Zeitung Heute : Dem deutschen Schlager kann man nicht entkommen

BAR JEDER VERNUNFT „Wie wär's, wie wär's? Die Geschwister Pfister in der Toskana“ ist eine nostalgische Zeitreise durch Italien – mit Liedern von Fern- und Heimweh.

SANDRA LUZINA
Vorher genehmigen sie sich noch ein Gelato. Die freundlichen Eisverkäufer sind übrigens Lo Malinke und Tetta Müller von Malediva.
Vorher genehmigen sie sich noch ein Gelato. Die freundlichen Eisverkäufer sind übrigens Lo Malinke und Tetta Müller von Malediva.

Seinen ersten Familienurlaub hat Christoph Marti in der Toskana verbracht. Bei Tobias Bonn ging es an die belgische Küste und Andreja Schneider freute sich jeden Sommer darauf, in die kroatische Heimat zurückzukehren. In ihrer neuen Show packen die drei nun die Koffer und schicken sich an, in einem roten VW-Cabrio die Alpen zu überqueren. „Wie wär's, wie wär's? – Die Geschwister Pfister in der Toscana“ ist eine musikalische Zeitreise, die in den fünfziger Jahren beginnt. Damals avanciert Italien zum Traumziel der Deutschen, auf die Anfänge des Massentourismus spielt auch die Show an: „Es geht beim Reisen um die Sehnsucht nach einer anderen, einer schöneren Welt“, sagt Tobias Bonn. „Wir machen das fest an einem historischen Ereignis: der Entdeckung des Auslands durch die Deutschen nach dem Krieg. Das ging in den späten Fünzigern los: Die Deutschen konnten sich nun ein Auto leisten und in Urlaub fahren.“

Die Pfisters haben sich gründlich vorbereitet für ihre nostalgische Italienreise. Sie haben Fellini-Filme und alte Reisedokumentationen geschaut, in Fotoalben geblättert und Werbeprospekte studiert. Vor allem aber haben sie sich die Schlager von damals angehört, die oft von Fernweh oder Heimweh handelten. Italo-Schmelz trifft hier auf deutschen Schmalz. Um die Canzoni zu Gehör zu bringen, braucht es aber einen Kunstgriff: „Die Pfisters sind deutsche Touristen, sie können kein Italienisch", erzählt Bonn. „Deswegen haben wir ein paar Einheimische eingebaut. Jeder von uns spielt mal einen Italiener, der immer auch was mit Gastronomie zu tun hat. Beim Abschluss-Medley haben wir dann ein paar Wörter Italienisch gelernt und können auch ,Arrivederci Roma’ singen.“

Dem deutschen Schlager kann man aber nicht entkommen. Der zweite Teil der Show spielt in Luigis Trattoria, wo die Pfisters bekannten Showgrößen der fünfziger bis siebziger Jahre begegnen. Ursli und Toni Pfister haben bereits Peter Alexander und Mireille Matthieu einen hinreißend komischen Abend gewidmet. Nun greifen sie wieder zu Perücke und Fummel, um die Stars von damals wiederauferstehen zu lassen. Ihre witzigen Schlagerinterpretationen sind immer beides: Hommage oder Parodie. „Der Ausgangspunkt ist eigentlich immer die Hommage“, sagt Tobias Bonn. „Wir versuchen erst mal alles zu lieben, was wir heimlich tun, denn wir sind ja alte Kitschkühe. Das Komische und Absurde ergibt sich dann von selbst.“

Wenn die Show in die Siebziger springt, werden auch die Figuren lockerer. „Am Anfang ist es biederer Ruhrpott, am Ende wird es etwas mondäner. Mehr Gunther Sachs.“ Musikalisch geht es auch nach Griechenland und Spanien. „Die Sehnsucht ist immer die gleiche“, meint Bonn, der eine Parallele zwischen Reisebranche und Showbusiness sieht. „Auch im Theater möchte der Zuschauer sich für zwei Stunden in eine andere Welt entführen lassen.“ Die Pfisters mögen es wieder hübsch doppelbödig: Ihre Show ist eine kleine Flucht aus dem Alltag – und zugleich eine ironische Demontage der heilen Schlagerwelt. SANDRA LUZINA

Premiere 5.9., 20 Uhr

Vorstellungen bis 27.10.2013

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