• „Dauernd klopften Mädchen an unsere Tür“ Johnny Cash beim Brombeerenpflücken, an der Eismaschine und auf Wasserski?

Zeitung Heute : „Dauernd klopften Mädchen an unsere Tür“ Johnny Cash beim Brombeerenpflücken, an der Eismaschine und auf Wasserski?

Rosanne über schöne Sommer mit ihrem Vater – und ihre Schwäche für Flohmärkte

Interview: Esther Kogelboom,Andreas Austilat Foto: Mike Wolff

Mrs. Cash, danke, dass Sie sich Zeit nehmen.

Ist mir ein Vergnügen.

Wirklich? Sie wirken zwar sehr freundlich, doch das passt so gar nicht zu dem Gerücht, dass Sie für Reporter nur Verachtung übrig hätten.

Seien Sie ganz unbesorgt. Was würden Sie gerne wissen?

Wie es dazu kommen konnte.

Nun, ich habe mich oft den Falschen geöffnet. Aber eigentlich fing alles an, als ich fünf war und mit meinen Eltern in Encino, Kalifornien, lebte. Ein Kamerateam von „Here’s Hollywood“ hatte sich angekündigt, um eine Johnny-Cash-Homestory zu filmen – meine Mutter war sehr nervös. Das Haus war ihre Trutzburg, ein sicheres Zuhause. Nun sollte also alles öffentlich gemacht werden. Meine Schwestern und ich mussten weiße Söckchen tragen und stillsitzen. Und ich bekam mit, wie meine Mutter sich vor der Kamera in eine andere Person verwandelte, die nichts mit ihrer eigentlichen Persönlichkeit gemein hatte. Sie kannte kein Rampenlicht.

Ihr aktuelles Album vereint zwölf der 100 Songs einer Liste, die Ihr Vater Ihnen gegeben hat, als Sie gerade erwachsen geworden waren. Wo ist die Liste mit seinen ultimativen Hörempfehlungen jetzt?

Bei mir zu Hause, in New York. Manch einer wünscht sich, dass sie im Metropolitan Museum hinter Glas hängt. Das sehe ich anders: Es ist ja eine Liste, die ein Vater für seine Tochter geschrieben hat, kein Nationalheiligtum.

Er überreichte Ihnen die Liste eines Tages, während Sie fast zwei Jahre mit ihm auf Tour waren. Eine junge Frau, die so lange mit ihrem Vater um die Welt reist – war das schwierig?

Nein, er war ja trocken zu dieser Zeit. Außerdem hatte ich als Kind nicht viel von ihm gehabt, es gab eine Menge zu besprechen und aufzuarbeiten. Ich habe es genossen, jede Nacht in einer anderen Stadt zu sein. Es war eine große Chance für mich.

Die Groupies …

… an die war ich schon gewöhnt. Früher verging kaum ein Tag, an dem nicht irgendwelche Mädchen an unsere Tür klopften. Oft waren es auch Folksänger, die Dad stockbesoffen im Garten um Erlösung anflehten. Meine Mutter trat jedes Mal auf die Veranda und sagte: „Johnny Cash ist nicht zu Hause.“ Meist stimmte es.

Ihre Mutter Vivian war stets bemüht, Sie und Ihre drei jüngeren Schwestern abzuschirmen?

Ja. Es gab damals sehr viel schlechte Presse über Dad, er war ja drogenabhängig. Aber ihre Fürsorge überstrahlte einfach alles. Sie war eine großartige Hausfrau und Mutter.

Sie schrieben einmal: „Wenn Magritte meine Kindheit gemalt hätte, würde das Bild ein Chaos aus Schlangen, weißen Pelzen, toten Chihuahuas und rosa Lockenwicklern zeigen. Alles wäre dekoriert mit Goldlamé und Chiffon voller Kaffeeflecken und Brandlöchern …“

So habe ich eben gelebt. Mit ein ein bisschen Abstand kann ich heute sagen: Es muss wirklich hart für ein kleines Mädchen gewesen sein, seine Haare jeden Abend auf rosa Schaumstofflockenwickler wickeln zu müssen.

„The List“ ist Ihre erste Platte, auf der ausschließlich Coverversionen zu hören sind. Ein Kritiker der „New York Times“ fand: „Rosanne Cash hat ihre Stimme gefunden.“ Stimmen Sie ihm zu?

Ich weiß nicht so richtig. Ich habe mich immer als Songwriter betrachtet und wusste nicht, ob es wirklich funktioniert, meine Stimme in den Dienst eines fremden Songs zu stellen. Patsy Klines Version von „She’s got you“ ist eine wahrhaft ikonografische Aufnahme, da konnte ich nicht einfach kommen und sie kopieren. Also musste ich mein Leben, meine eigenen Erfahrungen ins Spiel bringen. Die Schwierigkeit: Ich lebe ja nicht in den Südstaaten, sondern in der Großstadt. Seit 20 Jahren.

Der erste Song ist „Miss the Mississippi and You“, den Jimmie Rodgers 1932 schrieb. Die erste Zeile lautet: „I’m growing tired of the big city’s lights“. Was hat das mit Ihrem urbanen Leben zu tun?

Nichts. Ich habe nicht die Nase voll von New York, falls Sie darauf anspielen. „Miss the Mississippi“ ist einfach ein wunderschöner Song. Wenn ich ihn vortrage, schlüpfe ich in eine Rolle.

Sie waren auch am 11. September 2001 in New York. Wie haben Sie die Anschläge erlebt?

Ja, ich war dabei. Aber ich spreche nicht gerne darüber. Mein Sohn war an diesem Vormittag in der Schule, ganz in der Nähe der Türme. Ich war bei einer Elternversammlung und konnte durchs Fenster sehen, wie das erste Flugzeug kam.

In welchem Maß hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Nichts ist mehr so wie vorher. Ich habe nie wieder wirklich darüber gesprochen, auch nicht mit den anderen Eltern, mit denen ich damals auf der Versammlung war. Es ist einfach zu viel. Ich habe den Eindruck, vielen New Yorkern geht es so: Sie schweigen.

Trotzdem haben Sie öffentlich gegen den Irakkrieg Stellung bezogen.

Natürlich, denn ich habe einfach nicht verstanden, wie man die Schlussfolgerung „Krieg“ aus dem ziehen kann, was wir erlebt haben. Wie man anderen Menschen bewusst ähnliche Gewalt antun kann.

Eine Einstellung, die dem typischen Countrypublikum sicher nicht gefallen hat ...

... also, um eines klarzustellen: Ich bin keine Countrysängerin! Ich bin alles andere als konservativ! Nachdem ich mich gegen den Irakkrieg ausgesprochen hatte, bekam ich tonnenweise Hassbriefe. Genau wie die Dixie Chicks und Steve Earl. Erst vor kurzem, nachdem ich mich gegen die Teaparty engagiert hatte, bekam ich eine Mail, in der stand: „Dein Vater hätte dich umbringen sollen, als du noch klein warst.“ Jetzt haben Sie einen Eindruck von dem Dreck, dem ich ausgesetzt bin.

Sie sollten sich einen Spam-Filter besorgen.

Dieser Mist erreicht einen auch durch Spam-Filter. Ein anderes Mal kam ein Mann nach einer meiner Shows an die Bar und fragte: „Liebst du deinen Vater?“ Ich antwortete: „Ja, natürlich.“ Er schüttelte empört den Kopf, deutete auf seine Brust und sagte: „Nein, ich liebe deinen Vater.“ Vielleicht sollte ich einen menschlichen Spam-Filter für seltsame Typen einstellen.

Lassen Sie uns noch mal über Ihre kalifornische Kindheit sprechen. Sie sollen die Chefin des örtlichen Beatles-Fanclubs gewesen sein, stimmt das?

Ja! Die Beatles – ich war verrückt nach ihnen, seit ich ihren Auftritt bei der Ed Sullivan Show im Fernsehen gesehen hatte. Dann gründete ich den Fanclub. Was Kinder so treiben: Ich schrieb kleine Aufsätze und brachte meine Freunde zusammen – je nach Lieblingsbeatle, so dass man sich austauschen konnte.

Und wer war Ihr Lieblingsbeatle?

Anfangs Paul, später wechselte ich selbstverständlich zu John.

Auf Youtube haben wir den Mitschnitt eines Carl- Perkins-Specials gefunden, da treten Sie zusammen mit George Harrison auf. Bevor wir auf Ihre damalige Frisur zu sprechen kommen: Haben Sie ihn um ein Autogramm gebeten?

Moment, das waren die 80er! Da hatte jeder solche Frisuren, sogar die Stray Cats. Was George angeht: Es war das erste und einzige Mal, dass ich jemanden um ein Autogramm gebeten habe. Ich muss aber zugeben, dass Dad mir früher schon Autogramme von allen vier Beatles besorgt hatte.

Carl Perkins, einer der Erfinder des Rock ’n’ Roll, hat Ihnen Gitarre spielen beigebracht. Wussten Sie als Jugendliche, dass dies ein Privileg war?

Nein. Vor allem war Carl nicht besonders geduldig. Er zeigte mir einen kleinen Lauf, den ich natürlich nicht sofort beherrschte, und widmete sich wieder anderen Dingen. Carl war wie ein Onkel für mich, er hing ständig bei uns rum. Die Akkorde hat mir dann später Helen Carter eingebläut, die Schwester meiner Stiefmutter June.

Als Ihre Eltern sich scheiden ließen, waren Sie zwölf. Ihre Mutter heiratete bald darauf wieder, ebenso Ihr Vater.

Es war das Beste so. June war das Schicksal meines Vaters, und meine Mutter blühte förmlich auf, nachdem die Last ihrer ersten Ehe von ihr genommen worden war.

Die Trennung klingt so harmonisch. Haben Sie sich niemals gegen Ihre Eltern aufgelehnt oder Mist gebaut?

Doch. In der Highschool habe ich Drogen genommen, man war in den 60er und 70er Jahren in Südkalifornien geradezu gesetzlich dazu verpflichtet.

Sie lachen.

Na ja, so war es doch. Und einmal bin ich unerlaubterweise mit meinem Freund nach Mexiko abgehauen. Meine Eltern haben mir schnell verziehen. Es wurde erst kritisch, als ich später für eine Weile nach London zog, um Abstand zu gewinnen. Wissen Sie, es waren wunderschöne Sommer, die wir als Jugendliche mit unserem Vater verbrachten. Er lebte in Hendersonville bei Nashville, mitten im Grünen, in einem Haus am See. Er brachte uns Wasserski fahren bei und stand jeden Tag an der Eismaschine für uns und zündete Knaller. Wir pflückten wilde Brombeeren. Erst später kapierte ich, dass ihm viele lukrative Auftrittsmöglichkeiten entgangen waren, weil er sich um uns kümmerte.

Ende der 80er Jahre waren Sie dann sogar erfolgreicher als er.

Das war ziemlich schmerzhaft für uns beide. Eines Tages rief er mich an und fragte mich, wie hoch meine Tantiemen seien. Ich sagte es ihm, und kurze Zeit später verlor er seinen Plattenvertrag.

Würden Sie sagen, es gab so etwas wie Konkurrenz zwischen Ihnen beiden?

Nein, mit ihm konnte es sowieso niemand aufnehmen. Aber wenn ich ein Mann gewesen wäre, hätten sich die Dinge bestimmt anders dargestellt. Es ist viel Zeit verstrichen, bis ich mir erlauben konnte, ich selber zu sein.

Rick Rubin, den Produzenten der letzten vier Alben Ihres Vaters, nennen Sie seinen „Schutzengel“. Warum?

Weil er erschien, als mein Vater ihn am meisten brauchte. Die beiden mochten sich sehr, Rick hat ihn wieder aufrecht stehen gelehrt. Dad war so unglücklich, seine Kreativität lag brach, er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte. Da kam Rick und sagte: „Remember who you are.“ Es war bewegend, zu sehen, wie er aufblühte. Zwischen Rick und ihm gab es eine Verbindung wie sonst nur unter Brüdern.

Es ist keine besonders originelle Frage …

… oh nein, bitte keine Fragen mehr über meine Kindheit!

Welche drei Alben würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?

„St. Quentin“ von Dad, die Platte meiner Tochter, „Chelsea Crowell“, und „Revolver“. Meine Familie und die Beatles. So einfach ist das.

Ihre 27-jährige Tochter Chelsea ist eine hervorragende Songwriterin, aber man hört wenig von ihr.

Sie ist ein sensibles Mädchen: Sie möchte zwar mit ihrer Musik Geld verdienen, aber nicht im Rampenlicht stehen. Gott, sie muss sich gegen zwei Generationen behaupten.

2003 war ein schreckliches Jahr für Sie: Zuerst starb Ihre Stiefmutter June im Mai, dann Ihr Vater im September, kurz darauf Ihre Stiefschwester und dann noch Ihre Tante. Zwei Jahre später starb Ihre Mutter – an Ihrem 50. Geburtstag. Wie haben Sie so viele Verluste in so kurzer Zeit verkraftet?

Darüber möchte ich nicht im Detail sprechen, das kann ich nicht, es tut noch zu weh. Im Prinzip erlebt doch jeder Ähnliches. Geliebte Menschen sterben zu sehen – die Trauer macht alle gleich. Es ist wie ein furchtbarer Verein, in den wir alle irgendwann eintreten müssen. Selbst diejenigen unter uns, die einen am Aufzug immer vorlassen und freundlich anlächeln, werden nicht verschont.

Sechs Monate bevor Ihr Vater starb, nahmen Sie mit ihm die Single „September When It Comes“ auf.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe die Fähigkeit, mir selbst Postkarten aus der Zukunft zu schicken. Al Gore hat auf Dad’s Beerdigung daraus zitiert. Er sagte: „Es ist September.“

Als der Film „Walk the Line“ in die Kinos kam, sind Sie ins europäische Exil geflohen, nach Paris.

Der Film vereinfacht alles: meine Geschichte, die meiner Eltern. Das ist Hollywood.

Was haben Sie in Paris gemacht?

Fragen Sie lieber, was ich nicht gemacht habe: Ich habe nicht Zeitung gelesen. Ich war viel im Museum und viel auf Flohmärkten. Ich habe eine Schwäche für altmodische Tisch- und Bettwäsche. Ich sammle so was. Das ist meine feminine Seite.

Es fällt schwer, Sie sich als Hausfrau vorzustellen.

Dabei wäre ich so gerne Hausfrau! Wenn ich mal ein paar Tage am Stück zu Hause bin, wozu ich ja so gut wie nie komme, liebe ich es, in meiner Küche zu sein. Geschirr abwaschen, das ist wie Zen-Meditation. Und kochen! Am liebsten deftige Braten.

Sie haben vier Töchter mit Ihrem ersten Mann, Rodney Crowell, und einen elfjährigen Sohn mit Ihrem jetzigen Ehemann, dem Produzenten John Leventhal. Werden Sie für Ihre Kinder auch irgendwann eine Liste schreiben?

Ich arbeite daran. Es gibt schon eine große Schnittmenge mit der meines Vaters. Bei mir wäre Neil Young auf jeden Fall dabei. Neulich dachte ich lange darüber nach, welches seiner Lieder es auf meine Liste schaffte. Vielleicht „Everybody knows that this is nowhere“? Und dann wäre natürlich Bruce Springsteen dabei.

Mit ihm singen Sie auf „The List“ das Lied „Sea of Heartbreak“ im Duett. Wie haben Sie ihn überzeugt?

Ich habe dafür mit ihm geschlafen. Nein! Wir haben ihn gefragt, und er hat halt „ja“ gesagt. So, ich möchte jetzt zur Massage. Aber eines ist mir noch wichtig.

Bitte.

Es gibt immer wieder Vorwürfe gegen mich, ich würde meinen Vater benutzen. Mein Mann John hat mir sehr geholfen, das zu überwinden. „Wach auf“, ermahnte er mich immer wieder. „Du musst ,The List’ aufnehmen, es ist auch dein Erbe.“ Es hat über ein Jahr gedauert, bis er mich überzeugt hatte. Ich muss ihm wirklich dafür danken.

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