Zeitung Heute : Das Wundervon Stuttgart

MARTINA OHM

Daimler-Benz macht es vor: Innerhalb eines Jahres wurde ein Milliardenverlust in ein Milliardengewinn umgewandelt.Doch der Erfolg hat auch seinen PreisVON MARTINA OHMWie macht man innerhalb von zwölf Monaten aus einem Milliardenverlust einen Milliardengewinn? Was den Regierenden in Bonn partout nicht gelingen will - in Stuttgart geht die Rechnung auf."Alles ist möglich - Daimler-Benz" - so oder so ähnlich könnte der Werbeslogan des größten deutschen Industriekonzerns lauten.Immerhin haben es die Auto-Manager verstanden, in kurzer Zeit das Ruder herumzureißen und aller Welt zu zeigen, daß ihr Stern wieder ganz oben am Firmament steht.Die Super-Show zur Eröffnung des Mercedes-Werks vor wenigen Tagen in Alabama hat alle Zweifel beseitigt.Die Milliardenwende besitzt keine geringe Symbolkraft.Nicht nur die Finanzmärkte verstehen die Botschaft.Auch auf das Image der Deutschen färben die schwarzen Zahlen von Daimler ab: Offenbar ist der deutsche Standort nicht so schlecht wie sein Ruf - es kommt nur auf das Management an. Das Wunder von Stuttgart freilich hat seinen Preis.Man erinnert sich: Zu rasch und wohl auch zu unkontrolliert hatte sich Daimler-Benz von seinen urprünglichen Arbeitsfeldern entfernt.Unversehens geriet Edzard Reuter, als langjähriger Konzernlenker von Politik und Wirtschaft als Vordenker gefeiert und hofiert, in den Ruf des Verlierers.Nachfolger Jürgen Schrempp blieb die Kurskorretur überlassen.Der Aufräumer leistete gründliche Arbeit.Keine Minute ließ er einen Zweifel daran aufkommen, daß er es mit seiner Maxime "Profit, Profit und nochmals Profit" ernst meint.Im Umgang mit seinen Mitstreitern zeigte er sich nicht eben zimperlich.Die Auflösung von AEG, der Konkurs von Fokker, die Schwierigkeiten im Hause Dasa, der Dauerzwist mit dem Vertragspartner Dornier - mancheiner und manches blieb dabei auf der Strecke.Selbst im Vorstand wurde auf offener Bühne mit härtesten Bandagen gekämpft - ohne Rücksicht auf Verluste.Mercedes-Chef Helmut Werner, der Herausforderer, verlor den Machtkampf. Die Sonderbelastungen freilich und die Bauernopfer, die Hahnenkämpfe und Strafanzeigen sind Schnee von gestern; vergessen, verdrängt.Das wohlkalkulierte Wendemanöver kann als gelungen betrachtet werden.Der Sanierer hat gesiegt.Rentabilität und Internationalität vor Augen geht der starke Mann von Daimler seinen Weg.Börsianer klatschen Beifall.Kein Zweifel: Deutschlands Industrieflaggschiff und seine Führungsriege - einst so stolz auf die Beschäftigungsgarantie für seine Mitarbeiter - haben sich grundlegend verändert und Jürgen Schrempp spielte die Schlüsselrolle.Gezielt und ungeniert stellte er sich als Stichwortgeber an die Spitze der sogenannten Sharholder-Value-Bewegung, die dem Kapital huldigt, die gesellschaftlichen Parameter hingegen außer acht läßt.Man mag sich darüber empören, doch genau diese Werteskala findet international die Anerkennung, auf die Daimler baut.Und der Konzern ist kein Einzelfall. Daimler-Benz - ein Spiegelbild des gesamtwirtschaftlichen, globalen Wandels? Man muß es wohl so sehen.Das Stuttgarter Management war zum Erfolg verdammt.Alternativen gab es nicht.Der eingeschlagene Weg war somit konsequent.Die Frage ist nur, wie die Gesellschaft mit dieser Veränderung, die auch andere nicht verschont, fertig wird.Der Fall Daimler freilich macht auch klar, wie wenig Einfluß die Politik noch besitzt.Die Industrie geht ihren Weg - unabhängig davon, ob die schwerfälligen Bonner Reformbemühungen von Erfolg gekrönt sein werden oder nicht.Will man den Kampf gegen den Auszug von Investitionen und Arbeitsplätzen nicht verlieren, muß den Investoren endlich wieder bessere Argumente an die Hand gegeben werden.

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