Zeitung Heute : Dem Winter auf der Nase herumtanzen

Enten setzen auf Wärmetausch, Rehe schalten in den Energiesparmodus: Tiere haben viele Tricks, um der Kälte zu trotzen.

Sabine Maurer
Der Rotfuchs ist so gut an den Winter angepasst, dass er das Frühlingserwachen vorwegnimmt und sich schon im Februar paart.
Der Rotfuchs ist so gut an den Winter angepasst, dass er das Frühlingserwachen vorwegnimmt und sich schon im Februar paart.Foto: epd

Ein kurzer Rasen, ordentlich geschnittene Hecken, alles ist aufgeräumt. Nirgendwo liegt auch nur ein Blatt Laub herum. Menschen mögen das schön finden, für Tiere ist so ein Garten im Winter nutzlos. „Für sie ist es am besten, wenn der Gartenbesitzer der Natur ihren Lauf lässt“, erklärt die Biologin Kathrin H. Dausmann von der Hamburger Universität. In einem leicht verwilderten Garten mit Laub, altem Holz und am besten noch einem Schuppen finden Igel, Frosch und Fledermaus gut einen Platz, um den Winter zu überstehen.

Die heimischen Tiere haben verschiedene Möglichkeiten entwickelt, um der Kälte zu trotzen. Einige Vögel verabschieden sich in den Süden, die Taktiken der weniger reiselustigen Tiere lassen sich grob in Winterschlaf, Winterruhe und Wachbleiben unterteilen. Viele von ihnen haben weitere Tricks, zum Beispiel Insekten. „Sie bilden eine Art Frostschutzmittel im Körper“, sagt Julian Heiermann vom Naturschutzbund Nabu in Berlin. Denn der sichere Tod wäre für sie, wenn Eiskristalle ihr Gewebe zerstörten. Dieses Frostschutzmittel besteht aus Molekülen, die sich außerhalb der Körperzellen einlagern und die Wasserstoffe an sich binden. Das hat den gleichen Effekt wie Salz: Das Wasser gefriert nicht bei null Grad. So können die Tiere zum Beispiel in Rollladenkästen, im Boden oder unter Baumrinden auch eisige Winter überstehen. „Deshalb gibt es auch nach einem kalten Winter nicht weniger Insekten“, sagt Heiermann.

Auf einen möglichst wärmenden Platz sind alle Winterschläfer angewiesen. „Die wirken wie tot“, beschreibt Michael Schales vom Wildpark im hessischen Weilburg ihren Zustand. Sie atmen kaum noch, das Herz schlägt in großen Abständen, die Tiere fühlen sich kalt an. Eigentlich müssten sie verhungern und erfrieren – bei einem spontanen Kälteeinbruch vor ihrer Schlafenszeit würden sie das auch. Der Winterschlaf muss von den Überlebenskünstlern sorgfältig vorbereitet werden. Dazu gehören eine dicke Fettschicht, die sie sich bis zum Herbst anfuttern, und ein geeigneter Schlafplatz.

Manche Tiere kuscheln sich auch eng aneinander. Ein besonderer Gentleman ist das Murmeltiermännchen. Murmeltiere leben in Familien zusammen. Im Frühling wacht zuerst das Männchen auf, heizt seinen Körper auf und wärmt damit die anderen. Das Aufwachen ist für sie dann deutlich einfacher. „Weil Murmeltiere monogam leben, hat das Männchen natürlich ein Interesse daran, Weibchen und Jungtiere gut durch den Winter zu bekommen“, erklärt Dausmann.

Selbst Einzelgänger unter den Vögeln wie der Gartenbaumläufer rücken zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Sie bilden Schlafgemeinschaften und trotzen in Gruppen eng aneinandergekuschelt der Kälte, sagt Eva Goris, Sprecherin der Deutschen Wildtier-Stiftung in Hamburg. Damit alle davon profitieren können, werden regelmäßig die Plätze getauscht: Jeder rückt einmal in die warme Mitte. Dieses Phänomen sei auch bei Zaunkönigen und den Wintergoldhähnchen beobachtet worden, den kleinsten heimischen Singvögeln. Die Überlebensstrategie „Kuscheln“ sei deshalb so wichtig, weil ein etwa meisengroßer Vogel in einer einzigen Winternacht bis zu zehn Prozent seines Körpergewichts verlieren kann.

„Die Vögel müssen viel Energie verbrauchen, um die Körpertemperatur zu halten“, sagt Goris. Der Gewichtsverlust müsse tagsüber durch Fressen schnell wieder ausgeglichen werden, damit die kleinen Vögel die nächste Nacht überleben. Deshalb sei das Füttern von Vögeln eine willkommene Hilfe.

Auch Bienen nutzen die Kuschelstrategie: Sie bilden bei Frost mit ihren Körpern eine Art Kugel, in deren Mitte die Königin bei mindestens 25 Grad in der Wärme hockt. Am äußeren Rand der sogenannten Wintertraube erzeugen die Bienen durch das Vibrieren mit ihrer Muskulatur Wärme.

Selbst Säugetiere wie Fledermäuse und Wildschweine „rotten“ sich zusammen. Während die Wildschweine in ihrem Kessel eng zusammenliegen, verschlafen Fledermäuse dicht gedrängt die kalte Jahreszeit und hängen mit ihren Körpern von der Decke ihrer Winterquartiere in Höhlen oder Gewölben. Sie haben ihren Stoffwechsel heruntergefahren, um Energie zu sparen.

Weltmeister im Winterschlaf sind die Siebenschläfer. Ist der Sommer schlecht, fressen sie nur ein bisschen und legen sich dann wieder hin. Erst im Herbst wachen sie auf – um schon nach wenigen Wochen erneut einzuschlummern. Ihr Winterschlafrekord liegt laut Dausmann bei 18 Monaten, in dieser Zeit waren die Tiere maximal vier Wochen am Stück normal wach. Diese Taktik lohnt sich: Ein Siebenschläfer kann bis zu zehn Jahre alt werden.

Rotwild kommt mithilfe einer Speckschicht sowie eines dicken und dichten Fells durch den Winter. Unter den Haaren bildet sich noch ein Luftpolster. So kommen sie auch noch mit Temperaturen von minus 20 Grad zurecht. Um Energie zu sparen, treten sie im Schnee mit den Hinterhufen in die Spuren der Vorderhufe, außerdem können sie ihren Körper auf einen Energiesparmodus umstellen. Sie verkleinern ihre Verdauungsorgane, der Stoffwechsel fährt herunter, sie bewegen sich kaum noch. Spaziergänger sollten solche Tiere, die unbeweglich dastehen, in Ruhe lassen. Ansonsten müssten sie mühsam auf Betrieb umschalten. Das kostet viel Kraft und Energie.

Federwild wie Enten oder Schwäne setzen auf ihr gut isoliertes Federkleid und auch auf das Prinzip Wärmetausch. Ansonsten würden sie über ihre nackten Füße viel Wärme verlieren. Der Trick: Von den Füßen fließt kaltes Blut nach oben, von dort aus kommt etwa 40 Grad warmes Blut zu den Füßen. Die entgegengesetzten Ströme machen das kalte Blut wärmer und umgekehrt. „So frieren sie auf dem Eis nicht fest und es schmilzt nicht unter ihnen weg“, erklärt Schales vom Weilburger Wildpark.

Räumen Gartenbesitzer auf, machen sie das möglichst im Herbst oder im Frühling. Im Winter sollte alles so bleiben, wie es ist. Ansonsten könnten die Folgen für Tiere, die dort überwintern, fatal sein. Julian Heiermann vom Nabu rät generell nicht nur vom übertriebenen Aufräumen, sondern ebenfalls von Laubsaugern ab – denn diese saugen und häckseln auch Tiere. dpa (mit epd)

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben