Zeitung Heute : Dem Frühling trotzen

Wie eine Berlinerin, Ost, die Stadt erleben kann

Britta Wauer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Kommen Freunde aus dem Urlaub zurück, prahlen sie mit dem Sonnenwetter am Urlaubsort. Sicher hatten sie auch mal ein trüben Tag oder einen Tropfen Regen dort, vielleicht einen Windstoß und auf den Bergen frische Luft, aber nirgendwo, so meinen sie, sei es so trostlos wie bei uns. Berlin liegt nun mal kurz vor Sibirien. Bisher fand ich das nicht schlimm.

Aber jetzt bin ich drei Wochen unterwegs gewesen, nur beruflich und auch nur in Nordrhein-Westfalen. Kein Urlaubsparadies, dennoch sind sie uns wettermäßig in NRW um Wochen, wenn nicht Monate voraus.

In Wuppertal waren die Forsythiensträucher schon halb verblüht, in Bochum steht in jeder zweiten Straße ein blühender Magnolienbaum. In Düsseldorf setzten sich die Leute in den Schatten, weil es in der Sonne zu heiß geworden ist. Und in Köln zeigen sich die Frauen in Tops mit Spaghettiträgern und stecken ihre nackten Füße in Flip-Flop-Latschen.

In Berlin liegen die Sommersachen noch im Schrank, die Fußnägel sind unbemalt, die Wintermäntel schwarz und grau. Die Zeitungen schreiben den Frühling herbei und bilden Vorjahresbilder von Springbrunnen ab. Für diesen Sommer fehlen noch Sponsoren.

Was also macht der Berliner, um das Manko auszugleichen? Er wird sich bewusst, dass das Schönste noch vor ihm liegt. Während wir uns nach dem Sommer sehnen, werden die Blätter in Köln & Co., die schon jetzt kräftig, groß und grün sind, langsam anfangen zu welken. Wir Berliner werden dann erst beginnen, unsere blassen Beine in die Sonne zu halten und das Flirten wieder üben. Später, wenn die Jugend in NRW ihren Sonnenbrand auskuriert, werden wir verliebt dem Sonnenaufgang über der Spree entgegenblinzeln.

Der romantischste Ort dafür ist die Museumsinsel. Wenn die Sonne sich in der goldenen Kuppel der Synagoge spiegelt, können wir den Angebeteten (Neuberliner allesamt) von den aufregenden Geschichten Berlins erzählen, wie z.B. vom Verkehrschaos in der Synagoge an der Oranienburger Straße. Vor den Kriegen, als Synagogen noch keine Polizeifestungen waren, fuhren die jüdischen Herrschaften mit ihren Automobilien und Pferdegespannen durch die Tore in das Foyer des Gotteshauses hinein, und ließen den Wagen vom Chauffeur zum Seiteneingang hinauskutschieren. Da die jüdische Gemeinde in Berlin sehr groß war, gab es im Foyer stets einen Stau. Monatelang hat sich der Polizeipräsident mit der jüdischen Gemeinde gestritten, wer den Polizisten, der den Verkehr in der Synagoge regeln musste, zu bezahlen habe.

Solche Geschichten könnten wir kaum erzählen, wenn das Wetter in Berlin damals sonnig und warm gewesen wäre. Hätte die Sonne geschienen, wären die Herrschaften die Oranienburger entlang flaniert, um sich selbst und ihre Gewänder zu präsentieren. Aber sie waren in ihren Autos unterwegs, denn es war kalt – damals wie heute in Berlin.

Sonnenauf- und Untergänge erlebt man am besten im Monbijoupark an der Spree, gegenüber von der Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte .

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