Zeitung Heute : Debatte ohne Tabus in Bonn

Thomas Gehringer

Der "langer Eugen", eigentlich ein trister Klotz im Dienste des Parlamentarismus, blüht farbenfroh auf: Nach dem die Abgeordneten weg sind, wurden gestern die Fenster des Hochhauses im ehemaligen Bonner Regierungsviertel verhängt - mit einem bunten Transparent des von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) ins Leben gerufenen "Forum Bildung". Dieses 18-köpfige Gremium aus Vertretern von Bund und Ländern, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Wissenschaftlern, Studierenden und Auszubildenden sowie Kirchenvertretern nahm gestern Gespräche über "Bildungs- und Qualitätsziele von Morgen" auf.

Begleitet wurde dies von einem zweiten öffentlichkeitswirksamen Auftritt: Das "Aktionsbündnis gegen Studiengebühren" (ABS) überreichte Edelgard Buhlmahn 120 000 Unterschriften. ABS-Sprecher Olaf Bartz mochte sich mit der Zusicherung der Bundesministerin, die SPD setzte sich für ein gebührenfreies Erststudium ein, nicht zufrieden geben: "Sie brechen ihr Wahlversprechen", warf er der Ministerin vor. Auch der Vertreter der Studierenden im "Forum Bildung", Matthias Neis von der Universität Münster, unterstützt die Forderung des ABS. "Die angebliche Zustimmung des Studierenden zu Studiengebühren, die uns von interessierter Seite immer wieder vorgehalten wird, gibt es nicht", erklärte Neis, bevor er in die Forumssitzung entschwand.

Dort soll in den nächsten Monaten eine Bildungsdebatte "ohne Tabus hinsichtlich der Lösungswege" stattfinden. "Ideologische Grabenkämpfe können wir uns nicht mehr leisten", erklärte Hans Zehetmair (CSU), Wissenschaftsminister in Bayern. Bis Ende 2001 sollen Handlungsempfehlungen "so weiter gegeben werden, dass möglich viele Bildungsverantwortliche gewillt sind, sie umsetzen", meinte Zehetmair. Weitere Themen des Forums sind Chancengleichheit, Qualitätssicherung, lebenslanges Lernen und Lern- und Lehrkultur.

Edelgard Buhlman erhofft sich neuen Schwung für Bildungsreformen, weil im Forum "alle in einem Boot sitzen". Die vielen Modellversuche und Einzelinitiativen der Vergangenheit hätten zu wenig Wirkung gezeigt. Auch die Sozialdemokratin betonte, dass manche Diskussionen überholt seien, etwa der Streit um die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit kontra berufsqualifizierende Anforderungen. In Zukunft würde nicht nur der Bedarf an mittleren und höheren Qualifikationen stark steigen, es würden auch andere Fähigkeiten neben dem Erwerb von Grundwissen erforderlich sein: Die Kenntnis von Informationstechnologien als "vierte Kulturtechnik", Fremdsprachen, vor allem Englisch als "zweite Muttersprache", Methoden-, Orientierungs- und Bewertungskompetenz sowie soziale Kompetenzen wie die Fähigkeit zur Teamarbeit.

Die Empfehlungen sollen auf der Internetseite www.forumbildung.de zur Diskussion gestellt werden.

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