Zeitung Heute : Dem Leben zugewandt

RADIALSYSTEM Simon Halsey, sein Rundfunkchor und Jochen Sandig geben Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ eine szenische Gestalt.

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Das ist Simon Halsey, wie er leibt und lebt: Schon im Aufzug ist er kaum zu stoppen, gleich fängt er an zu singen, auf Englisch, denn auch in seinem Heimatland ist Brahms’ „Ein Deutsches Requiem“ enorm populär: „Blessed are they that mourn, for they shall have comfort“ – der vierte Vers aus dem fünften Kapitel des Matthäus-Evangeliums, mit dem Brahms sein Requiem eröffnet. Jenes Werk, das so ganz quer steht zur Tradition der Totenmessen, wie sie etwa Mozart exemplarisch vertont hat. Der Hamburger Protestant Brahms folgt nicht der katholischen Liturgie, sein Requiem soll nicht an die Verstorbenen erinnern, sondern die Hinterbliebenen trösten – ein „Geschenk an die Lebenden“, wie es Jochen Sandig vom Radialsystem formuliert.

Halsey und der Rundfunkchor Berlin werden das Requiem dreimal im Radialsystem aufführen (Solisten: Marlis Petersen und Konrad Jarnot). Für Jochen Sandig, der für die szenische Einrichtung verantwortlich ist, ist es ein Debüt, denn bislang hat er die Produktionen von Sasha Waltz & Guests dramaturgisch begleitet. Das Werk wird allerdings einen anderen Namen tragen: „human requiem“. Um seine menschliche, dem Leben zugewandte, optimistische Dimension zu betonen und um Brahms weiterzudenken. Denn der schrieb 1867 an den Dirigenten der Uraufführung, dass er „recht gern das ,Deutsch’ fortließe und einfach den ,Menschen’ setzte“. Menschsein bedeutet Bewegung – und deshalb wird im „human requiem“ der Körper im Mittelpunkt stehen. Sandig und ein Team der Compagnie von Sasha Waltz choreografieren die Sänger, die rund 350 Zuschauer können sich frei durch den Saal bewegen. Der Abend soll als physisches Erlebnis wahrgenommen werden, Musik als Atem, die aus dem Nichts kommt und wieder ins Nichts eingeht. „Szenisch“ sei eigentlich das falsche Wort dafür, sagt Sandig. „Man muss sehr aufpassen und darf nie den Respekt vor der Musik verlieren. Eine Aktion zu viel, und das Ganze kippt in Pathos und Kitsch.“ Stattdessen ginge es um eine Form von Demut und Bescheidenheit. „Wir wollen nichts Großes. Aber alle Beteiligten sollen sich darauf einlassen.“

Für den Chor ist es eine weitere Gelegenheit, das Herzstück seines Repertoires zu präsentieren. „Es ist eigenartig“, meint Simon Halsey, „dieses Stück gehört zum Kern der Identität des Rundfunkchors, aber es gab keine Aufnahmen davon. Und dann gleich drei in den letzten vier Jahren.“ Eine davon, mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, wurde 2008 mit einem Grammy ausgezeichnet. Ein Orchester wird im Radialsystem nicht auftreten, gespielt wird die von Brahms selbst eingerichtete Klavierversion für vier Hände. Ihr fehlt natürlich der volle romantische Klang, dafür bringt sie die Chorstimmen noch unmittelbarer zum Ausdruck, sozusagen körperlich, was ja ganz im Sinne dieses Abends ist. „Und der Chor kann schneller auf meine Gesten reagieren“, erläutert Halsey, „ein dreifaches Piano ist hier auch tatsächlich möglich.“ Die Passagen der Partitur, wo die Stimmgruppen eng beieinander stehen müssen, hat er schon angestrichen, so dass Jochen Sandig bei der szenischen Umsetzung darauf Rücksicht nehmen kann.

Eingebettet ist die Aufführung in die zweite Ausgabe des Chorfestes „Chor@Berlin“: Vier Tage, 13 Veranstaltungen, die alle vor allem eines zeigen wollen: dass es eine „Renaissance“ des Chorgesangs gibt, wie Simon Halsey es nennt. Neben Angeboten an Laien, etwa dem Auftritt des Ich-kann-nicht-singen-Chors, stehen professionelle Aufführungen. Der Estonian Philharmonic Chamber Choir eröffnet das Festival, in der Bach-Nacht tritt unter anderem das Gesualdo Consort Amsterdam auf, in der Nacht der Berliner Chöre demonstriert die Berliner Szene ihre Vielfältigkeit. Mit dem „human requiem“ wird der Rundfunkchor das Festival dann beschließen. Ein Abend, der an die Vergänglichkeit erinnert – des Lebens wie der Musik. UDO BADELT

Premiere 11.2., 20 Uhr

Weitere Vorstellungen 12. und 19.2., jeweils 20 Uhr

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