Zeitung Heute : Das zweite Gesicht des Gottesstaats

Auf Kisch gibt es keine Sittenwächter, stattdessen Luxushotels und Live-Musik. Die Insel ist ein Versuchslabor für die vorsichtige Modernisierung des Iran

Andrea Nüsse[Kisch]

Das Flugzeug aus Teheran ist kaum gelandet auf der Insel Kisch, da rutscht einer jungen Iranerin in der Warteschlange der Schal vom Kopf. Langes, rotblondes Haar kommt zum Vorschein. Instinktiv möchte man das Tuch wieder hochziehen. Immerhin ist dies noch Territorium der Islamischen Republik. Aber die Frau ist ganz ruhig. Sie holt erst mal die Koffer vom Band, bevor sie den Schal lose wieder überwirft. In Teheran hätte man sie deswegen einsperren können. Auf Kisch gibt es keine Sittenwächter.

Iran, der Gottesstaat, hat ein zweites Gesicht. Auf Kisch, der kleinen Insel eineinhalb Flugstunden südlich von Teheran, herrscht ein anderer Geist als auf dem Festland, ein freierer, unter dem Motto: Spaß und Profit erwünscht. Man könnte sagen: Kisch ist ein 90 Quadratkilometer großes Versuchslabor – und zwar eines, in dem die Probanden glücklich sind. Eine Million Iraner kommen jährlich. Kisch ist nur fünf Jahre nach der Planung als Urlaubsort zum beliebtesten Reiseziel des Landes geworden. Millionen Euro, Millionen Dollar werden auf der Insel, die auch Freihandelszone ist, investiert.

„Die Iraner lieben Kisch, weil es hier etwas lockerer zugeht“, sagt Azam Baydardi, die das Fischrestaurant Mir Mohanna betreibt. Es ist schon fast Mitternacht. Bajdardi sitzt hinter ihrer Kasse und zeigt auf ein paar fidele ältere Damen, die das Restaurant betreten. Sie lassen Tische zusammenrücken, um ganz vorne an der kleinen Bühne zu sitzen. Dort spielen fünf junge Musiker ziemlich laut iranischen Pop. Die Damen klatschen und singen und wiegen sich im Takt. Bajdardi sagt: „Das ist eine der großen Attraktionen von Kisch. Überall sonst in Iran ist Live-Musik in Restaurants verboten.“

Die iranischen Machthaber drücken in Kisch ein Auge zu, schließlich geht es um sehr viel Geld. Ali Ghamkhar, der Leiter der Tourismusbehörde von Kisch, sagt: „Wir wollen, dass die Iraner ihr Geld im eigenen Land ausgeben und nicht zum Einkaufen oder für die Ferien ins Ausland fahren.“ 2,3 Millionen Iraner verbringen jährlich ihre Ferien außerhalb der Heimat. Um sie im Lande zu halten, muss man sich etwas einfallen lassen, zumal das weltoffene Dubai nur eine halbe Flugstunde entfernt liegt. So sind auf Kisch in den vergangenen Jahren elegante Shopping Malls entstanden, Paradies eins und Paradies zwei zum Beispiel. Schon die Namensgebung ist etwas Besonderes, denn das Paradies ist in der islamisch-revolutionären Doktrin eigentlich für Märtyrer reserviert. Auf Kisch aber kaufen die Gläubigen in den Paradiesen bis nachts um elf WMF-Bestecke, Nike- Schuhe und Gucci-Kleider ein.

Etwa 50 Hotels gibt es auf Kisch, Appartementhäuser, zwei Tauchzentren und eine 50 Kilometer lange Fahrradroute. In der Luxus-Siedlung „Stadt der Sonne“ sind die meisten Wohnungen mit Meerblick schon verkauft. Die Käufer sind reiche Teheraner wie der junge Teppichhändler Aliresah Hosseini. „Hier kannst du entspannen, durchatmen. Das ist wie ein Ventil für viele Iraner“, sagt Hosseini. Er ist überzeugt, gut investiert zu haben. Die Bodenpreise liegen angeblich schon bei 500 Dollar pro Quadratmeter, Tendenz steigend. Auch der Klan des ehemaligen Präsidenten Ali Akbar Rafsandschani soll schon viel gekauft haben.

Einer der Visionäre des neuen postrevolutionären Iran, der auf Kisch getestet wird, ist Hossein Sabet, Typ Sonnyboy, mit langen grauen Haaren. Sabet hatte sein Vermögen mit Hotels auf den kanarischen Inseln gemacht, vor sechs Monaten hat er auf Kisch nun sein Fünf-Sterne-Hotel Dariusch eröffnet. Es ist Persepolis, der von Darius I. erbauten Sommerhauptstadt, nachempfunden: ein strahlend weißes Gebäude mit gigantischem Säuleneingang. Für den Park inmitten der Sandwüste hat Sabet 5000 Palmen bringen lassen und exotische Vögel aus aller Welt. Der luxuriöse Bau lässt keinen Zweifel an der Vision des Besitzers: Iran wird trotz historischer Rückschläge an seine einstige Größe anknüpfen.

Die Islamische Revolution scheint auf Kisch nur eine Parenthese der Geschichte zu sein, hier kann man fast so tun, als habe es sie nie gegeben. Reiche Iraner, Wirtschaftsflüchtlinge gewissermaßen, die der Islamischen Republik den Rücken gekehrt hatten, verbringen im Dariusch ihre Ferien. Andere kaufen sich im Mega-Projekt „Blume des Ostens“ ein. Auf 240 Hektar Land entstehen bis 2009 ein Sieben-Sterne-Hotel in Form einer Blumenblüte, fünf Fünf-Sterne-Hotels und mehrere Wohnanlagen verschiedener Preisklassen, alles verbunden durch Wasserkanäle, dazu Golfplätze und eine Marina.

Bis westliche Touristen kommen, dürfte es allerdings noch lange dauern. Dem stehen der Verhüllungszwang für Frauen und das Alkoholverbot entgegen. Die Sitten mögen locker sein auf Kisch, aber so locker nun auch wieder nicht, dass Männer und Frauen gemeinsam baden. Frauen schwimmen für sich allein, an den „Lady Beaches I und II“, hinter meterhohen Wellblechwänden; dort dürfen sie auch Badeanzüge tragen, während sie sich an öffentlichen Stränden nur in ihren langen Gewändern zeigen dürfen.

Ansonsten wird auf der Insel praktiziert, was auf dem Festland aus ideologischen Gründen oder Angst vor Neuerungen noch undenkbar ist: Das Mobilfunknetz ist privatisiert. Das Dariusch ist das erste Hotel seit 1979, das von Ausländern, der Schweizer SAS-Gruppe, geführt wird. Und während fremde Banken in Iran keine Filialen eröffnen können, durfte sich eine auf der Insel sehr wohl niederlassen.

„Auf Kisch werden neue Ideen und Modelle getestet, bevor sie auf dem Festland Anwendung finden“, sagt Ali Bidarmaghs, Leiter des Büros für internationale Kooperation. Er denkt dabei eigentlich an Wirtschaftsmodelle. Aber möglicherweise werden zukünftig auch die verordneten Sitten noch stärker gelockert, die Anzeichen sind da, selbst wenn die Anfänge noch klein sind. Billard zum Beispiel war nach der Revolution als Wettspiel verboten. Erst auf Kisch wurden Billardtische toleriert. Und heute ist das Spiel fast im ganzen Iran wieder legal.

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