Zeitung Heute : Das zu 40% der SPD gehörende Blatt betreibt Outsourcing - gegen den Willen der Mitarbeiter

Ralf Hübner

Die Görlitzer Ausgabe der "Sächsischen Zeitung" erscheint ohne Kopfzeile, Beiträge wiederholen sich, der Anzeigenteil wird langsam dünn. Seit Ende letzter Woche wird bei der "Sächsischen Zeitung" in Dresden gestreikt. Rund 400 der 750 Redakteure und Verlagsmitarbeiter beteiligen sich nach Gewerkschaftsangaben mittlerweile an dem Ausstand. Nach einer Urabstimmung am Dienstag steht fest, der Streik geht unbefristet weiter. Nun soll SPD-Sozialexperte Rudolf Dreßler in Gesprächen am Donnerstag und Freitag in Berlin die Wogen glätten. Die SPD ist über die Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft zu 40 Prozent am Dresdner Druck- und Verlagshaus beteiligt. Ausgerechnet bei der "Sächsischen Zeitung" soll geprobt werden, was Verlagsleiter Carsten Dietmann als "Unternehmermodell" bezeichnet. Danach werden ab Dezember die Lokalredaktionen von Bautzen, Bischofswerda, Pirna, Sebnitz, Freital und Dippoldiswalde aus dem Dresdner Druck und Verlagshaus ausgegliedert und als eigenständige Gesellschaften überführt. Die jetzigen Chefs der Lokalredaktionen und der Verlagsstellen avancieren zu kleinen Chefredakteuren und Verlagsleitern und werden mit jeweils 45 Prozent der Geschäftsanteile ausgestattet. Die restlichen zehn Prozent verbleiben beim Dresdner Druck- und Verlagshaus. Nach einer Testphase in sechs Redaktionen sollen sich nun bis Mitte nächsten Jahres alle 19 Lokalredaktionen der "Sächsischen Zeitung" in Mini-Verlage und eigenständige Redaktionen wandeln. Die Vorteile benennt Dietmann klar - Kleinbetriebe ohne Tarifbindung.

Die "Sächsische Zeitung" hat 1998 bei 360 000 Exemplaren verkaufter Auflage einen Gewinn von 24 Millionen Mark ausgewiesen. Im laufenden Geschäftsjahr wird ein Rückgang auf 18 Millionen Mark erwartet. Nun soll gespart werden. Die Lokalredaktionen erweisen sich insbesondere in den strukturschwachen Regionen Sachsens zunehmend als Kostenfaktor. Dietmanns unternehmerisch denkende Redakteure sollen ihr Auskommen in diesem Umfeld künftig selbst erwirtschaften. Entsteht ein Gewinn, wird geteilt, je 50 Prozent an Gesellschafter und Mitarbeiter. "Ein fortschrittliches Gewinnbeteiligungsmodell", lobt Dietmann und kann die Aufregung gar nicht verstehen. Nach Dietmanns Auffassung sei diese Umstrukturierung eigentlich gar kein legitimer Streikgrund, es könne also bei dem Streik nur die Verkürzung der Arbeitszeit von 36,5 Stunden auf 35 Stunden zur Debatte stehen.

Die SPD will laut Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier Wert darauf gelegt haben, dass die Umstrukturierung im Konsens mit den Beschäftigten erfolgt. Das sei offenbar nicht so gelaufen, räumt Wettig-Danielmeier ein. Konnte es auch nicht. Die Frist der Unterrichtung Anfang Oktober sei bewusst kurz gehalten worden, sagt Dietmann, damit keine Unruhe entstehe. Das "Unternehmermodell" selbst sieht Wettig-Danielmeier nicht so negativ. Das müsse erprobt werden, sofern keine sozialen Nachteile für die Beteiligten entstünden. Nach einer Testphase müsse neu entschieden werden.

Auch das sieht das Verlagsleiter Dietmann offensichtlich anders. Es wird darauf verwiesen, dass die SPD ihr formelles Einverständnis bereits für alle 19 Lokalredaktionen erteilt habe. Allerdings soll sich für die zunächst etwa 60 betroffenen Mitarbeiter am Gehalt und an den Sozialleistungen nichts ändern. In Zukunft werde nicht mehr "mit der Gießkanne" verteilt, so Dietmann klar.

Michael Kopp, stellvertretender Landesvorsitzender der IG Medien, sieht ein "Trauerspiel". Gewerkschaft und Deutsche Journalisten-Verband sehen Redakteure und Verlagsmitarbeiter ihrer Arbeitnehmerrechte beraubt. In den neuen Betrieben mit ihren rund 20 Mitarbeitern entfalle der Betriebsrates, als Folge leistungsabhängiger Bezahlung wird der Redakteur mit 3 000 Mark Bruttogehalt im Monat wird befürchtet.

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