Zeitung Heute : Dem Himmel so nah

Jeden Tag werden 80 Betonstücke fallen, bis im Sommer nichts mehr übrig ist von der Marchwitzastraße 1–3 in Marzahn. Der erste Berliner Plattenbau wird abgerissen. Es wollten nicht genug Leute darin leben. Die Nachbarn freuen sich. Sie haben jetzt tolle Aussichten.

Nadja Klinger

Es gibt eine Liste. Spätestens nächsten Sommer wird sie in einem Aktenschrank der Wohnungsbaugesellschaft oder gar im Papierkorb verschwinden. Vielleicht auch schon eher. Man kann mit ihr sowieso nichts anfangen. 23 050 Quadratmeter herausgerissener Fußbodenbelag, 5000 abmontierte Fensterbänke, 2130 Meter Gardinenstangen. Das sind Zahlen und Worte. 65 Küchenhängeschränke, 283 Badewannen, 171 Elektroherde, Holzverkleidungen, Spanplatten, Teppiche, Vorhänge, Briefkästen, Fliesen, Lampen, Haken, Dübel… Das war mal ein großes Haus, ein Doppelhochhaus. 18 und 21 Etagen. 296 Wohnungstüren, die keine Adresse mehr haben, jetzt, da sie irgendwo an der Berliner Marchwitzastraße herumstehen und auf den Abtransport warten. Die Liste ist eine absurde Umrechnung von Menschenleben in Maßeinheiten. In Sondermüll, Müll und Brauchbares. Dennoch klingelt in der Pressestelle der Wohnungsbaugesellschaft (WBG) immer wieder das Telefon, und es wird nach ihr gefragt. Sie scheint begehrt zu sein. Vielleicht weil sie das bietet, was alle suchen, aber niemand so recht zu fassen bekommt: die Zeichen der Zeit.

Die Leute rufen auch bei der WBG an, um zu fragen, wann das Hochhaus denn nun abgerissen wird. Sie wollen den Augenblick nicht verpassen. Sie wollen ihn fotografieren. Manche telefonieren nicht erst, sondern schauen gleich auf der Baustelle an der Südspitze Marzahns vorbei. Da steht dieser dunkelgraue Hohlkörper mit ausgekratzten Augen. Aus dem Innern dringen Sägegeräusche, und es hämmert. An der Fassade trainiert die Feuerwehr. Ein Mann von der Höhenrettung kraxelt von Fenster zu Fenster. In ein paar Tagen wird im 15. Stock eine ganze Wohnung brennen, damit er üben kann, durchs Feuer zu gehen. Ein paar Polen tragen Fenster ins Freie, die sie später mit in ihre Heimat nehmen, dort aufarbeiten und dann in Deutschland wieder verkaufen. Polier Werner Rohde raucht gerade eine Zigarette zum Mittag. Er ist seit 17 Jahren Bauarbeiter, hat etliche Häuser abgerissen, aber noch nie einen Plattenbau demontiert. Wie das geht, darüber musste die Firma, für die er arbeitet, sich erst einmal Gedanken machen, bevor sie sich um den Abriss beworben hat. „Das geht genauso wie beim Lego“, sagt Rohde, „ist nur etwas gefährlicher.“

Heute, am Montagmorgen, wird er über den 21. Stock hinaus auf eines der höchsten Dächer Berlins steigen. Hier oben pfeift immer der Wind, die alte Dachpappe ist wellig, und der Taubendreck aus fast 25 Jahren klebt zentimeterhoch. Der Polier wird an einer schweren Maschine angegurtet sein. Er muss die erste Platte lösen. Wie das genau geht, weiß er noch nicht. Es ist eben doch nicht so einfach wie beim Lego. Er hat sich zweieinhalb Tage Zeit genommen. Am Mittwoch um Punkt 14 Uhr muss der Kran die Platte in die Luft heben. Das ist der Termin, den Rohde den Leuten nennt, die während seiner Mittagszigarette am Bauwagen vorbeigeschlendert kommen. Das ist der Termin, den die Wohnungsbaugesellschaft den Anrufern und der Presse gibt. „Normalerweise beginnt ein Bau an irgendeinem Morgen. Das aber hatte ich noch nie, dass sich um 14 Uhr irgendein Teil in die Luft erhebt“, sagt der Polier. Er will dann auch nicht oben auf dem Dach sein. Unten ist bestimmt viel mehr los.

Ein Termin zur besten Tageszeit. Es riecht nach einem großen Auflauf. Doch Ingenieur Manfred Matz, der den Abriss geplant hat, sagt: „Das Ganze wird von Anfang an gemächlich und still ablaufen, auch im Interesse der Anwohner.“ Die Pressesprecherin der WBG ergänzt: „Für uns ist die Sache ein Stück weit unspektakulär.“ Selbstverständlich wird sie vor Ort sein. Der Geschäftsführer auch. Und im Restaurant „Steirischer Hof“ gegenüber hat die WBG Tische und die Terrasse gemietet. Für den Ausblick. Ein Stück weit ist die Sache unspektakulär. Ein Stück weit aber auch das Gegenteil.

Neue Farben für Marzahn

Am Mittwoch, kurz vor 14 Uhr, wird der Kran einen Fahrkorb auf 67 Meter Höhe ziehen. Für all die Schaulustigen, die eine Nahaufnahme machen wollen vom ersten Plattenbauwohnhaus, das in Berlin demontiert wird. Von einem schwebenden Betonstück. Einem Zeichen der Zeit.

Hat man das Bild dann vor sich, stellt sich die Frage, für was das Zeichen eigentlich ein Zeichen ist. Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu antworten. Etwa so viele wie man hat, um das Wort Marzahn auszusprechen. Mitte der 70er Jahre, als das riesige Wohngebiet in den Märkischen Sand gesetzt wurde, klang Marzahn noch wie ein Hoffnungsschimmer für die Bürger der Hauptstadt der DDR. Bereits in den 80ern bekam das Wort einen abfälligen Unterton. Es war attraktiver, mit Außenklo in den Altbauten der Stadtmitte zu wohnen als mit 1000 Leuten in Vollkomfortwohnungen am Stadtrand. Mit dem Wind, der in den 90ern ein ganz neues Flair übers wiedervereinigte Berlin brachte, bekam auch Marzahn neue Farben und Attraktionen. Jedoch blieb es ein Häusermeer, und der Unterton, mit dem davon gesprochen wurde, war mitleidig bis verständnislos.

Wer seine Interpretation von Marzahn beibehalten hat, lebt in Erinnerungen. Man sagt: Er ist aus der Zeit. Hinter einer der 296 Wohnungstüren, die vom Doppelhochhaus Marchwitzastraße 1–3 übrig bleiben, hat Brigitte Flade gelebt. Über 20 Jahre. Sie gehörte zu den letzten Mietern. Bevor sie im vergangenen Jahr ausgezogen ist, hat ein Reporter der „Zeit“ an ihrer Tür geklingelt. Da war sie 46, und sie hat ihm alles erzählt, als handelte es sich um ihr ganzes Leben. Von der Heizung, die ihre Wohnung warm gehalten hatte. Von den Nachbarn, mit denen sie gemeinsam den Flur gereinigt und die Grünanlagen gepflegt hatte. Sie sprach von der „Etagengemeinschaft“ wie andere von ihrer Familie. Sie schwärmte von Hausfesten mit Bockwürsten und Kartoffelsalat. Der Reporter schrieb das auf. Sein Text war der Versuch zu verstehen. „Es ist nicht leicht, aber vielleicht machen Sie sich mal die Mühe“, schrieb er. Das war der Versuch, den Lesern begreiflich zu machen, dass die Zeit über uns alle im selben Maße hinweggeht. Es war eine Aufforderung, sie deshalb auch gemeinsam zu ertragen.

10 000 Euro im Monat für eine Ruine

Die schwebende Betonplatte könnte ein Zeichen sein, dass mit bestimmten Häusern auch bestimmte Geschichten verschwinden. Hartmut Meuter von der WBG spricht davon, dass die Gesellschaft die ehemaligen Mieter zufriedenstellend mit neuen Wohnungen versorgt, dass sie die Umzüge finanziell unterstützt und dass es keine Gerichtsprozesse gegeben habe. Er ist Geschäftsführer. Der Lauf der Dinge muss geregelt werden. „Dass ein Haus abgerissen wird, entscheiden letztlich die Menschen allein“, sagt er, „und zwar, indem sie dort nicht mehr einziehen.“ In der Marchwitzastraße 1–3 standen 30 Prozent der Wohnungen leer. Das Haus hätte saniert werden müssen, aber es fand sich kein Käufer, der das hätte tun können. Also wurde das Haus bis Ende 2001 geräumt, dann stellte die WBG Heizung und Strom ab und ließ das Wasser aus den Leitungen. Doch bis der Abrissantrag genehmigt und die dafür notwendige Million Euro mit Geldern aus dem „Programm Stadtumbau Ost“ so gut wie gesichert war, wurde es Herbst 2002. Den Lauf der Dinge zu regeln, kann teuer sein. Die vor sich hin dämmernde Ruine kostete die WBG jeden Monat 10 000 Euro.

Die schwebende Betonplatte könnte ein Zeichen dafür sein, dass Geschichten kein bestimmtes Haus brauchen, weil sie nicht zwischen Wänden, sondern in den Menschen wohnen. Die Marzahner, die ringsum leben, wollen wissen, wann das Hochhaus denn fällt. „Nicht weil wir traurig sind, sondern weil wir es nicht erwarten können“, sagt einer der Männer, die Marzahns Bürger im Gebietsbeirat Südspitze vertreten. Werner Rohde und seine Kollegen schenken diesen Bürgern mit jeder fallenden Etage ein Stück Himmel. Für den 21. Stock haben die Arbeiter etwas mehr Zeit, wenn es läuft, sollen sie 80 Platten am Tag lösen und im Sommer 2003 fertig sein. Dann gibt es zwischen den Häusern eine kahle Stelle, als wären dem Wohngebiet die ersten Haare ausgegangen. „Wir pflanzen Büsche und Bäume und säen Rasen“, sagt der Mann vom Gebietsbeirat. Er ist genauso lange in Marzahn zu Hause wie Frau Flade. Die Nachbarn, die Wege, die Geräusche und der Geruch sind seine Heimat. Wo ihr die Haare ausgehen, wird ihr eine grüne Perücke aufgesetzt. Die Heimat macht sich schön. Bald hat er einen völlig neuen Ausblick. Nahezu unendlich weit, bis zum Fernsehturm.

Die WBG hat 26 000 Wohnungen im Großsiedlungsgebiet, 20 000 sind saniert. Immer mal wieder kamen Käufer nach Marzahn und wollten am Stück 10 000 Wohnungen oder gleich mehrere Hochhäuser kaufen. Irgendwann wusste Meuter, das er mit seriösen Angeboten lieber nicht so schnell rechnen sollte. Nach wie vor schwindet die Bevölkerung im Wohngebiet. Meuter fragt die Leute, warum sie davonziehen, in welche Art von Wohnungen. Die Antworten waren überraschend: Viele bleiben in Marzahn, und von denen, die gehen, verlassen 85 Prozent nicht die Stadt, sondern mieten sich in größere und teurere Wohnungen ein. Eines Tages möchte er ihnen solche guten Adressen auch in Marzahn anbieten.

Die Adresse Marchwitzastraße 1–3 wird nichts als 33 000 Tonnen Betonschutt sein. Sie wird zerkleinert und im Straßenbau wiederverwertet. Das ist auf der WBG-Liste nachzulesen. Es ist kaum vorstellbar: ein Haus, über das Autos fahren. Es ist überhaupt kaum vorstellbar, wie die Zeit ihren Lauf nehmen wird. Sie schreibt die Geschichte eines Hauses. Sie erledigt seinen Verfall. Reißen wir das Haus ab, erledigen wir selber was. Für einen Augenblick sind wir sogar schneller als die Zeit. Verstehen wir es doch so, das Zeichen.

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