Zeitung Heute : Demokratie und Tabu

Juli Zeh und Andrea Nahles im „Streitraum“

Kerstin Decker

Sie tragen braune, mittellange Haare, schwarze Pullover und dazu einen dezent-angriffslustigen Gesichtsausdruck. Sie könnten Schwestern sein. Hinter der SPD-Jung-Frau Andrea Nahles und der Erfolgs-Jung-Autorin Juli Zeh steht schon das Riesen-Goldfischaquarium für Ibsens „Nora“ am Abend. Die Fische schauen fischig ins Publikum der Schaubühne.

Gastgeber Mathias Greffrath erläutert nicht ohne Genuss das Thema des Vormittags – „Die Agonie der Demokratie: Was kommt nach dem Parlamentarismus?“ Immerhin stellen schon ungemein bürgerliche Zeitungen Fragen wie: Ist der totalitär werdende Kapitalismus noch zu zähmen? Juli Zeh blickt leicht genervt. Überhaupt möchte sie sich zuallererst vom Thema distanzieren. Sie gedenke keinesfalls das parlamentarische System abzuschaffen. Sie wurde nur mal gebeten, einen Essay über ein zeitgenössisches Tabu zu schreiben. Aber es gibt doch gar keine Tabus mehr, dachte Juli Zeh. Und dachte kurz darauf: Gibt es doch! Die Demokratie! Es ist nämlich schwer, in einer Demokratie „Scheiß Demokratie!“ zu sagen. Demokratiekritik aber, erklärt die einstige Jurastudentin mit strengem Blick auf Greffrath, sei etwas ganz anderes als Kapitalismuskritik. Kapitalismuskritik üben nämlich alle Gutmenschen, sie aber habe gar nicht vor, ein guter Mensch zu werden. Andrea Nahles schaut nachsichtig auf ihre Kodiskutantin, wie man Menschen besieht, die zwar talentiert, nur eben ein wenig jung sind. Sie, Nahles, sei gerade in China gewesen. In China sehe jeder, wie gut der Kapitalismus und autokratische Systeme zusammenpassen. Die Fische schwimmen konformistisch eng zusammen in dieselbe Richtung. Deshalb ist immer eine Ecke des Beckens leer. Im Übrigen nähere sich die EU dem System China an, nicht umgekehrt.

Wir stehen, sagt Nahles, an einer Weggabelung. Juli Zehs Blick sagt, dass sie immer noch selber entscheidet, wo sie steht. Sie findet, dass die Parteien ohnehin keine Zukunft mehr haben. Greffrath erinnert Juli Zeh daran, im Wahlkampf mit Grass für die SPD geworben zu haben. Zeh sagt, der Grass habe da so Rundmails verschickt, von wegen des Engagements der Schriftsteller, und da habe sie geantwortet. Obwohl sie mit der SPD nun wirklich nicht viel anfangen kann, aber mit der CDU erst recht nicht (Türkei und EU! Datenschutz!). Genauso würden übrigens die meisten jungen Menschen wählen. Zeit für neue Formen der Mitbestimmung! – Greffrath: „Mitbestimmung“ gefällt mir nicht. – Zeh (akademisch-zickig): Ist aber ein Fachterminus! – Greffrath: Ist ein deutliches Zurückgehen hinter den Begriff der Volkssouveränität.

Im „Nora“-Aquarium beißt inzwischen ein großer, hässlicher weißer Goldfisch einen ganz kleinen roten Goldfisch. Andrea Nahles sagt, dass die EU überlegt, eine gesamteuropäische Flugticket-Steuer einzuführen und das mache sie ganz happy. Gesamteuropäisches Handeln, endlich! Nur so geht es! Juli Zeh lacht. Und spricht dann säuerlich-studienrätinnenhaft: Da sind so viele Widersprüche in Ihrer Argumentation! Greffrath möchte jetzt die Taktik der „hinhaltenden Verteidigung“ diskutieren, die er beim Bund gelernt habe. Zeh: Sie waren beim Heer? – Panzer, nickt Greffrath. Am Ende sind sich Greffrath und Nahles einig, dass man wie bei der „hinhaltenden Verteidigung“ wieder eine feste Linie errichten müsste. Demokratie trotz Kapitalismus! Neue Welt – und Selbstbilder für alle bei existenzieller Grundsicherung, fordert Zeh. Im Übrigen sollte jeder künftig bestimmen dürfen, wer seine Einkommenssteuer bekommt, jedenfalls einen Teil davon. Bildung statt Militär, zum Beispiel. Ex-Panzerfahrer Greffrath schaut skeptisch. Andrea Nahles ist begeistert. Sie will das bei der SPD-Grundsatzprogrammdebatte gleich vorschlagen.

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