Zeitung Heute : Dem Ruf der Wüste lauschen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

Wo ein neues Kind ist, da muss ein Kinderwagen her, das ist ebenso klar wie teuer. Mühelos werden Sie 500 Euro los. Dafür kriegen Sie aber auch ein Gefährt mit dicken Luftreifen wie ein Mountain-Bike, ausladendem Alu-Gestell, zum Joggen mit Handbremse am Schieber, wahlweise drei oder vier Rädern, bespannt mit reiß- und wetterfesten Stoffen, die eine Arktisexpedition überstehen würden. Kinderwagen sind nicht mehr dazu da, nur Kinder zu transportieren, sie eignen sich auch als Geländewagen, Eisbrecher, Umzugslaster und im bewaffneten Kampf.

Dann gibt es noch die Nostalgiemodelle, in denen die Babys auf riesigen weißen Rädern dahinschweben wie Prinzessinnen in der Hochzeitskutsche. Die finde ich sehr schön. Aber sind sie praktisch? Nein, sagt mir der gesunde Mutterverstand, jener Sinn fürs Zweckmäßige, der spätestens mit dem zweiten Kind alle anderen Gefühle aus dem Seelenhaushalt verdrängt. Denn auch wenn sich die Liegewagen später zu Sportwagen umbauen lassen, sie bleiben doch immer groß und sperrig, im Unterschied zu den flotten Buggys, die sich auf Schirmgröße zusammenklappen lassen.

Ich habe beschlossen, keine Hochzeitskutsche zu kaufen und auch keinen Kinderwagen-Jeep. Schließlich lebe ich in Berlin und nicht in Ouagadougou. Statt dessen habe ich für sage und schreibe zwölf Euro einen gebrauchten Liegewagen erstanden, der wahrscheinlich schon ein Dutzend Kinder durch Berlin geschuckelt hat.

Zwölf Euro gezahlt, fünfhundert gespart! Das ist Rekord. „Der ist ja scheußlich“, sagte der Kindsvater, als ich ihm das Gefährt stolz vorführte. Na gut, ich gebe zu: Sein Design ist grün und nicht auf der Höhe der Zeit, die Tragetasche passt nicht dazu, und der Wagen quietscht. Dafür liegt die Karre in der Kurve wie ein Alfa Romeo, sie kennt alle Berliner Bordsteinkanten, und dank ihrer ausgebufften Federung schaukelt das Baby darin wie in Abrahams Schoß. Auch der große Bruder hat Gefallen an ihr gefunden. Seit der Kindsvater ihm ein rollendes Trittbrett, ein kiddy board, gezimmert hat, ist er nämlich von der Hüfte abwärts gelähmt und kann keinen eigenständigen Schritt mehr tun. So wuchte ich meine Brut vor mir her wie eine bag lady ihren vollgepackten Einkaufswagen.

Übrigens hat unser grüner Oldtimer den Härtetest in der Frostperiode glänzend bestanden. An einem der ersten Glätte-Tage, als alle Spaziergänger um uns herum längst auf der Nase lagen, da stand ich immer noch aufrecht, hysterisch festgeklammert an mein rustikales Gefährt. Kurz gesagt, ich liebe das hässliche Ding. Aber von ferne dringt er manchmal doch zu mir, der verführerische Ruf der Wüste, der Duft von Freiheit und Abenteuer. Dann sage ich mir: Wenn die Kinder größer sind, kaufe ich mir eins von diesen teuren Teilen, die bis dahin sicher mit Motor und Allradantrieb ausgestattet sind, setze mich rein und rolle nach Marokko.

Wüstentauglichen Kinderwagen findet man zum Beispiel bei Spiele-Max, im Baby-Fachmarkt (Saarstraße 1, Friedenau; Müllerstraße 12, Wedding) oder bei Baby-Walz (Knesebeckstraße 56/58).

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