Zeitung Heute : Dem Teufel huldigen

Wie eine Mutter Berlin erleben kann

Dorothee Nolte

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Mike Wolff

Ist es Blasphemie, was wir treiben? Darf ich überhaupt darüber reden? Oder wird morgen ein Kardinal gegen mich predigen? Lande ich auf dem Scheiterhaufen?

Alles begann wenige Tage vor Fasching, als ich, mit Timmy an der Hand und dem Kleinen im Buggy, durch die Warenhäuser zog, um ein Kostüm zu finden. Dort, bei C & A am Ku’damm, muss der böse Geist in meinen Sohn gefahren sein. Wie magisch wurde er von dem Ständer mit den Teufelskostümen angezogen. Als wir das Haus verließen, trug er, trotz meiner erbitterten Gegenrede, eine rote Kappe mit zwei Teufelshörnern auf dem Kopf, einen wehenden schwarzen Umhang über der Winterjacke, und er drohte unbeteiligten Passanten mit dem Dreizack. Das war noch harmlos.

Auch nach Fasching bestand das Kind darauf, als Teufel in die Kita zu gehen, wo er, wie mir die Erzieherin besorgt mitteilte, sich immer dann besonders ungebärdig benahm, wenn er die Hörner auf hatte. Zu Hause piesackte er seinen kleinen Bruder mit dem Dreizack und stellte mir ketzerische Fragen: Was soll das sein, der liebe Gott? Gibt es den lieben Gott wirklich? Wenn der Teufel gegen den lieben Gott kämpft, besiegt er ihn dann? Nein, nein, rief ich, meistens siegt das Gute! Selten sah ich ein Kind so enttäuscht. Um das Gegenteil zu beweisen, erklärte es mich zum lieben Gott, drosch auf mich ein und besiegte mich. Dies wurde unser Abendritual: Der liebe Gott, der auf dem Teppich sein Leben ausröchelt, umhüpft von einer kleinen Putte in Gestalt des Brüderchens.

Masochistisch wie ich bin, hatte ich mich mit meiner Rolle als lieber Gott schon fast abgefunden, da trat, nach einem Ausflug zum Krongut Bornstedt und seinem Buchladen, Wilhelm Busch in unser Leben, oder genauer, seine fromme Helene. Deren gar nicht so fromme Seele wird nämlich, kurz bevor sie durch den Schornstein zum Himmel entwischt, vom Teufel abgefangen, der auf dem Dach lauert. Für Timmy war diese Stelle eine Erleuchtung. Fortan musste ich Helenens Seele spielen, zuerst im Schornstein, dann in der Hölle. „O weh, o weh! Der Gute fällt! Es siegt der Geist der Unterwelt.“

Kürzlich saßen wir mal wieder am Abendbrottisch, Luzifer in voller Montur, die kleine Putte matschte vor sich hin, da fragt mich das viereinhalbjährige Kerlchen doch glatt: „Mama, möchtest du den Teufel zum Mann?“ Wieder säuselte ich allerhand Erbauliches, dass ein guter, gottesfürchtiger Mann für eine Frau immer die bessere Wahl ist als ein böser Macho, da sah ich, wie sich die Hörner meines Teufelchens nach unten bogen und seine Mundwinkel verdächtig zuckten. Zermürbt schickte ich meinen inneren Kardinal zum Teetrinken und ergab mich ganz der Kraft des Bösen. „Ja, ich will den Satan zum Mann!“, hörte ich eine grausige Stimme aus meiner Kehle brüllen. Was danach geschah, weiß ich nicht. Aber da wo ich jetzt bin, ist es merkwürdig heiß.

Ein Ausflug zum Krongut Bornstedt mit seinem Markt- und Spielplatz, mit Glashütte und Atrium am See bringt Teufel und Putten auf andere Gedanken (Ribbeckstraße 6/7, 14469 Potsdam, www.krongut-bornstedt.de, 0180/576 64 88). Zum Schloss Sanssouci sind es nur 400 Meter.

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