Zeitung Heute : „Das wird nicht zu einem landesweiten Flächenbrand“ Iran-Experte Buchta über die Studentenproteste

und was sie bewirken können

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WILFRIED BUCHTA (42)

ist Islamwissenschaftler und Spezialist für den Iran. Er ist Mitarbeiter der

Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Foto: Doris Klaas

Sind die Studentenunruhen der Anfang vom Ende der Islamischen Republik Iran?

Sicher nicht. Es gibt eine kleine Schicht von Studenten und Gebildeten, die streben einen radikalen Umbau der Islamischen Republik und die Entmachtung der Mullahs an. Die große Mehrheit will keinen gewaltsamen Umsturz, sondern Reformen innerhalb der verfassungsmäßigen Grenzen. In Iran kann man nichts mit einem Ruck erreichen. Der Impuls, der von den Protesten ausgeht, wird sich nicht zu einem landesweiten Flächenbrand entwickeln.

Gibt es keinen Wunsch nach einem Systemwechsel?

Die Leute sind unzufrieden – vor allem mit den sozialen Verhältnissen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 Prozent. Zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Die jungen Leute in Iran sind heute wesentlich besser gebildet als während der SchahZeit. Sie drängen auf den Arbeitsmarkt, brauchen Wohnungen und verlangen Zukunftsperspektiven. Der Gegensatz von Arm und Reich ist enorm groß. Gut die Hälfte aller Iraner lebt unter der Armutsgrenze. Dennoch ist die Masse der Bevölkerung nicht bereit, sich den Studenten anzuschließen und auf die Straße zu gehen. Sie hat Angst vor dem, was nach einem Umsturz kommen könnte. Sie sind nicht bereit, etwas zu riskieren. Denn die Leute wissen, wenn es bei Demonstrationen hart auf hart kommt, werden sie von den Revolutionswächtern verhaftet oder sogar getötet.

Wie ist die Stimmung im Land?

Die Leute sind enttäuscht von der Reformregierung. Sie sehen, dass Präsident Chatami seine Wahlversprechen nicht einhalten kann. Er hat für seinen treuesten Wähler, die Frauen und die Jugendlichen, nicht viel erreicht. Dies hat die Iraner auch gegenüber den Reformern desillusioniert, was zu zunehmender Apathie führte und sich in einer stark rückläufigen Beteiligung an den Kommunalwahlen zeigte.

Viele Heranwachsende in Iran vergöttern westliche Popstars und haben große CD-Sammlungen. Wie passt das zusammen mit einem islamistischen Gottesstaat?

Die Iraner sind seit Jahrhunderten daran gewöhnt, in verschiedenen Welten gleichzeitig zu leben. Sie trennen sehr genau zwischen Privatsphäre und öffentlicher politischer Sphäre. Auch ist die überwiegende Mehrheit der iranischen Studenten nicht politisch aktiv oder unruhig. Sie versuchen, ihre Ausbildung möglichst rasch und gut zu absolvieren. Nur wenige Zehntausend der etwa zwei Millionen Studenten lassen sich gegen das Mullah-Regime mobilisieren, mehr nicht.

Wirken die Ereignisse in Irak stimulierend auf die Proteste in Iran?

Beide Länder haben enge historische und religiöse Beziehungen. Die wichtigsten schiitischen Heiligtümer liegen in Irak. Aber die Lage dort ist so verworren, dass sie nicht zu den auslösenden Faktoren der iranischen Unruhen gehört. Die Studenten betrachten den Irak bislang nicht als hehres, inspirierendes Vorbild einer Demokratisierung von Außen.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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