Zeitung Heute : Delikat verklärt

ISABEL HERZFELD

Das Ensemble Oriol eröffnet seinen Schönberg-ZyklusISABEL HERZFELDSchönberg einmal anders bestimmt den neuen Zyklus des Ensemble Oriol: Frühe, noch romantisch getönte, als Stilimitation oder durch bestimmte Inhalte verständliche Werke schaffen neue Zugänge zum spröden Zwölfton-Meister.Das Streichsextett "Verklärte Nacht" von 1899 ist so ein Stück, das mit bestrickendem Klangreiz die Schönbergsche Ausdrucksgespanntheit erschließt, die er nach eigenen Worten immer beibehielt - "bloß merkt es niemand".In der Fassung für Streichorchester gehen die Intensität und individuelle Farbigkeit der Solostreicher oft verloren in einem etwas diffusen, dicklichen, watteweichen Klangbild.Bewundernswert, wie das Ensemble Oriol mit seinem künstlerischen Leiter Sebastian Gottschick am Konzertmeisterpult hier die Balance zwischen kammermusikalischer Feinzeichnung und orchestraler Fülle zu halten wußte.Der Verzicht auf einen Dirigenten zwingt zu größter, selbstverantwortlicher Aufmerksamkeit.Dabei zeugt von einem eigenständigen Interpretationsansatz der sehr bedächtige Beginn, die Schwermut der absinkenden Melodik betonend; die plastische Phrasierung, von sehr bewußt wirkenden Pausen und Neuansätzen noch verstärkt; der zielgerichtete Spannungsaufbau und die antithetische Entladung im hymnischen Dur-Thema.Das intonieren die Celli sehr sanft, mit Wärme.Im Wohlgefallen ätherisch rieselnder Dreiklangsfiguren löst sich alle düstere Leidenschaft auf, ohne dank zügigem Tempo in Kitsch zu verfallen - delikater kann man das nicht spielen. Eine rundum stimmige Leistung, die auch die begeisterte Zustimmung eines sehr jungen Publikums im Kammermusiksaal fand. Problematischer erscheint Gottschicks Streichorchesterfassung des c-Moll-Quartetts op.51,1 von Johannes Brahms.Mag auch ein gewisser orchestraler Zuschnitt des Originalwerks dafür sprechen, die Bearbeitung verwischt doch allzusehr die Schärfe der Figurationen, die lyrisch-dramatischen Kontraste.So wird etwa das Kopfthema von einem fahlen Bratschenakzent beschlossen, der chorisch besetzt einfach nicht wirkt.Viel transparenter - auch in ihrer melodisch-rhythmischen Prägnanz - klangen da zuvor die "Quattro Danze Transsilvane" (Vier siebenbürgische Tänze) des Bartók-Schülers und -Mitarbeiters Sándor Veress, von hinreißendem Temperament in den asymmetrisch akzentuierten Sätzen Nr.2 und 4, die von jeweils langsamen Teilen von sprechender Melismatik und feingliedriger, in ständigen Ostinati beinahe minimalistischer Strukturierung eingeleitet werden.

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