Zeitung Heute : Das Wissen der Nation

Amory Burchard

Sieben Wissenschaftsexperten haben sich mit einem Forderungskatalog an die Öffentlichkeit gewandt. Was muss passieren, damit deutsche Wissenschaftler nicht abwandern?

Der biochemische Forschungscampus des Pharmaunternehmens Boehringer-Ingelheim in Ridgefield, Connecticut, bietet exzellente Arbeitsbedingungen: 35000 Experimente zur Genforschung führt die Forschergruppe um einen Heidelberger Biochemiker dort pro Tag durch – mit Hilfe einer Armada von Labor-Robotern. Zahlreiche junge, in Deutschland ausgebildete Naturwissenschaftler arbeiten in diesem und anderen US-amerikanischen Forschungszentren mit. „Brain Drain“ wird dieser Verlust an intellektuellem Potenzial genannt. Eine Initiative deutscher Wissenschaftsmanager, an der Spitze der Vorsitzende des Wissenschaftsrats Karl Max Einhäupl, hat jetzt eine Strategie entworfen, mit der solche Forscher nach Deutschland zurückgeholt und hier gehalten werden könnten. Eine der zentralen Forderungen der Initiative „Brain Gain“: Die Universitäten sollten das Recht erhalten, autonom Professoren zu berufen.

Es gehe darum, ganzen Forschergruppen und auch ihren Familien attraktive Angebote zu machen, sagte der Mitunterzeichner des Thesen-Papiers Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, am Sonntag dem Tagesspiegel. „Wir müssen aktiv auf diese Leute zugehen, und nicht länger warten, bis sie sich auf frei werdende Professuren bewerben.“ Sollten die bürokratischen Hindernisse ausgeräumt werden, die von Universitäten initiierte Blockberufungen bisher verhindern, müssten die Hochschulen auch eine mit den USA vergleichbare Ausstattung bieten können. Deshalb fordern die Hochschulmanager Studiengebühren, über die allein die Unis verfügen sollen und einen „Subventionsabbau zugunsten von Bildung und Forschung“, mit dem der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht werden solle. Die Expertengruppe, darunter auch der Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung und der Vizepräsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, fordert außerdem „das uneingeschränkte Bekenntnis zu Leistung und Elite“.

Der Elitewettbewerb unter den Unis, neue Möglichkeiten, Studenten auszuwählen, die Diskussion um das überfrachtete Hochschulrahmengesetz – mit ihren Thesen springen die Hochschulmanager auf einen fahrenden Zug. Wissenschaftsstiftungen gründeten zudem kürzlich die German Scholars Organisation, um Eliteforscher zurückzuholen. „Was aber bisher fehlte, ist die strategische Orientierung der Nation“, sagt Lenzen.

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