Zeitung Heute : Dem Zensor ein Schnippchen schlagen

THOMAS VESER

Im Kampf gegen die Behörden entdecken Schwarzafrikas Journalisten zunehmend das InternetVON THOMAS VESERIm Kampf gegen die Zensurbehörden entdecken Schwarzafrikas Journalisten zunehmend das Netz, über das sie ihre Berichte gleich der ganzen Welt zugänglich machen können.Per E-Mail informieren besonders Nigerias Journalisten über die Entwicklungen in ihrem Land.Im Gegensatz zur durchgängig angepaßt-braven Presse der westafrikanischen Nachbarländer eilte nigerianischen Journalisten schon immer der Ruf voraus, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und die Verstöße der Militärjunta, die sich 1983 an die Macht putschte und seither in regelmäßigen Abständen den Übergang zur Demokratie verspricht, schonungslos offenzulegen. Zwar hatte die Regierung in den vergangenen Jahren ab und zu Journalisten dafür inhaftiert oder einzelne Blätter kurzfristig verboten; um die Pressefreiheit als solche schien es in dem 80 Millionen Einwohner zählenden Land an der Bucht von Guinea jedoch nicht schlecht bestellt zu sein. Mittlerweile hat sich diese Ansicht als Trugschluß erwiesen: Seitdem eine Gruppe von Offizieren Ende 1997 angeblich einen mißlungenen Putschversuch gegen Sani Abacha, Präsident im Generalsrang, vorbereitet hatte, nimmt die staatliche Repression gegen Journalisten fortwährend zu.Wer jetzt nur den geringsten Zweifel an den im übrigen wenig glaubhaften Übergangsplänen zur Demokratie äußert, riskiert Gefängnis.Schon der lapidare Hinweis, daß es bei den angekündigten Wahlen überhaupt keinen zivilen Herausforderer gibt, kann dazu führen, daß der nigerianische State Security Service (SSS) dem Verfasser einen Besuch abstattet. Fortwährende Bedrohungen und Anschläge auf Redaktionen sowie Druckereien erlauben gegenwärtig kaum noch eine normale Berichterstattung.Wird eine Zeitung gedruckt, bedeutet das heute noch lange nicht, daß die Leser auch erfahren, was darin steht, da die gesamte Ausgabe oft im Morgengrauen beschlagnahmt wird. In größerem Maßstab kann die alternative Veröffentlichung über E-Mail vorbei an den staatlichen Zensurbehörden jedoch gerade in Lagos noch nicht betrieben werden: Das veraltete Telefonnetz der Elf-Millionen-Einwohner-Stadt ist hoffnungslos überlastet.Zudem achten die Behörden sorgsam darauf, daß nur einem ausgesuchten Personenkreis - etwa Botschaften oder internationalen Organisationen - der für die elektronische Post nötige Netzzugang gewährt wird.Telefonanschluß wie ein geeigneter Rechner bleiben in allen Ländern Afrikas weiterhin ein unerschwinglicher Luxus, den sich nur eine kleine Elite leisten kann.Und die Zahl privater Anbieter, die sich bisher auf Ghana, die Elfenbeinküste, Senegal und Kenia beschränkten, hält sich in Grenzen. Und dennoch gewinnt das Internet als Forum für Veröffentlichungen auch für Afrika an Bedeutung.Internationale Organisationen, wie der Journalistenverband "Reporters sans Frontières" veröffentlicht auf einer Webseite (www.calvacom.fr/rsf), nach Ländern geordnet, Beiträge aus afrikanischen Zeitungen, die dort beschlagnahmt worden waren. Nachdem die Regierung des westafrikanischen Landes Guinea-Konakry in einer Nacht- und Nebelaktion gleich vier unabhängige Redaktionen schloß, haben die Beiträge der Journalisten jetzt Eingang in das Internet gefunden. So steht dort ein Artikel des Kameruner Journalisten Pius Njawe, der nach der Veröffentlichung seines Beitrags über die Gesundheit des Staatspräsidenten Paul Biya verhaftet worden war.Wie es Njawes Kollegen Eyoum Ngangue, Redakteur des satirischen Wochenblattes "Le Messager Popoli", ergangen ist, wird auf einer weiteren Webseite (www.tele.ch/archivon/online17.html) ebenfalls dokumentiert: Ngangue war im Oktober 1996 wegen "Beleidigung des Präsidenten" und "Verbreitung falscher Nachrichten" zu einem Jahr Haft verurteilt worden."Reporters sans Frontières" hatte die Leser der Webseite aufgefordert, mit ihrer E-Mail-Adresse ein Petitionsschreiben an den Staatspräsidenten zu unterzeichnen.Auf diese Weise gingen in zwei Wochen knapp 50 Unterschriftenbögen ein.Ein halbes Jahr später war Ngangue wieder auf freiem Fuß.

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