Das WASSERlexikon : Stille Wasser sind tief: Bewegung unterm Straßenpflaster

Frisches Nass gibt es in Berlin seit jeher in ausreichender Menge. Doch die Stadt hatte schon einmal massive Abwasserprobleme. Eine Chronik in zehn Kapiteln aus zwanzig Akten.

Rita Nikolow
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Berlin – die sauberste Stadt der Welt. Mit Unterstützung seines Bruders Arthur Johnson Hobrecht, der 1872 Berliner...

Wasser gab es schon immer. Und auch seine Aufbereitung hat in Berlin eine fast 160-jährige Geschichte, die sich in mindestens zehn Akten beschreiben lässt. Erleben kann man die nasse Historie am Müggelsee, in einem Teil des stillgelegten Wasserwerks Friedrichshagen. Dort, am originalen Standort, werden historische Zeugnisse ausgestellt, die von der Geschichte der Wasserversorgung und der Stadtentwässerung Berlins seit dem Mittelalter erzählen. Das älteste Exponat ist ein Kastenbrunnen aus dem 15. Jahrhundert. In einer neuen Ausstellung wird auch die Kanalisation im geteilten Berlin zum Thema gemacht.

1. DER ERSTE VERTRAG

Die Preußische Staatsregierung schloss 1852 einen Vertrag mit den englischen Unternehmern Fox und Crampton. Festgelegt wurde darin die „Versorgung der Stadt Berlin mit fließendem Wasser“. Vier Jahre später nahm die Berlin Waterworks Company das erste Wasserwerk der Stadt in Betrieb: vor dem Stralauer Tor.

2. HOBRECHTS REISEN

Berlins Schmutz-, Abwasser und zum Teil auch die Fäkalien wurden noch Mitte des 19. Jahrhunderts über die Rinnsteine entsorgt. Was nicht nur für die Nasen der Berliner unangenehm war, sondern auch ein hygienisches Problem. Um dieses zu lösen, packten drei Männer im Jahr 1860 ihre Koffer: Der Geheime Oberbaurat Friedrich Eduard Wiebe, James Hobrecht, der Baumeister für Wasserwege- und Eisenbahnbau, und der Ingenieur Ludwig Alexander Veitmeyer fuhren auf eine Studienreise nach Hamburg, Berlin und London. Ihr Ziel: Eine Lösung für das Abwasserproblem der Stadt zu finden. Zunächst bot Wiebe 1861 einen ersten Plan zur Abwasserbeseitigung an. Das Wasser sollte diesem zufolge unterirdisch gesammelt werden und dann außerhalb der Stadt ungeklärt in die Spree fließen. Die Stadtverordnetenversammlung zeigte sich davon nicht überzeugt – und lehnte den Plan 1866 ab.

3. DER HOBRECHT–PLAN

Ein Jahr später machte sich dann Wiebes Mitreisender James Hobrecht daran, ein Konzept für die Abwasserbeseitigung zu entwickeln. Beauftragt hatte ihn dazu eine Deputation der Stadtverordnetenversammlung unter Rudolf Virchow. Hobrecht ging die Angelegenheit dezentral an: Er unterteilte das gesamte Entwässerungsgebiet in zwölf Entsorgungsbereiche, die von einander unabhängig angeordnet waren. Dampfbetriebene Kolbenpumpen, die an den Tiefpunkten der einzelnen Bereiche angeordnet waren, beförderten die Abwässer auf verschiedene Rieselfelder, die vor der Stadt lagen. Hobrechts Entwurf kam an – und wurde 1873 in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Damit blieben den Berlinern unschöne Anblicke und Gerüche erspart.

4. BERLIN KAUFT ZURÜCK

Ebenfalls im Jahr 1873 kaufte Berlin die „Berlin Waterworks Company“ zurück. Für die Vertragspartner war das ein gutes Geschäft – denn bezahlt wurde die riesige Summe von 8,4 Millionen Talern.

5. DIE RIESELFELDER

Die erste Abwasserreinigung auf Rieselfeldflächen begann im Jahr 1876. Bis zum Jahr 1915 wurden insgesamt 18 000 Hektar „Rieselfeld-Fläche“ gekauft. Das Abwasser, das sich auf diesen Flächen breitmachte, wurde durch den Boden gereinigt und landwirtschaftlich genutzt: als Düngemittel. Angebaut wurden auf den Rieselfeldern Getreide und Gemüse. Und auch gesundheitspolitisch zahlte sich Hobrechts Abwasser-Strategie aus: Denn je mehr Grundstücke an die Wasserversorgung und die Kanalisation angeschlossen wurden, umso stärker ging auch die Zahl der Typhustoten zurück. 1878 wurde in Berlin außerdem die Charlottenburger Wasserwerke AG gegründet. Sie versorgten die südwestlichen Vororte Berlins. Und die bislang entstandenen Entwässerungsanlangen wurden in diesem Jahr außerdem von einem so genannten Betriebsdirektor übernommen.

6. DIE KLÄRANLAGEN

Da aber auch Riesenfelder nur eingeschränkt belastbar waren, wurden ab dem Jahr 1905 auch Klärwerke gebaut. Das erste Werk entstand in Wilmersdorf, später folgten dann Stahnsdorf und Waßmannsdorf.

7. STÄDTISCHE WASSERWERKE

Im Jahr 1924 wurde die Berliner Städtische Wasserwerke AG im Eigentum der Stadt Berlin gegründet. 1937 wird die Aktiengesellschaft ein städtischer Eigenbetrieb.

8. ZUSAMMEN – GETEILT

Die Berliner Städtische Wasserwerke AG und die Charlottenburger Wasser- und Industriewerke AG schlossen sich 1945 zum Eigenbetrieb Berliner Wasserwerke zusammen. Mit der Teilung der Stadt wurde vier Jahre später auch Berlins Wasserversorgung gespalten. 1951 fusionieren die Berliner Stadtentwässerung und die Berliner Wasserwerke (Ost) zu den Großberliner Wasser- und Entwässerungswerken. 1964 wurde dann der volkseigene Betrieb (VEB) Wasserversorgung und Abwasserbehandlung Berlin gebildet. Nach der Teilung Berlins wurden die Kanäle politisch: Denn die Sektorengrenze verlief durch einige Entwässerungsgebiete, und die grenzüberschreitenden Kanäle gehörten plötzlich zur unterirdischen Grenze. Schon ab Mitte der fünfziger Jahre ließ das Ministerium für Staatssicherheit deshalb entlang der Sektorengrenze zwischen Ost und West die ersten Sperrgitter in begehbare Kanäle einbauen. Nach dem Mauerbau wurden dann flächendeckend Sperranlagen eingebaut: damit niemand durch die Kanalisation von Ost nach West gelangen konnte.

Insgesamt 54 Sperranlagen sind während des jahrzehntelangen Ausbaus entstanden. Bis 1962 gelang es dennoch vielen Ostdeutschen, unterirdisch nach West-Berlin zu kommen: einer der meistgenutzten Kanäle dafür war jener unter der Gleimstraße zwischen Prenzlauer Berg und Wedding. Bis 1980 gab es immer wieder Fluchtversuche.

9. EIN ABWASSERSYSTEM

Sachlich zusammenarbeiten mussten Ost und West in Sachen Abwassersystem, das beide nutzten – denn Hobrechts einheitliches Abwasser-System war nicht so leicht zu entflechten: Trotzdem dachten Ost und West darüber nach, wie sie vom politischen Klassenfeind unabhängig werden konnten: Im Westen wurde deshalb 1963 das Klärwerk Ruhleben in Betrieb genommen, 1974 folgte dann Marienfelde. Die SED beschloss im Jahr 1983 die Trennung des Berliner Abwassernetztes bis zum Jahr 1990. Zum Ende dieser Frist sollte das Abwasser, das vom Osten in den Westen floss, an der Grenze umgeleitet werden und den Rieselfeldern oder Klärwerken im Osten zufließen. Dieser Plan war für Ost-Berlin mit hohen Kosten verbunden: es mussten Kanäle abgemauert, Abwasserpumpwerke gebaut, und neue Leitungen verlegt werden.

10. DIE WIEDERVEREINIGUNG

Ein großer Teil dieses Programms war 1989 abgeschlossen – da fiel die Mauer: Und es wuchs zusammen, was zusammen gehörte. Anfang 1990 wurden die Sperranlagen aus den Kanälen ausgebaut, und die für die Entflechtung errichteten Grenzpumpwerke und Kanalumschlüsse zurückgebaut. Und Berlin hatte wieder ein einheitliches Entwässerungsnetz. Ein Jahr später fusionierten die Berliner Wasser-Betriebe und die Wasserversorgung und Abwasserbehandlung zu den Berliner Wasserbetrieben, 1994 folgte die Umwandlung in eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Seit 1999 ist der Betrieb teilprivatisiert: Die Stadt Berlin hält heute 50,1 Prozent, die Unternehmen RWE und Veolia zusammen 49,9 Prozent.

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