Zeitung Heute : Daums Rückkehr: Eine sonderbare Therapie

Helmut Schümann

Und dann sind es wieder die Augen. Plötzlich redet Christoph Daum über seine Augen, über seinen flackernden Blick, die stete Unruhe darin und über die Rastlosigkeit, mit der er auch dieses Auditorium überhuscht. Man hatte diese Augen vor einem halben Jahr hergenommen, zur Ferndiagnose und als sicheren Beleg für Daums Drogenkonsum. "Ich werde mein Augenflackern", sagt Daum und deutet sich dabei mit beiden Zeigefingern ins Gesicht, "ich werde dieses Augenflackern auch in Zukunft nicht ändern, da können Sie sicher sein."

Eine bizarre Rede war das in einer bizarren Szenerie gestern Nachmittag in einem Kölner Hotel, in das der ehemalige Trainer des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen nach seiner Rückkehr von einem fast dreimonatigen USA-Aufenthalt geladen hatte. Ihm zur Seite saß Werner Hansch, der Fußball-Kommentator. Souverän und seriös leitete Hansch die Veranstaltung, und das war lange Zeit das einzige Souveräne und Seriöse in einer Ansammlung von Wahrheiten und Halbwahrheiten, von Halbwissen und Unwissen. Daum selbst eröffnete mit dem Geständnis, Drogen konsumiert zu haben, gelegentlich, und dass er konkreter nicht werden dürfe und könne, weil noch zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn anhängig seien. Stark angeschlagen wirkte er dabei. Er lachte zwischen seinen Worten immer wieder, er wollte fröhlich wirken und gelöst und offenbarte doch nur den Versuch, künstliche Heiterkeit zu verströmen.

Da konnte man Mitleid haben mit Daum, der den Traum hatte, Bundestrainer zu werden und diesen Traum selbst hatte platzen lassen. Zu diesem Zeitpunkt konnte man auch entsetzt sein über die Trostlosigkeit des deutschen Sportjournalismus, der sich da vor Daum auf die Knie warf ("Herr Daum, ich habe großen Respekt vor Ihnen") oder sich in Dummheit erging ("Haben Sie in Florida auch Barbara Becker getroffen?"). Bei all dieser Trostlosigkeit konnte natürlich auch Stefan Raab nicht fehlen, der sich mit dem erbärmlichen Witz, ob Daum künftig bei "Sturm Gras" in Österreich arbeiten werde, zu Wort meldete. Hatte Daum das billige Wortspiel nicht verstanden? Oder war das noch ein funktionierender Reflex, als er ganz einfach dementierte, mit Sturm Graz verhandelt zu haben? Der Raab lief auf jeden Fall ins Leere.

Da kam Daum nicht heraus aus der Rolle des Egomanen, die man von der Zeit vor seinem tiefen Fall kannte. Sprunghaft war er in seiner Rede, fahrig in seinen Gedanken, und als er gefragt wurde, was denn die Kinder empfunden hatten beim Eingeständnis ihres Drogen konsumierenden Vaters, da antwortete er: "Das war nicht leicht für mich, ihnen das beizubringen."

Es war Werner Hansch zu verdanken, dass er dem erschreckenden Unsinn im Saal Einhalt gebot und Daum so doch noch wenigstens zeitweise Gelegenheit bekam, ein etwas gefestigteres Bild abzugeben. Daums stärkster Moment war gekommen, als er sich bei Gerhard Mayer-Vorfelder, dem Vizepräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, entschuldigte, der ihm immer wieder Hilfe angeboten habe und den er trotzdem belogen habe, "den habe ich im Dunkeln und im Regen stehen gelassen." Auch bei seinem ehemaligen Mitstreiter Rainer Calmund, Manager bei Bayer Leverkusen, bedankte sich Daum für das Engagement, und selbst über Uli Hoeneß, den Manager des FC Bayern München, der in der Affäre als Denunziant verunglimpft worden war, fand Daum positive Worte.

Es dauerte aber 33 Minuten, bis Daum auch einmal sagte, dass der Drogenkonsum, die gelegentliche Einnahme von Kokain, ein Fehler gewesen sei. Vorher suchte er überwiegend sein späteres Verhalten zu erklären, seine Flucht nach Amerika ("das war keine Flucht, ich brauchte Abstand"), seine Motivation, Drogen zu konsumieren, und das Ausmaß dieses Konsums. Doch gerade in diesen Fragen blieben die Ungereimtheiten stehen. Er sei keineswegs süchtig, sagte Daum, nicht krank, und die Abkehr von der Droge sei ihm sehr leicht gefallen. Vielleicht ist es so, vielleicht gesteht er sich aber auch immer noch nicht seinen wahren Zustand ein. Als Grund, überhaupt zur Droge gegriffen zu haben, nannte Daum eine schmerzhafte Hüft-Arthrose, wogegen Kokain allerdings eine erstaunliche Medikation ist. Auch sei der in seinem Haar gemessene Wert, der ihn nach Expertenmeinung als ständigen und abhängigen User auswies, ohne Aussagekraft. Aber vor allem lassen beide Einlassungen auch den Schluss zu, dass er sich seine Welt weiterhin schönredet.

Und dahinein passt auch sein reichlich flapsiger Umgang mit einem offensichtlichem Betrugsversuch. Warum er denn überhaupt eine Haaranalyse abgegeben habe, wurde er gefragt, wo er doch gewusst habe, dass er Kokain im Körper habe. Daum lachte zu der Frage, das sei ja nun ein Fehler gewesen, wie man nun heute wisse, und die Journalistenschar lachte auch. Daum erzählte wie beiläufig, dass er sich vorher kundig gemacht habe, ob ihm etwas nachzuweisen sein würde, und man habe ihm Sicherheit zugesagt, "aber da habe ich wohl mit Zitronen gehandelt." Er wurde dann nicht mehr gefragt, mit welcher Chuzpe er seinerzeit behauptet habe, er habe ein "absolut reines Gewissen". Er wurde von der versammelten Sportjournaille auch nicht mehr gefragt, ob er sich für dieses Täuschungsmanöver entschuldigen wolle. Am Ende hatte sich die beiderseitige Trostlosigkeit wieder vereint.

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