Zeitung Heute : Das Wunder Israel

WALTHER STÜTZLE

In Berlin wird heute offiziell der 50.Geburtstag des Staates Israel gefeiert.Große Stille und dankbare FreudeVON WALTHER STÜTZLESelten habe ich so tiefgehende seelische Erschütterungen erlebt wie bei meinem Besuch im Staate Israel." Der das sagte, neigte nicht zu blumiger Gefühlsseligkeit.Eher nüchtern, erfolglose Neider meinen gar arm sei die Sprache Konrad Adenauers gewesen.Die Eindrücke aber, die er 1966, also drei Jahre nach seinem Fortgang aus dem Kanzleramt, bei seinem Besuch in Israel empfing und in sich versammelte - sie bringen auch heute, da Deutschland ganz offiziell in Berlin den 50.Geburtstag des Staates Israel feiert, zum Ausdruck, was den Tag hierzulande bestimmen muß: Stille und Freude.Gewiß: Dieses Gefühlsgespann gilt in der Politik nicht als Erfolgsrezept.Laut ist oft wichtiger als gehaltvoll.Doch am 50.Geburtstag des Staates Israel muß für die Deutschen, zumal, aber nicht nur für die in Deutschland lebenden, anderes gelten: Große Stille und dankbare Freude.Große Stille, damit die Schreie der Holocaust-Opfer und der Lärm der Täter vernehmbar werden können, als Klage, als Mahnung, und auch als Warnung.Und dankbare Freude darüber, daß selbst im Feuerofen des deutschen Wahnsinns die Aussicht des jüdischen Volkes auf ein gesichertes Leben nicht unwiderbringlich vernichtet werden konnte.Im Mai hat Deutschland kapituliert, im Mai hat Israel Geburtstag, im Mai hat die Bundesrepublik sich das Grundgesetz gegeben: Es ist im Mai viel Grund, dankbar zu sein dafür, daß Hitler tot ist, Israel aber lebt."Menschen, die nicht träumen, werden nie enttäuscht." Der so denkt, wurde vor 75 Jahren in Polen geboren und kehrte 1933 Europa den Rücken.Shimon Peres, Partner in der Friedenssozietät Rabin-Arafat-Peres, stand nicht im Rampenlicht der Geburtstagsfeier in Jerusalem.Aber es gibt jeglichen Grund, ihm und den Menschen seines Geistes dankbar zu sein.Dankbar für die Kraft, nach der Verfolgung durch Deutsche Versöhnung mit Deutschland zu predigen und dankbar für die Bereitschaft, vom Frieden nicht nur zu träumen, sondern Frieden zu machen mit den arabischen Nachbarn.Die Frage seines Freundes Amos Oz, was wohl passierte, "wenn die PLO total zusammenbricht?", war ihm Ansporn zum vereinbarten Ausgleich mit Arafat, nicht Grund zur Hoffnung auf Untergang des Nachbarn.Theodor Herzl, Ben Gurion und Chaim Weizmann, Golda Meir und Moshe Dayan - sie haben ihren Staat, den Staat Israel erträumt, gegründet und gegen alle Vernichtungsstürme arabischer Nachbarn erfolgreich verteidigt.Souverän aber ist Israel erst durch die befreiende Wirkung Rabinscher Friedenspolitik geworden.Noch weigert sich Benjamin Netanjahu, diese junge Souveränität zu nutzen.Sein Rückfall in einen mehr von Washington geschobenen, denn aus eigener Einsicht handelnden Premier ist augenfällig und ärgerlich.An der eigentlichen Leistung israelischer Politik aber ändert das nichts: Der Staat der Juden ist 50 Jahre nach seiner Gründung so souverän, daß er Deutschland seinen wichtigsten Freund in Europa zu nennen vermag, ja, daß Jerusalem es sich leisten kann, die Nerven Washingtons über die Maßen zu reizen, - und doch niemals Angst haben muß, das Leben seiner Bürger könne noch einmal im Holocaust-Ausmaß bedroht werden.Israel ist ein Erfolg, dessen Rang nichts Vergleichbares hat in der langen Geschichte der Staatenwelt."Israel ist heute ein Rettungsanker, der für uns zu jeder Zeit da ist." Der so spricht heißt Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.Nein, seine Worte sind nicht schmeichelhaft für die 49 Jahre alte Bundesrepublik, die in Wahrheit ja erst acht Jahre ihres vereinten Daseins hinter sich hat.Des Vorstehers Lob für Israels Stärke wächst auf dem Boden tiefer Sorge um frische bräunliche Schwächemale am Körper der zweiten deutschen Demokratie.Nachamas Furcht quält viele Menschen mit Herz und Verstand.Ihr den Grund zu nehmen, wäre das schönste Geburtstagsgeschenk, das Deutschland dem Volk Israels machen kann - und sich selbst machen muß.Die Kraft, andere zu vernichten, hat Deutschland gottlob eingebüßt.Für sich selbst zur Gefahr zu werden aber nicht."Der Ewige segne sein Volk mit Frieden." Wortlos blieb Roman Herzog im Dezember 1994, nachdem er seine Hoffnung mit den Worten des Psalmisten ins Besucherbuch von Yad Vashem eingeschrieben hatte.Schöner, ja ergreifender läßt sich in deutscher Sprache der wichtigste aller Wünsche für Israel nicht formulieren.

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