Zeitung Heute : Demokratisches Aufbegehren

Eine böse Erinnerung lag über dieser Wahl: 2002 hatte der rechtsextreme Le Pen die zweite Runde erreicht. Das wollten die Franzosen diesmal verhindern – und gingen massenhaft an die Urnen

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Es gibt Szenen, die sich für immer ins Gedächtnis einprägen. Zum Beispiel die von der schwarzen Citroën-Limousine, de Gaulles altem Dienstwagen, in der sich Jacques Chirac an einem Abend im Mai vor zwölf Jahren vom Pariser Rathaus in sein Wahlhauptquartier chauffieren ließ. Er saß im Fond, die Seitenscheibe war heruntergekurbelt, den rechten Arm hatte er in die Fensteröffnung gelegt, manchmal winkte er Passanten zu, und ein Motorradfahrer mit einem Kameramann auf dem Soziussitz fuhr neben seinem Wagen her. Die Bilder dieser Fahrt wurden vom Fernsehsender France 2 direkt ausgestrahlt, auch die Rufe „Monsieur le Président“, mit denen der Kameramann den Wahlsieger von 1995 – vergeblich – zu einer ersten Erklärung zu bewegen suchte.

Am Sonntagabend erlebte diese Szene eine Neuauflage. Durch einen Seitenausgang verließ Nicolas Sarkozy den Konzertsaal, in dem er vor 3000 Anhängern und Journalisten soeben seine Fernseherklärung nach der ersten Wahlrunde abgegeben hatte. Dann bestieg er den von der konservativen Regierungspartei für ihren Kandidaten gemieteten Leihwagen, ein Oberklassenmodell von Renault, um sich zurück in sein Wahlhauptquartier zu begeben. Ein Motorradfahrer von France 2 mit einem Kameramann auf dem Soziussitz folgte dem Fahrzeug, um die Jagd nach Exklusivität zu wiederholen, diesmal mit mehr Erfolg. Auch Sarkozy kurbelte die Seitenscheibe herunter, legte den Arm lässig in die Fensteröffnung, und als das Motorrad seine Höhe erreichte, streckte er den Daumen der rechten Hand zur Bekräftigung seines Erfolgs nach oben und auf den Zuruf des Kameramanns richtete der vom Hochgefühl dieses Abends erfüllte Präsidentschaftskandidat „Grüße an David Poujadas und Elise Lucet“ aus, die beiden Moderatoren der gerade laufenden Wahlsendung von France 2.

Nicolas Sarkozy hat die Wahl noch nicht gewonnen. Aber nach dem Erfolg in der ersten Abstimmungsrunde, in der ihm elf Millionen Wähler einen deutlichen Vorsprung vor der sozialistischen Konkurrentin Ségolène Royal bescherten, sieht er sich bereits auf der Siegesstraße. Er fuhr das beste Ergebnis ein, das seit 1974 von einem Kandidaten der Rechten in der ersten Runde erreicht wurde.

Den Erfolg verdankt er der Rücksichtslosigkeit, mit der er sich über Konventionen hinwegsetzte, das politisch Korrekte umstieß und mit provozierenden Thesen zu der angeblich durch Einwanderer gefährdeten nationalen Identität im Revier des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen Wähler wilderte. „Was ist denn schlimm daran, wenn ich dessen Wähler ins republikanische Lager zurückhole?“, rechtfertigte er sich einmal.

Bei einer Million der über vier Millionen Wähler, die 2002 für Le Pen gestimmt hatten, kam dies nach den Erhebungen von Wahlforschern an. Mit 10,5 Prozent erzielte der Rechtsextremist sein schlechtestes Ergebnis seit 25 Jahren. Möglich ist, dass dieser Rückschlag das Ende der politischen Laufbahn des 78-jährigen Parteichefs einleitet, der sich großsprecherisch diesmal sogar den Sieg zutraute.

Dass es so hätte kommen können, war nie sehr wahrscheinlich. Dennoch lag die Erinnerung an 2002, als Le Pen mit knapp 200 000 Stimmen mehr als der Sozialist Lionel Jospin in die zweite Wahlrunde gegen den Amtsinhaber Jacques Chirac einzog, über dieser Wahl. Dieses Trauma haben die Franzosen jetzt ausgewischt. Ihre massive Wahlbeteiligung, mit 85 Prozent die höchste seit 1965, kommt einem demokratischen Aufbegehren gleich. 2002 war knapp ein Drittel der Wähler der Abstimmung ferngeblieben. Das hatte die Extremisten am rechten wie am linken Rand des politischen Spektrums begünstigt.

Über diesen „Sieg der Demokratie“ war am Sonntagabend die Erleichterung bei den Sozialisten besonders groß. Für sie ist dieser Wahlausgang die Revanche für die schmähliche Niederlage Jospins vor fünf Jahren. Mit über 25 Prozent hat ihre Kandidatin einen Erfolg erzielt, mit dem sie sich durchaus mit einem so illustren Vorgänger wie François Mitterrand vergleichen kann. Der hatte 1981 in der ersten Runde mit 25,8 Prozent ebenfalls weniger gut abgeschnitten als Giscard, dann aber doch die Wahl gegen ihn gewonnen. Warum sollte sich das heute nicht wiederholen, lautet die Frage, die man sich jetzt im Parteihauptquartier stellt.

Doch die Möglichkeiten, dass es so kommt, sind rein rechnerisch nicht sehr groß, und die Geschichte wiederholt sich selten. Mitterrand konnte sich damals auch auf die Hilfe der Kommunisten stützen, die noch ein größeres Gewicht hatten, sowie auf zwei kleinere Linksparteien. Links von ihrer Partei gibt es heute jedoch für die Sozialisten nicht mehr viele Stimmen zu mobilisieren. Zählt man die Stimmen zusammen, die auf die Kommunisten, die Grünen, die Trotzkisten sowie den Globalisierungskritiker José Bové entfielen, kommen gerade 10,6 Prozent zusammen.

Wie die sozialistische Kandidatin dieses Handikap überwinden könnte, ist eine Frage, um die bei den Sozialisten schon vor dem Wahlgang gestritten wurde. Michel Rocard, der frühere Premier, hatte zu einem Bündnis mit François Bayrou, dem Kandidaten der Zentrumspartei UDF, geraten und damit bei Royal und anderen Schwergewichten der Partei eine Abfuhr erlebt. Doch jetzt stellt sich die Frage erneut. Bayrou hat zwar sein Ziel verfehlt, in die zweite Runde zu kommen, aber mit 18,5 Prozent der Stimmen ist er nun der meistumworbene Mann der französischen Politik. Doch dass er seine Wähler auffordert, für eine der beiden Seiten, die er im Wahlkampf für den Niedergang Frankreichs verantwortlich machte, zu stimmen, ist nicht wahrscheinlich. Und ohne politische Gegenleistung eigentlich undenkbar. Von Verhandlungen mit Bayrou will Royal indessen nichts wissen.

Aber auch Sarkozy braucht Bayrous Wähler. Da könnte der Vorschlag einer Wahlrechtsreform hilfreich sein, die der kleinen UDF die Rückkehr ins Parlament erleichtern würde. Ein Mitarbeiter Sarkozys hatte ihn kürzlich ins Gespräch gebracht. „Wir sind nicht käuflich“, hat Hervé Morin, als Fraktionschef ein enger Vertrauter Bayrous, ihn zurückgewiesen. Aber man wird sehen.

Unterdessen geht der Wahlkampf in die zweite Runde. Für Royal mit einer Großkundgebung in Valence und für Sarkozy in Dijon, wohin er sich am Nachmittag, wie er zu sagen pflegt, „mit Vollgas“ begab. Nächste Woche werden sie dann zum Fernsehduell, dem Höhepunkt des Wahlkampfs, gegeneinander antreten.

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