Flüssigkeitsaustausch aufgegeben und paaren sich mit ihresgleichen. Europäisch-amerikanische Pärchen sind selten, vor allem in der Kombination EU-Mann und US-Frau.

ACHTUNG

Für Homosexuelle, Asiaten, Schwarze, Latinos, Juden und spezielle Konfessionen gelten mitunter abweichende Regeln.

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