Zeitung Heute : Das Weihnachtsgeheimnis

BORIS KEHRMANN

Händels "Messias" mit dem RIAS-KammerchorBORIS KEHRMANNIm kommenden Jahr feiert der RIAS-Kammerchor sein 50jähriges Bestehen.Die Entwicklung, die das 35köpfige Ensemble unter Uwe Gronostay und seit 1987 unter seinem jetzigen Leiter Marcus Creed durch die Beschäftigung sowohl mit zeitgenössischer wie auch mit Alter Musik genommen hat, ist bewundernswert.Ein allerhöchstes Niveau der Ausführung - makellose Koloraturen, rhythmische Leichtigkeit, voll durchgebildeter Wohlklang - versteht sich von selbst, auch wo man als Hörer eines so bekannten Werkes wie des Händelschen "Messias" eine intellektuell raffiniertere Interpretation in der Philharmonie erwartet hätte. Ein so direktes Eingehen auf die dramatische Situation des gesungenen Wortes wie im drastischen Hell-Dunkel-Kontrast der Feststellung "since by man came death, by man came also resurrection of the dead" blieb vereinzelt und unvermittelt im großen Bogen eines dramatisch indifferenten, abstrakten Gesamtverlaufs.Auch dominierten, wie in konventionellen Aufführungen üblich, die strahlend hohen Stimmen den Chorklang, während bei einem so kompetenten Kollektiv eine Gleichrangigkeit aller Register oder gewagter: ein Aufbau vom Baß-Fundament aus ohne weiteres erreichbar gewesen wäre.Das Ereignis einer aufregend individuellen Interpretation blieb jedoch aus. Statt dessen müßte man streiten über die nicht recht einsichtigen Tempi, die Creed dem Freiburger Barockorchester auferlegte.Vom Komponisten festgehaltene Differenzierungen wie Largo und Allegro wurden nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt.Der Grund dafür lag offenbar in Creeds Deutungsvorschlag, den ersten Teil durchgehend vom sehr getragenen Puls des Weihnachtsgeheimnisses beherrschen zu lassen, während der zweite insgesamt wohl im Zeichen der aufgepeitschten Geißelungs- und Passionsszenen stehen sollte.Das seinen Zauber gewöhnlich nie verfehlende Kindelwiegen der Pifa, das den Klang weihnachtlicher Schalmeienblätter aus den Abruzzen nachahmt, wirkte unter der Bürde dieses Konzepts jedoch fast verschlafen und die überkorrekten Phrasierungen mehr schulmeisterlich-steif als elegant.Das kindliche Spielerische, das diese Musik auch haben kann, lag Creed ohnehin fern. Dazu passend hinterließ das Solisten-Quartett auf hohem technischen Niveau einen soliden, aber keinen brillanten Eindruck.Der englische Countertenor Michael Chance kam mit der heiklen tiefen Lage der Alt-Partie gut zurecht und steuerte als gewiefter Praktiker einige aparte Verzierungen und Ansätze von Bravour-Kadenzen bei.Über ein klug eingesetztes Repertoire nicht alltäglicher Verzierungen verfügt auch Sophie Daneman.Ihr leichter Sopran wurde allerdings - aus Aufregung? - von einem deutlich vernehmbaren Vibrato beeinträchtigt.Mut zu kleineren Improvisationen bewies auch Mark Tucker mit nicht immer ganz sicher geführtem und fokussiertem Tenor, während Nathan Berg die virtuosen Koloraturen der Baß-Arien mit weiser Zurückhaltung aufs sauberste anlegte.

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