Zeitung Heute : Das zentralbeheizte Neandertal

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Von Uwe Pralle

Es ist wie eines der plötzlichen Ereignisse, nach denen die Medien wie rasend mit der Suche nach Erklärungen beginnen: ein Mann, mit einer Maschinenpistole bewaffnet, ist in eine große Verwaltungszentrale eingedrungen, hat sie von unten bis oben durchkämmt und in jedem Stockwerk die Chefs erschossen. Der Täter ist Beamter, einer, dessen Beruf eigentlich „die Übertragung des Schreckens in Begriffe ist". Begangen hat er das Massaker auf Dienstreise in einer fahl wie in Traumlicht daliegenden Großstadt, wo sich „die ZENTRALE" befindet. Angestiftet hat ihn eine Frau, der er kurz nach der Ankunft in einer Bar begegnet ist. Sie war einmal seine Geliebte, die ihn vor Jahren verlassen hat, ihn aber offenbar noch zu einer Mordserie verführen kann, ohne dass er nach dem Zweck fragt. „Die Chefs erschießen", hatte sie verlangt, und nur prophezeit: „Der erste Mord ist der schwerste. Die späteren hört man zu zählen auf."

„Heart of Clay" heißt dieser Prosatext aus Reinhard Jirgls 800-seitiger Trilogie „Genealogie des Tötens". Sie ist in den 80er Jahren entstanden und jetzt erstmals erschienen. Allein jener kurze Prosatext hätte es schwierig machen können, die Trilogie in der DDR zu veröffentlichen: ein Blutbad in einer „Zentrale" darzustellen, deren ermordete Chefs übrigens so routiniert ersetzt werden, als sei das ein alltäglicher Vorgang, dürfte ziemlich heikel gewesen sein, auch wenn sich der Ort des Geschehens nicht einmal eindeutig dem Osten zuordnen lässt. Doch schon Jirgls früherer „Mutter Vater Roman" hatte, trotz Versuchen Heiner Müllers, ihn gegen das Verdikt „unmarxistisch" zu wappnen, jahrelang auf Eis gelegen, und so war es zu weiteren Vorstößen gar nicht erst gekommen.

In einer „Genealogie des Tötens" die Linie Nietzsches literarisch weiter zu ziehen, der in „Zur Genealogie der Moral" die Vorurteile der christlich-abendländischen Moral attackiert hatte, war sicherlich nicht nur in der DDR eine Provokation für die Tartüffs des moralisch Guten. Schon der Text über den plötzlich als serial killer agierenden Beamten zeigt Phänomene, die ebenso in einem Erfurter Gymnasium, dem Parlament eines Schweizer Kantons oder einer high school in den USA hervorbrechen können. Gewalt - und besonders ihre extreme Form: das Töten von Menschen - bleibt das Damoklesschwert auch in Gesellschaften, die mit staatlichen Gewaltmonopolen am Zivilisationsprozess teilhaben. Wie ambivalent die fortschreitende Rationalisierung der Macht zum Töten ist, hat das 20. Jahrhundert gezeigt: Jirgls Trilogie ist eine literarische Versuchsanordnung über den immer wieder misslingenden Zivilisationsprozess - also den Umstand, wie es im Schlusswort heißt, dass „die Macht zum Töten (...) ein konstanter Bestandteil jeder Moral" bleibt: ob in der Antike oder im DDR-Alltag.

„Heart of Clay" gehört zum ersten Teil der Trilogie, der wiederum aus mehreren Teilen besteht. Er ist, zum Teil in Dramensprache, wie eine antike Tragödie aufgebaut, in die einzelne Prosastücke als Episoden eingesprengt sind, um die Mythologie mit der 80er-Jahre-Gegenwart zu verschränken. In einem Querschnitt durch die Geschichte werden drei Stadien des Tötungstabus vorgeführt. Ein „Tribunal de Sade" knüpft dabei an die erst nach einigen Versuchen gelungene Hinrichtung von Robert Francois Damiens an, dessen Attentat auf Ludwig XV. 1757 gescheitert war, und demonstriert, wie das Tötungsverbot der Gesellschaft geradezu eingepeitscht wird. Eine Travestie des Klytaimestra-Mythos, den Euripides in „Iphigenie in Aulis" und „Elektra" aufgegriffen hatte, zeigt dann die Überschreitung des Verbots: auf Iphigenies Opferung folgen Gatten- und Muttermord, mit denen sich die mykänische Herrscherfamilie, zwischen Göttern, Staatsraison und familiären Bindungen zerrissen, selbst dezimiert. Der Schlusstext beleuchtet die Lage, wenn das Tabu ausgehöhlt ist: mit radikalem Realismus ist der sprachlos rotierende Alltag einer vierköpfigen Familie in den 80er Jahren vorgeführt. Am Ende tötet die ältere Tochter eines Nachts die schlafenden Eltern, lässt ihre debile kleine Schwester zurück, die nur die Worte „Mamma Pappa Tsombie" kennt, und verschwindet in der „Betonstadt BERLIN".

Das alles wiederholt jedoch nicht etwa die alte Litanei vom moralischen Zerfall, der Zivilisationen von außen heimsuche wie Aliens. Vielmehr hat Jirgl ein Lehrstück über die in ihnen selbst steckende fatale Dynamik arrangiert, mit der eigenen Moral auch die Form der Gewalt zu definieren, die sie bedroht. Ob in der Antike des Euripides, ob in der 80er Jahre-Moderne: das Töten beginnt, sobald Lebenslagen ausweglos werden. Es lässt sich von der Illusion eines Auswegs blenden, der keiner ist. Das ist gerade in einer Zeit zu sehen, in der „Selbstmordattentate" tägliche Ereignisse sind und der 11. September ihr Emblem wurde. Dass solche Vernichtungsakte nichts lösen, ist - wohl auch für ihre Täter - keine Frage. Im Schlusswort merkt Jirgl an, dass sie aber auch nicht nur eine „Nicht-Lösung" seien. In dieser Ambivalenz, irrational gegen eine Moral zu wüten, deren Logik sie entspringen, dürfte das Verführerische solcher Gewalteruptionen liegen.

In „MER - Insel der Ordnung" (1988) und „Kaffer. Nachrichten aus dem zerstörten Leben" (1986/1990), den beiden anderen Texten der Trilogie, zeigt sich wiederum, wie sehr in der Rationalität von Strukturen moderner Gesellschaften die „Macht zum Töten" weiter lauert. Sie kann auch ohne Blutvergießen auskommen. „MER" ist ein eigenständiger Roman, erzählt aus den Perspektiven dreier Männer, die auf die Ostseeinsel Hiddensee in Urlaub fahren. Eine junge Frau in ihrem Zugabteil hat dasselbe Ziel. Schon unterwegs wird sie das Objekt ihrer Begierden, und bei den Versuchen auf der Insel, ihre Gunst zu gewinnen, treten nach und nach die Charaktere der Männer zutage.

Es sind ein jüngerer Mechaniker, ein Chirurg und ein älterer Physiker, hinter denen gescheiterte Ehen liegen. Die Reise ans Meer unter dem Leitstern „MER" - das „Mitteleuropäische Reisebüro" wurde von der SS betrieben, um die Opfer der Vernichtungslager sogar noch für die Reise dorthin zahlen zu lassen - führt in die Apokalypse des Atom(waffen)zeitalters. Kaum sind die Reisenden angekommen, verdichten sich die Anzeichen, dass auf dem Festland ein Atomkrieg ausgebrochen ist. Sofort wird die vorerst verschonte Insel in einen Polizeistaat verwandelt. Sie ist eine Karikatur der DDR: Informationen werden gesteuert, Aufwiegler verhaftet, die Urlauber zur Arbeit in LPGs gedrängt, groteske Unterhaltungsnachmittage veranstaltet, um von den langsam zu spürenden Folgen des nuklearen Fallouts abzulenken, während im Untergrund mafiöse Strukturen und Schwarzmärkte entstehen. Dass diese Zwangsgesellschaft buchstäblich von der eigenen Substanz lebt, den dort gefangenen Menschen selbst, stellt sich nach einem Freiluft-Theaterspiel heraus, das der Physiker mit den Inselbewohnern veranstaltet. Kontrapunktierend sind kurze Texte in den Roman gefügt, die industriellen Tötungen von Tieren darstellen: als sei das die Vorschule einer mörderischen Rationalität, die ebenso die Verwaltungsakte menschlichen Lebens und Sterbens beherrscht.

Genau davon handelt schließlich „Kaffer": wie in einer Beckett-Groteske liefern sich ein verwirrter alter Mann und sein Bewacher, ein Psychiater, in einer verwahrlosten Berliner Hinterhofwohnung ein Sprachduell auf Leben und Tod. Der Psychiater hat sich so tief in den Fall des Alten verbissen, dass er die Konturen der eigenen Existenz nur dann nicht völlig verliert, wenn er ihm „ein Bekenntnis zur Asozialität & insbesondere zur Gewalt" entlocken kann. Das würde ihn von dem Alten befreien, der in einer Anstalt nicht nur zum Schweigen gebracht, sondern zu sterben verurteilt wäre. Unter den Vorzeichen einer zur totalen Bürokratie gewordenen Moral kann der Versuch, eine Existenz zu vernichten, auch wie in diesem „Satyrspiel" der Trilogie aussehen: „per aspera ad acta". Ähnlich wie in Jirgls Romanen der 90er Jahre wüten auf dieser Passage durch das „zentralbeheizte Neandertal" Sprachfeuerwerke; sie werfen ihr flackerndes Licht auf Landschaften von Gewalt- und Todesvergessenheit. „Lieber vom Tod gezeichnet als von Sitte gemalt", könnte ein Motto von Jirgls Sprachkrieg gegen den allzu bequemen Selbstbetrug im totalen Frieden der großen Phrasen lauten. Diese Kompromisslosigkeit hat ihn vom Gros der - auch oppositionellen - DDR-Literatur erheblich unterschieden. Und niemand von den Leichtgewichten des heutigen Literaturbetriebs beharrt so wie Jirgl auf der Störkraft von Literatur - im Vaterland der östlichen „Zukunftsverheißer" und westlichen „Glückspornographen".

Weil das zentralbeheizte Neandertal inzwischen eigentlich nur durch Chips erweitert ist, die es steuern, ist die „Genealogie des Tötens" alles andere als ein museales Stück der Literatur.

Reinhard Jirgl: Genealogie des Tötens. Trilogie. Carl Hanser Verlag, München 2002. 835 Seiten, 150 €.

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